Götterdämmerung 1. Aufzug 3. Szene 1

Dritte Szene
Die Felsenhöhle – wie im Vorspiel – Brünnhilde sitzt am Eingange des Steingemaches, in stummen Sinnen Siegfrieds Ring betrachtend; von wonniger Erinnerung überwältigt, bedeckt sie ihn mit Küssen. Ferner Donner läßt sich vernehmen, sie blickt auf und lauscht. Dann wendet sie sich wieder zu dem Ring. Ein feuriger Blitz. Sie lauscht von neuem und späht nach der Ferne, von woher eine finstre Gewitterwolke dem Felsensaume zuzieht51359813791Brünnhilde
Fluch
Ring
Vergessenheit
Liebesglück
Walküre
BrünnhildeAltgewohntes Geräusch
raunt meinem Ohr die Ferne.
Ein Luftroß jagt im Laufe daher;60Ritt
auf der Wolke fährt es wetternd zum Fels.60
Wer fand mich Einsame auf?

60
Waltraute ihre Stimme aus der Ferne
Brünnhilde! Schwester!92Walkürenruf
Schläfst oder wachst du?

92
Brünnhilde fährt vom Sitze auf
Waltrautes Ruf, so wonnig mir kund!6092Ritt
in die Szene rufend6092Walkürenruf
Kommst du, Schwester?6092
Schwingst dich kühn zu mir her?6092
Sie eilt nach dem Felsrande6092
Dort im Tann6092
– dir noch vertraut –6092
steige vom Roß6092
und stell’ den Renner zur Rast!6092
Sie stürmt in den Tann, von wo ein starkes Geräusch, gleich einem Gewitterschlage, sich vernehmen läßt. Dann kommt sie in heftiger Bewegung mit Waltraute zurück; sie bleibt freudig erregt, ohne Waltrautes ängstliche Scheu zu beachten
Kommst du zu mir?
Bist du so kühn,
magst ohne Grauen
Brünnhild’ bieten den Gruß?

WaltrauteEinzig dir nur galt meine Eil’!

76Todesklage
Brünnhilde in höchster freudiger Aufgeregtheit
So wagtest du, Brünnhild’ zulieb,
Walvaters Bann zu brechen?
Oder wie – o sag’ –
wär’ wider mich Wotans Sinn erweicht?
Als dem Gott entgegen Siegmund ich schützte,
fehlend – ich weiß es –
erfüllt’ ich doch seinen Wunsch.
Daß sein Zorn sich verzogen,76Todesklage
weiß ich auch;76
denn verschloß er mich gleich in Schlaf,
fesselt’ er mich auf den Fels,
wies er dem Mann mich zur Magd,
der am Weg mich fänd’ und erweckt’,
meiner bangen Bitte doch gab er Gunst:595Brünnhilde
Wälsungenliebe
Walküre
Loge
Wälsungenliebe
Entzückung
mit zehrendem Feuer umzog er den Fels,9142
dem Zagen zu wehren den Weg.95
So zur Seligsten schuf mich die Strafe:767
der herrlichste Held767Siegfried
gewann mich zum Weib!767
In seiner Liebe leucht’ und lach’ ich heut’ auf.791Walküre
Sie umarmt Waltraute unter stürmischen Freudenbezeigungen, welche diese mit scheuer Ungeduld abzuwehren sucht
Lockte dich, Schwester, mein Los?
An meiner Wonne willst du dich weiden,
teilen, was mich betraf?

Waltraute heftig
Teilen den Taumel, der dich Törin erfaßt?
Ein andres bewog mich in Angst,
zu brechen Wotans Gebot.
Brünnhilde gewahrt hier erst mit Befremdung die wildaufgeregte Stimmung Waltrautes

BrünnhildeAngst und Furcht fesseln dich Arme?
So verzieh der Strenge noch nicht?
Du zagst vor des Strafenden Zorn?

Waltraute düster
Dürft’ ich ihn fürchten,79Unmuth
meiner Angst fänd’ ich ein End’!

79
BrünnhildeStaunend versteh’ ich dich nicht!

WaltrauteWehre der Wallung:
achtsam höre mich an!
Nach Walhall wieder
drängt mich die Angst,
die von Walhall hierher mich trieb.

Brünnhilde erschrocken
Was ist’s mit den ewigen Göttern?

WaltrauteHöre mit Sinn, was ich dir sage!
Seit er von dir geschieden,79Unmuth
zur Schlacht nicht mehr schickte uns Wotan;
irr und ratlos ritten wir ängstlich zu Heer;7991Unmuth
Walküre
Unheil
Unruhe
Walhalls mutige Helden mied Walvater.7978
Einsam zu Roß, ohne Ruh’ noch Rast,8060
durchschweift er als Wandrer die Welt.8060Ritt
Jüngst kehrte er heim;90Walhall
in der Hand hielt er seines Speeres Splitter:8390Vertrag
die hatte ein Held ihm geschlagen.90
Mit stummem Wink Walhalls Edle90
wies er zum Forst, die Weltesche zu fällen.90
Des Stammes Scheite hieß er sie schichten103Weltesche
zu ragendem Hauf rings um der Seligen Saal.103
Der Götter Rat ließ er berufen;10390Walhall
den Hochsitz nahm heilig er ein:10390
ihm zu Seiten hieß er die Bangen sich setzen,10390
in Ring und Reih’ die Hall’ erfüllen die Helden.10390
So sitzt er, sagt kein Wort,61Schicksal
auf hehrem Sitze stumm und ernst,61
des Speeres Splitter fest in der Faust;
Holdas Äpfel rührt er nicht an.33Jugend
Staunen und Bangen binden starr die Götter.90Walhall
Seine Raben beide sandt’ er auf Reise:99Wehe
kehrten die einst mit guter Kunde zurück,
dann noch einmal – zum letztenmal –57Rheintöchtersang
lächelte ewig der Gott.57
Seine Knie umwindend, liegen wir Walküren;79Unmuth
blind bleibt er den flehenden Blicken;
uns alle verzehrt Zagen und endlose Angst.
An seine Brust preßt’ ich mich weinend:7978Unmuth
Unheil
da brach sich sein Blick –
er gedachte, Brünnhilde, dein’!105Wotans Scheidegruss
Tief seufzt’ er auf, schloß das Auge,105
und wie im Traume57Rheintöchtersang
raunt’ er das Wort:57
«Des tiefen Rheines Töchtern59Ring
gäbe den Ring sie wieder zurück,6Entsagung
von des Fluches Last13Fluch
erlöst wär’ Gott und Welt!»5790Rheintöchtersang
Walhall
Unmuth
Unheil
Da sann ich nach: von seiner Seite7879
durch stumme Reihen stahl ich mich fort;7879
in heimlicher Hast bestieg ich mein Roß7879
und ritt im Sturme zu dir.60Ritt
Dich, o Schwester, beschwör’ ich nun:
was du vermagst, vollend’ es dein Mut!
Ende der Ewigen Qual!
Sie hat sich vor Brünnhilde niedergeworfen

79Unmuth
Brünnhilde ruhig
Welch’ banger Träume Mären
meldest du Traurige mir!
Der Götter heiligem Himmelsnebel90Walhall
bin ich Törin enttaucht:
nicht faß ich, was ich erfahre.
Wirr und wüst scheint mir dein Sinn;78Unheil
in deinem Aug’ – so übermüde –78
glänzt flackernde Glut.78
Mit blasser Wange, du bleiche Schwester,78
was willst du Wilde von mir?

78
Waltraute heftig59Ring
An deiner Hand, der Ring,
er ist’s; – hör’ meinen Rat:
für Wotan wirf ihn von dir!

BrünnhildeDen Ring? – Von mir?

WaltrauteDen Rheintöchtern gib ihn zurück!

BrünnhildeDen Rheintöchtern – ich – den Ring?
Siegfrieds Liebespfand?59Ring
Bist du von Sinnen?

WaltrauteHör’ mich! Hör’ meine Angst!
Der Welt Unheil haftet sicher an ihm.21Goldherrschaft
Wirf ihn von dir, fort in die Welle!
Walhalls Elend zu enden,21Goldherrschaft
den verfluchten wirf in die Flut!

BrünnhildeHa! Weißt du, was er mir ist?59Ring
Wie kannst du’s fassen, fühllose Maid!
Mehr als Walhalls Wonne,59Ring
mehr als der Ewigen Ruhm
ist mir der Ring:
ein Blick auf sein helles Gold,
ein Blitz aus dem hehren Glanz
gilt mir werter
als aller Götter ewig währendes Glück!
Denn selig aus ihm leuchtet mir Siegfrieds Liebe:68Siegfriedliebe
Siegfrieds Liebe!
O ließ’ sich die Wonne dir sagen!5Brünnhilde
Sie – wahrt mir der Reif.7Entzückung
Geh’ hin zu der Götter heiligem Rat!78Unheil
Von meinem Ringe raune ihnen zu:
die Liebe ließe ich nie,6Entsagung
mir nähmen nie sie die Liebe,6
stürzt’ auch in Trümmern90Walhall
Walhalls strahlende Pracht!

WaltrauteDies deine Treue?8613Verzweiflung
So in Trauer8613Fluch
entlässest du lieblos die Schwester?

8613
BrünnhildeSchwinge dich fort!8613
Fliege zu Roß!8613
Den Ring entführst du mir nicht!

WaltrauteWehe! Wehe!
Weh’ dir, Schwester!
Walhalls Göttern weh’!99Wehe
Sie stürzt fort. Bald erhebt sich unter Sturm eine Gewitterwolke aus dem Tann

9192Walküre
Walkürenruf
Brünnhilde während sie der davonjagenden, hell erleuchteten Gewitterwolke, die sich bald gänzlich in der Ferne verliert, nachblickt
Blitzend Gewölk,91Walküre
vom Wind getragen,91
stürme dahin:91
zu mir nie steure mehr her!91