Holländer 2. Aufzug 3. Szene

Dritte Szene
Nr. 6. Finale
Die Tür geht auf. Daland und der Holländer treten ein. Sentas Blick streift vom Bilde auf den Holländer, sie stößt einen Schrei der Überraschung aus und bleibt wie festgebannt stehen, ohne ihr Auge vom Holländer abzuwenden.
DalandMein Kind, du siehst mich auf der Schwelle…
Wie? Kein Umarmen, Keinen Kuß?
Du bleibst gebannt an deiner Stelle –
verdien’ ich, Senta, solchen Gruß?

SentaGott dir zum Gruß!
Mein Vater, sprich!
Wer ist der Fremde?

Daland lächelnd
Drängst du mich?
Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen?
Seemann ist er, gleich mir,
das Gastrecht spricht er an.
Lang’ ohne Heimat,
stets auf fernen, weiten Reisen,
in fremden Landen er
der Schätze viel gewann.
Aus seinem Vaterland verwiesen,
für einen Herd er reichlich lohnt:
sprich, Senta, würd’ es dich verdrießen,
wenn dieser Fremde bei uns wohnt?
Senta nickt beifällig mit dem Kopf. Daland wendet sich zum Holländer.
Sagt, hab’ ich sie zuviel gepreisen?
Ihr seht sie selbst – ist sie Euch recht?
Soll ich von Lob noch überfließen?
Gesteht, sie zieret ihr Geschlecht?


Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
zu Senta
Mögst du, mein Kind,
dem Manne freundlich dich erweisen!
Von deinem Herzen auch
spricht holde Gab’ er an;
Reich’ ihm die Hand, denn Bräutigam
sollst du ihn heißen:
stimmst du der Vater bei,
ist morgen er dein Mann.
Sieh dieses Band, sieh diese Spangen!
Was er besitzt, macht dies gering.
Muß, teures Kind, dich’s nicht verlangen?
Dein ist es, wechselst du den Ring.
Senta, ohne ihn zu beachten, wendet ihren Blick nicht vom Holländer ab, sowie auch dieser ohne auf Daland zu hören, nur in den Anblick des Mädchens versunken ist. Daland wird es gewahr; er betrachtet beide.
Doch keines spricht…
Sollt’ ich hier lästig sein?
So ist’s! Am besten laß’ ich sie allein.
zu Senta
Mögst du den edlen Mann gewinnen!
Glaub’ mir, soch’ Glück wird immer neu.
zum Holländer
Bleibt hier allein!
Ich geh’ von hinnen.
Glaubt mir, wie schön, so ist sie treu!
Er geht langsam ab, indem er die beiden wohlgefällig und verwundert betrachtet.

HolländerWie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten
spricht dieses Mädchens Bild zu mir:
wie ich’s geträumt seit bangen Ewigkeiten,
vor meinen Augen seh’ ich’s hier.
Wohl hub auch ich voll Sehnsucht meine Blicke
aus tiefer Nacht empor zu einem Weib:
ein schlagend’ Herz ließ, ach! mir Satans Tücke,
daß eingedenk ich meiner Qualen bleib’.
Die düstre Glut, die hier ich fühle brennen,
sollt’ ich Unseliger sie Liebe nennen?
Ach nein! Die Sehnsucht ist es nach dem Heil:
würd es durch solchen Engel mir zuteil!

SentaVersank ich jetzt in wunderbares Träumen?
Was ich erblicke, ist’s ein Wahn?
Weilt’ ich bisher in trügerischen Räumen,
brach des Erwachens Tag heut’ an?
Er steht vor mir, mit leidenvollen Zügen,
es spricht sein unerhörter Gram zu mir:
kann tiefen Mitleids Stimme mich belügen?
Wie ich ihn oft gesehn, so steht er hier.
Die Schmerzen, die in meinem Busen brennen,
ach’, dies Verlangen, wie soll ich es nennen?
Wonach mit Sehnsucht es dich treibt – das Heil,
würd’ es, du Ärmster, dir duch mich zuteil!

HolländerWirst du des Vaters Wahl nicht schelten?
Was er versprach, wie – dürft’ es gelten?
Du könntest dich für ewig mir ergeben,
und deine Hand dem Fremdling reichtest du?
Soll finden ich, nach qualenvollen Leben,
in deiner Treu’ die langersehnte Ruh’?

SentaWer du auch seist und welches das Verderben,
dem grausam dich dein schicksal konnte weih’n –
was auch das Los, das ich mir sollt’ erwerben,
gehorsam stests werd’ ich dem Vater sein!

HolländerSo unbedingt, wie? Könnte dich durchdringen
für meine Leiden tiefstes Mitgefühl?

Senta für sich
Oh, welche Leiden!
Könnt’ ich Trost dir bringen!

Holländer da er es vernommen
Welch’ holder Klang im nächtigen Gewühl!
Du bist ein Engel! Eines Engels Liebe
Verworf’ne selbst zu trösten weiß!
Ach, wenn Erlösung mir zu hoffen bliebe,
Allewiger, durch diese sei’s!

SentaAch, wenn Erlösung ihm zu hoffen bliebe,
Allewiger, durch mich nur sei’s!

HolländerAch! Könntest das Geschick du ahnen,
dem dann mit mir du angehörst,
dich würd’ es an das Opfer mahnen,
das du mir bringst, wenn Treu’ du schwörst.
Es flöhe schaudernd deine Jugend
dem Lose, dem du sie willst weih’n,
nennst du des Weibes schönste Tugend,
nennst ew’ge Treue du nicht dein!

SentaWohl kenn’ ich Weibes heil’ge Pflichten.
sei drum gestrost, unsel’ger Mann!
Laß über die das Schicksal richten,
die seinem Spruche trotzen kann!
In meines Herzens höchster Reine
kenn’ ich der Treue Hochgebot.
Wem ich sie weih’, schenk’ ich die eine;
die Treue bis zum Tod.

HolländerEin heil’ger Balsam meinen Wunden
dem Schwur, dem hohen Wort entfließt.
Hört es: mein Heil, hab’ ich gefunden.
Mächte, ihr Mächte, die ihr zurück mich stießt.
Du Stern des Unheils sollst erblassen.
Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!
Ihr Engel, die mich einst verlassen,
stärkt jetzt dies Herz in seiner Treu’.

SentaVon mächt’gem Zauber überwunden
reißt mich’s zu seiner Rettung fort.
hier habe Heimat er gefunden,
hier ruh’ sein schiff in sich’rem Port!
Was ist’s, das mächtig in mir lebet?
Was schliesst berauscht mein Busen ein?
Allmächt’ger, was so hoch mich erhebet,
laß es die Kraft der Treue sein!

Daland wieder eintretend
Verzeiht! Mein Volk hält draußen sich nicht mehr;
nach jeder Rückkunft, wisset, gibt’s ein Fest.
Verschönern möcht ich’s, komme deshalb her,
ob mit Verlobung sich’s vereinen läßt?
zum Holländer
Ich denk’, ihr habt nach Herzenswunsch gefreit?
Senta, mein Kind, sag, bist auch du bereit?

SentaHier meine Hand! Und ohne Reu’
bis in den Tod gelob’ ich Treu’!

HolländerSie reicht die Hand! Geprochen sie
Hohn, Hölle, dir durch ihre Treu’!

DalandEuch soll dies Bündnis nicht gereu’n!
Zum Fest! Heut’ soll sich alles freu’n!