Holländer 3. Aufzug 1. Szene

Dritter Aufzug
Erste Szene
Nr. 7. Szene und Chor
Seebucht mit felsigem Gestade; das Haus Dalands zur Seite im Vordergrunde. Den Hintergrund nehmen, ziemlich nahe beieinander liegend, die beiden Schiffe, das des Norwegers und das des Holländers, ein. Helle Nacht: das norwegische Schiff ist erleuchtet; die Matrosen desselben sind auf dem Verdeck; Jubel und Freude. Die Haltung des holländischen Schiffes bietet einen unhbeimlichen Kontrast: eine unnatürliche Finsternis ist über dasselbe ausgebreitet; es herrscht Totenstille auf ihm.
Matrosen des Norwegers trinkend
Steuermann! Laß die Wacht!
Steuermann! her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!
Hißt die Segel auf! Anker fest!
Steuermann, her!
Fürchten weder Wind noch bösen Strand,
wollen heute mal recht lustig sein!
Jeder hat sein Mädel auf dem Land,
herrlichen Tabak und guten Branntwein.
Hussassahe!
Klipp’ und Sturm’ drauß – Jollohohe!
lachen wir aus! Hussassahe!
Segel ein! Anker fest!
Klipp’ und Sturm lachen wir aus!
Steuermann, laß die Wacht!
Steuermann, her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!
Steuermann, her trink mit uns!
Ho! He! Je! Ha!
Klipp’ und Sturm’ He! sind vorbei, he!
Hussahe! Hallohe! Hussahe!
Steuermann, Ho!
Her, komm und trink mit uns!
Sie tanzen auf dem Verdeck. Die Mädchen kommen mit Körben voll Speisen und Getränken.

MädchenMein! Seht doch an! Sie tanzen gar!
Der Mädchen bedarf’s da nicht, fürwahr!
Sie gehen auf das holländische Schiff zu.

MatrosenHe! Mädel! Halt! Wo geht ihr hin?

MädchenSteht euch nach frischem Wein der Sinn?
Euer Nachbar dort soll auch was haben!
Ist Trank und Speis’ für euch allein?

SteuermannFürwahr! Tragt’s hin den armen Knaben!
Vor Durst sie scheinen matt zu sein!

MatrosenMan hört sie nicht.

SteuermannEi, seht doch nur!
Kein Licht! Von der Mannschaft keine Spur!

Mädchen im Begriff, an Bord des Holländers zu gehen.
He! Seeleut’! He! Wollt Fackeln ihr?
Wo seid ihr doch? Man sieht nicht hier!

MatrosenHahaha!
Weckt sie nicht auf! Sie schlafen noch!

MädchenHe. Seeleut! He! Antwortet doch!

MatrosenHa ha!
Wahrhaftig, sie sind tot:
sie haben Speis’ und Trank nicht not!

MädchenEi, Seeleute, liegt ihr so faul schon im Nest?
Ist heute für euch denn nicht auch ein Fest?

MatrosenSie liegen fest auf ihrem Platz,
wie Drachen hüten sie den Schatz.

MädchenHe! Seeleute! Wollt ihr nicht frischen Wein?
Ihr müßet wahrlich doch durstig auch sein.

MatrosenSie trinken nicht, sie singen nicht;
In ihrem Schiffe brennt kein Licht.

MädchenSagt! Habt ihr denn nicht auch ein Schätzen am Land?
Wollt ihr nicht mit tanzen auf freundlichen Strand?

MatrosenSie sind schon alt und bleich statt rot!
Und ihre Liebsten, die sind tot!

MädchenHe! Seeleut’! Seeleut’! Wacht doch auf!
Wir bringen euch Speise und Trank zu Hauf!

MatrosenHe! Seeleut’! Seeleut’! Wacht doch auf!…

MädchenWahrhaftig, ja! Sie scheinen tot!
Sie haben Speis’ und Trank nicht not.

MatrosenVom fliegenden Holländer wißt ihr ja?
Sein Schiff, wie es liebt, wie es lebt, seht ihr da!

MädchenSo weckt die Mannschaft ja nicht auf;
Gespenster sind’s, wir schwören drauf!

MatrosenWieviel hundert Jahre schon sied ihr zur See?
Euch tut ja der Sturm und die Klippe nicht weh!

MädchenSie trinken nicht, sie singen nicht!
In ihrem schiffe brennt kein Licht.

MatrosenHabt ihr keine Brief’, keine Aufträg’ für’s Land?
Unsern Urgroßvätern wir bringen’s zur Hand!

MädchenSie sind schon alt und bleich statt rot!
Und ihre Liebsten, ach, sind tot!

MatrosenHei, Seeleute! Spannt eure Segel doch auf
und zeigt uns des fliegenden Holländers Lauf!

MädchenSie hören nicht! Uns graust es hier!
Sie wollen nichts – was rufen wir?

MatrosenIhr Mädel, laßt die Toten ruh’n;
Laßt’s uns Lebend’gen gütlich tun!

Mädchen den Matrosen ihre Körbe über Bord reichend
So nehmt! Der Nachbar hat’s verschmäht!

SteuermannWie? Kommt ihr denn nicht selbst an Bord?

MädchenEi, jetzt noch nicht! Es ist ja nicht spät.
Wir kommen bald! Jetzt trinkt nur fort,
und wenn ihr wollt, so tanzt dazu,
nor gönnt dem müden Nachbar Ruh’,
Laßt ihm Ruh’!

Matrosen die Körbe leerend
Jucche! Da gibt’s die Fülle!
Lieb’ Nachbar, habe Dank!

SteuermannZum Rand sein Glas ein jeder fülle!
Lieb’ Nachbar liefert uns den Trank.

MatrosenHallohohoho!
Lieb’ Nachbarn, habt ihr Stimm’ und Sprach’,
so wachet auf und macht’s uns nach!…
Sie trinken aus und stampfen die Becher heftig auf. Von hier an beginnt es sich auf dem holländischen Schiff zu regen.
Steuermann, laß die Wacht!
Steuermann! her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!
Hißt die Segel auf! Anker fest!
Steuermann, her!
Wachten manche Nacht bei Sturm und Graus,
tranken oft des Meer’s gesalz’nes Naß:
heute wachen wir bei Saus und Schmaus,
besseres Getränk gibt Mädel uns vom Faß.
Hussassahe!
Klipp’ und Sturm draus’ –
Jollolohe!
lachen wir aus!
Hussassahe!
Segel ein! Anker fest!
Klipp’ und Sturm lachen wir aus!
Steuermann, laß die Wacht!
Steuermann, her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!
Steuermann, her! Trink’ mit uns!
Ho! He! Je! Ha!
Klipp’ und Sturm’ – ha!
sind vorbei, he!
Hussahe! Hallohe!
Hussahe! Steuermann! Ho!
Her, komm und trink mit uns!
Das Meer, das sonst überall ruhig bleibt, hat sich im Umkreise des holländischen Schiffes zu heben begonnen; eine düstere, bläuliche Flamme lodert in diesem als Wachtfeuer auf. Sturmwind erhebt sich in dessen Tauen. – Die Mannschaft, von der man zuvor nichts sah, belebt sich.

Mannschaft des HolländersJohohoe! Johohoe! Hoe! Hoe! Hoe!…
Hui-ssa!
Nach dem Land treibt der Sturm.
Hui-ssa!
In die Bucht laufet ein!
Schwarzer Hauptmann, geh ans Land!
sieben Jahre sind vorbei!
Frei’ um blonden Mädchens Hand!
Blondes Mädchen, sie ihm treu’!
Lustig heut’, hui!
Bräutigam! Hui!
Sturmwind heult Brautmusik
Ozean tanzt dazu!
Hui! – Horch, er pfeift!
Kapitän, bist wieder da?
Hui! – Segel auf!
Deine Braut – sag’, wo sie blieb?
Hui! – Auf, in See!
Kapitän! Kapitän!
Hast kein Glück in der Lieb’!
Hahaha!
Sause, Sturmwind, heule zu!
Unsern Sgeln läßt du Ruh’!
Satan hat sie uns gefeit,
reißen nicht in Ewigkeit!
Hohoe! Nicht in Ewigkeit!
Während des Gesanges der Holländer wird ihr Schiff von den Wogen auf und ab getragen; furchtbarer Sturmwind heult und pfeift durch die nackten Taue. Die Luft und das Meer bleiben, außer in der nächsten Umgebung des holländischen Schiffes, ruhig Schiffes, ruhig wie zuvor.

Matrosen des NorwegersWelcher Sang! Ist es Spuk?
Wie mich’s graust!
Stimmet an – unser Lied!
Singet laut!
Steurmann, laß die Wacht!
Steurmann, her zu uns!
Ho! He! Je! Ha!…
Singet laut! Lauter!
Der Gesang der Mannschaft des Holländers wird in einzelnen Strophen immer stärker wiederholt; die Norweger suchen ihn mit ihrem Lied zu übertäuben; nach vergeblichen Versuchen bringt sie das Tosen des Meeres, das Sausen, Heulen und Pfeifen des unnatürlichen Sturmes sowie der immer wilder werdende Gesang der Holländer zum Schweigen. Sie ziehen sich zurück, schalgen das Kreuz und verlassen das Verdeck; die Holländer, als sie dies sehen, erheben ein gellendes Hohngelächter. Sodann herrscht mit einem Male auf ihrem Schiffe wieder die Totenstille; Luft und Meer werden in einem Augenblick wieder ruhig, wie zuvor.