Götterdämmerung 1. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Siegfried legt mit dem Kahne an und springt, nachdem Hagen den Kahn mit der Kette am Ufer festgeschlossen hat, mit dem Rosse auf den Strand
HagenHeil! Siegfried, teurer Held!13Fluch
Gunther ist zu Hagen an das Ufer getreten. Gutrune blickt vom Hochsitze aus in staunender Bewunderung auf Siegfried. Gunther will freundlichen Gruß bieten. Alle sind in gegenseitiger stummer Betrachtung gefesselt

82Verlockung
Siegfried auf sein Roß gelehnt, bleibt ruhig am Kahne stehen
Wer ist Gibichs Sohn?

67Siegfried
GuntherGunther, ich, den du suchst.

20Gibichungen
SiegfriedDich hört’ ich rühmen weit am Rhein:67Siegfried
nun ficht mit mir, oder sei mein Freund!

67
GuntherLaß den Kampf!
Sei willkommen!

Siegfried sieht sich ruhig um82Verlockung
Wo berg’ ich mein Roß?

60Ritt
HagenIch biet’ ihm Rast.

Siegfried zu Hagen gewendet82Verlockung
Du riefst mich Siegfried:13Fluch
sahst du mich schon?

HagenIch kannte dich nur an deiner Kraft.

67Siegfried
Siegfried indem er an Hagen das Roß übergibt
Wohl hüte mir Grane! Du hieltest nie560Brünnhilde
Ritt
Gattenliebe
von edlerer Zucht am Zaume ein Roß.56017
Hagen führt das Roß rechts hinter die Halle ab. Während Siegfried ihm gedankenvoll nachblickt, entfernt sich auch Gutrune, durch einen Wink Hagens bedeutet, von Siegfried unbemerkt, nach links durch eine Tür in ihr Gemach – Gunther schreitet mit Siegfried, den er dazu einlädt, in die Halle vor

16Gastfreundschaft
GuntherBegrüße froh, o Held,
die Halle meines Vaters;
wohin du schreitest,
was du ersiehst,
das achte nun dein Eigen:
dein ist mein Erbe, Land und Leut’,
hilf, mein Leib, meinem Eide!
Mich selbst geb’ ich zum Mann.

16Gastfreundschaft
SiegfriedNicht Land noch Leute biete ich,
noch Vaters Haus und Hof:
einzig erbt’ ich den eignen Leib;93Wälsungen
lebend zehr’ ich den auf.32Jubel
Nur ein Schwert hab’ ich,64Schmelzlied
selbst geschmiedet:6550Schwert
Nibelungen
Hagen
hilf, mein Schwert, meinem Eide!25
Das biet’ ich mit mir zum Bund.

Hagen der zurückgekommen ist und jetzt hinter Siegfried steht
Doch des Niblungenhortes253050Hagen
Hort
Nibelungen
nennt die Märe dich Herrn?

253050
Siegfried sich zu Hagen umwendend
Des Schatzes vergaß ich fast:5750Rheintöchtersang
so schätz’ ich sein müß’ges Gut!5750Nibelungen
In einer Höhle ließ ich’s liegen,106Wurm
wo ein Wurm es einst bewacht’.

106
HagenUnd nichts entnahmst du ihm?

5750Rheintöchtersang
Siegfried auf das stählerne Netzgewirk deutend, das er im Gürtel hängen hat5750Nibelungen
Dies Gewirk, unkund seiner Kraft.

5750
HagenDen Tarnhelm kenn’ ich,50
der Niblungen künstliches Werk:
er taugt, bedeckt er dein Haupt,74Tarnhelm
dir zu tauschen jede Gestalt;74
verlangt dich’s an fernsten Ort,74
er entführt flugs dich dahin.74
Sonst nichts entnahmst du dem Hort?

50Nibelungen
SiegfriedEinen Ring.

59Ring
HagenDen hütest du wohl?

SiegfriedDen hütet ein hehres Weib.

17Gattenliebe
Hagen für sich
Brünnhild’!...

25Hagen
GuntherNicht, Siegfried, sollst du mir tauschen:
Tand gäb’ ich für dein Geschmeid,16Gastfreundschaft
nähmst all’ mein Gut du dafür.16
Ohn’ Entgelt dien’ ich dir gern.16
Hagen ist zu Gutrunes Türe gegangen und öffnet sie jetzt. Gutrune tritt heraus, sie trägt ein gefülltes Trinkhorn und naht damit Siegfried

24Gutrune
GutruneWillkommen, Gast, in Gibichs Haus!24
Seine Tochter reicht dir den Trank.

24
Siegfried neigt sich ihr freundlich und ergreift das Horn; er hält es gedankenvoll vor sich hin und sagt leise24
Vergäß’ ich alles, was du mir gabst,7Entzückung
von einer Lehre lass’ ich doch nie:7
den ersten Trunk zu treuer Minne,68Siegfriedliebe
Brünnhilde, bring’ ich dir!
Er setzt das Trinkhorn an und trinkt in einem langen Zuge. Er reicht das Horn an Gutrune zurück, die verschämt und verwirrt ihre Augen vor ihm niederschlägt2481Gutrune
Vergessenheit
Er heftet den Blick mit schnell entbrannter Leidenschaft auf sie24
Die so mit dem Blitz den Blick du mir sengst,24
was senkst du dein Auge vor mir?24
Gutrune schlägt errötend das Auge zu ihm auf24
Ha, schönstes Weib!
Schließe den Blick;
das Herz in der Brust
brennt mir sein Strahl:
zu feurigen Strömen fühl’ ich
ihn zehrend zünden mein Blut!
mit bebender Stimme
Gunther, wie heißt deine Schwester?

82Verlockung
GuntherGutrune.

24Gutrune
Siegfried leise24
Sind’s gute Runen,24
die ihrem Aug’ ich entrate?24
Er faßt Gutrune mit feurigem Ungestüm bei der Hand24
Deinem Bruder bot ich mich zum Mann:
der Stolze schlug mich aus;
trügst du, wie er, mir Übermut,
böt’ ich mich dir zum Bund?
Gutrune trifft unwillkürlich auf Hagens Blick. Sie neigt demütig das Haupt, und mit einer Gebärde, als fühle sie sich seiner nicht wert, verläßt sie schwankenden Schrittes wieder die Halle2524Hagen
Gutrune
von Hagen und Gunther aufmerksam beobachtet, blickt ihr, wie festgezaubert, nach; dann, ohne sich umzuwenden, fragt er:13Fluch
Hast du, Gunther, ein Weib?

GuntherNicht freit’ ich noch,
und einer Frau soll ich mich schwerlich freun!91Walküre
Auf eine setzt’ ich den Sinn,21Goldherrschaft
die kein Rat mir je gewinnt.

25Hagen
Siegfried wendet sich lebhaft zu Gunther
Was wär’ dir versagt, steh’ ich zu dir?

32Jubel
GuntherAuf Felsen hoch ihr Sitz –

12Feuerzauber
Siegfried mit verwunderungsvoller Hast einfallend12
«Auf Felsen hoch ihr Sitz;»

12
Guntherein Feuer umbrennt den Saal –

12
Siegfried«ein Feuer umbrennt den Saal»... ?

12
GuntherNur wer durch das Feuer bricht –

88Waldvogel
Siegfried mit der heftigsten Anstrengung, um eine Erinnerung festzuhalten88
«Nur wer durch das Feuer bricht»... ?

88
Gunther– darf Brünnhildes Freier sein.88
Siegfried drückt durch eine Gebärde aus, daß bei Nennung von Brünnhildes Namen die Erinnerung ihm vollends ganz schwindet81Vergessenheit
Nun darf ich den Fels nicht erklimmen;
das Feuer verglimmt mir nie!

Siegfried kommt aus einem traumartigen Zustand zu sich und wendet sich mit übermütiger Lustigkeit zu Gunther42Loge
Ich – fürchte kein Feuer,42
für dich frei ich die Frau;42
denn dein Mann bin ich,42
und mein Mut ist dein,42
gewinn’ ich mir Gutrun’ zum Weib.

42
GuntherGutrune gönn’ ich dir gerne.

24Gutrune
SiegfriedBrünnhilde bring’ ich dir.

4291Loge
Walküre
GuntherWie willst du sie täuschen?

42
SiegfriedDurch des Tarnhelms Trug4225Hagen
tausch’ ich mir deine Gestalt.

42
GuntherSo stelle Eide zum Schwur!

SiegfriedBlut-Brüderschaft schwöre ein Eid!4Blutbrüderschaft
Hagen füllt ein Trinkhorn mit frischem Wein; dieses hält er dann Siegfried und Gunther hin, welche sich mit ihren Schwertern die Arme ritzen und diese eine kurze Zeit über die Öffnung des Trinkhornes halten. – Siegfried und Gunther legen zwei ihrer Finger auf das Horn, welches Hagen fortwährend in ihrer Mitte hält.138342652025Fluch
Vertrag
Loge
Schwert
Gibichungen
Hagen

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Blühenden Lebens labendes Blut
träufelt’ ich in den Trank.

GuntherBruder-brünstig mutig gemischt,
blüh’ im Trank unser Blut.

2583Hagen
Vertrag
SiegfriedTreue trink’ ich dem Freund.4Blutbrüderschaft
Froh und frei entblühe dem Bund,15Freiheit
Blut-Brüderschaft heut’!

2583Hagen
Vertrag
GuntherBricht ein Bruder den Bund,

73Sühne
SiegfriedTrügt den Treuen der Freund,73
Was in Tropfen heut’ hold wir tranken,
in Strahlen ström’ es dahin,
fromme Sühne dem Freund!

Gunther trinkt und reicht das Horn Siegfried1383Fluch
Vertrag
So – biet’ ich den Bund.

SiegfriedSo – trink’ ich dir Treu’!77Treue
Er trinkt und hält das geleerte Trinkhorn Hagen hin. Hagen zerschlägt mit seinem Schwerte das Horn in zwei Stücke. Siegfried und Gunther reichen sich die Hände2583Hagen
Vertrag
betrachtet Hagen, welcher während des Schwures hinter ihm gestanden82Verlockung
Was nahmst du am Eide nicht teil?

24Gutrune
HagenMein Blut verdürb’ euch den Trank;73Sühne
nicht fließt mir’s echt und edel wie euch;3350Jugend
Nibelungen
Ring
störrisch und kalt stockt’s in mir;5950
nicht will’s die Wange mir röten.6Entsagung
Drum bleibt ich fern vom feurigen Bund.

Gunther zu Siegfried
Laß den unfrohen Mann!

25Hagen
Siegfried hängt sich den Schild wieder über
Frisch auf die Fahrt!
Dort liegt mein Schiff;
schnell führt es zum Felsen.4291Loge
Walküre
Er tritt näher zu Gunther und bedeutet diesen42
Eine Nacht am Ufer harrst du im Nachen;4274Tarnhelm
die Frau fährst du dann heim.4274
Er wendet sich zum Fortgehen und winkt Gunther, ihm zu folgen

42
GuntherRastest du nicht zuvor?

42
SiegfriedUm die Rückkehr ist mir’s jach!42
Er geht zum Ufer, um das Schiff loszubinden

42
GuntherDu, Hagen, bewache die Halle!42
Er folgt Siegfried zum Ufer. – Während Siegfried und Gunther, nachdem sie ihre Waffen darin niedergelegt, im Schiff das Segel aufstecken und alles zur Abfahrt bereit machen, nimmt Hagen seinen Speer und Schild422591Hagen
Walküre
Gutrune erscheint an der Tür ihres Gemachs, als soeben Siegfried das Schiff abstößt, welches sogleich der Mitte des Stromes zutreibt

GutruneWohin eilen die Schnellen?

Hagen während er sich gemächlich mit Schild und Speer vor der Halle niedersetzt
Zu Schiff – Brünnhild’ zu frein.

91Walküre
GutruneSiegfried?

42Loge
HagenSieh’, wie’s ihn treibt,42
zum Weib dich zu gewinnen!

24Gutrune
GutruneSiegfried – mein!24
Sie geht, lebhaft erregt, in ihr Gemach zurück24
Siegfried hat das Ruder erfaßt und treibt jetzt mit dessen Schlägen den Nachen stromabwärts, so daß dieser bald gänzlich außer Gesicht kommt

Hagen sitzt mit dem Rücken an den Pfosten der Halle gelehnt, bewegungslos512529Nibelungenhass
Hagen
Horn
Hier sitz’ ich zur Wacht, wahre den Hof,
wehre die Halle dem Feind.9921Wehe
Goldherrschaft
Gibichs Sohne wehet der Wind,
auf Werben fährt er dahin.2529Hagen
Horn

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
lhm führt das Steuer ein starker Held,67Siegfried
Gefahr ihm will er bestehn:9921Wehe
Goldherrschaft
Walküre
Die eigne Braut ihm bringt er zum Rhein;91
mir aber bringt er – den Ring!256Hagen
Entsagung
Rheingold
Ihr freien Söhne, frohe Gesellen,54
segelt nur lustig dahin!6Entsagung
Dünkt er euch niedrig, ihr dient ihm doch,9054Walhall
des Niblungen Sohn.9054Rheingold
Ein Teppich, welcher dem Vordergrunde zu die Halle einfaßte, schlägt zusammen und schließt die Bühne vor dem Zuschauer ab. Nachdem während eines kurzen Orchester-Zwischenspieles der Schauplatz verwandelt ist, wird der Teppich gänzlich aufgezogen9921512559296783Wehe
Goldherrschaft
Nibelungenhass
Hagen
Ring
Horn
Siegfried
Vertrag