Liebesverbot 1. Aufzug 4. Szene

Vierte Szene
Gerichtssaal, mit Tribünen und Galerien. Brighella mit einer Abteilung von Sbirren, die er am Eingang an ihren Posten stellt
BrighellaWie lang er bleibt!
Hat man das Recht, so denkt man auch:
sie können warten!
Das wird ein Tag, ein heißer Tag;
und was dafür der Lohn? Gar keiner!
Ach, könnt’ ich nur ein wenig richten, –
könnte ich! –
Was gäb ich gleich um ein Verhör!
Gäbe ich!
Wie gern tät’ ich dann meine Pflichten,
sehr gern, –
und forderte nie Löhnung mehr, –
nie mehr!
Zwar bin ich gut, einmal allein
möcht’ ich doch gern barbarisch sein,
recht barbarisch!
Noch kommt er nicht! Was tut es denn?
Für ihn will ich Statthalter sein;
Statthaltert er denn nur allein!
Zu den Sbirren
Heda, ihr Kerls, bringt sie herein!
Doch eines nach dem andern!
Er setzt sich gravitüatisch.
Jetzt naht mein schönster Augenblick!
Pontio wird gebracht.
Nur immer näher her, Gesell!

PontioSchon bin ich nah, ach wär’ ich fern!

BrighellaDein Name, Bursche, nenn ihn schnell!

PontioRecht gern! – Glaubt mir, fürwahr, recht gern:
Pontio Pilato heiße ich!

BrighellaPontius Pilatus? Fürchterlich!
Der Tod am Kreuze treffe dich!

PontioSignor, – ach, ich verwechselt mich!
Wenn mich die Eltern so genannt,
darf euch dies nicht inkommodieren;
weil dieser Name so verhaßt,
so sollt’ ich ihn purifizieren!

BrighellaPurifizieren, – durch solchen Wandel,
durch schnöden Sauf- und Liebeshandel?
Auf dir ruht gräßlicher Verdacht,
du schlossest Eh’n für eine Nacht!

PontioAch, glaubt das nicht; für eine Stunde
und kaum so lang!

BrighellaNur für ’ne Stunde!
Pontio, du sprichst dich um den Hals;
geliefert bist du jedenfalls!
Ich sprech’ dich aller Ehren los,
und die Verbannung sei dein Los!

PontioVerbannung, aller Ehren los!
Erlaubt mir, daß ich mich beschwere,
Signor, was bin ich ohne Ehre?
Das geht nicht an, nein, das geht nicht an!

BrighellaVerbanne dich! Verbanne dich!

PontioVerbannen! Verbannen?
Das versteh’ ich nicht!

Brighella zur Wache
Macht’s ihm begreiflich, jagt ihn fort!

PontioSignor, hört mich!

BrighellaStill! Nicht ein Wort!
Marsch fort! Marsch fort!
Hinaus! Hinaus!

PontioVerbannt und ehrlos,
ich halt’s nich aus!
Pontio wird hinausgeworfen.

BrighellaEin schweres Amt, ich muß gestehn; –
doch – doch Friedrichs Freude will ich sehn!
Dorella wird gebracht.
Aha! Du bist’s! Nur näher ’ran,
nur näher, näher komm heran!

DorellaSchon gut, Signor! Es ist getan!

BrighellaDa Liebe, Karneval und Wein
für immer streng verboten sind, –

Dorella lachend
Ha ha ha ha!

BrighellaWie konnt’ es dir geraten sein,
zu trotzen dem Verbote blind?

Dorella lachend
Ha ha ha ha!

BrighellaVerführtest du in jenem Haus
die Männer nicht zu Saus und Braus?

Dorella lachend
Ha ha ha ha ha ha ha, ha!

BrighellaZum Teufel, was lachst du mich aus?

DorellaSignor!

Brighella prallt betroffen zurück
Verdammt, wie wird mir doch!

Dorella kokett
Ha, nur Geduld, ich sag’ es dir!

BrighellaDieses kleine Schelmenauge
macht mich wahrlich ganz verwirrt.
jetzt, da ich wohl Fassung brauche,
weiß ich nicht recht, wie mir wird!

DorellaNur ein Blick von meinem Auge
macht den Narren ganz verwirrt,
daß bei ihm ich wenig brauche,
darin hab’ ich nicht geirrt!

BrighellaAh! – ich vergesse das Verbot!
Fassung, Brighella, oder Tod!

DorellaSignor Brighella, fahret fort,
ich bin gespannt auf jedes Wort!

BrighellaBekenne, ungeratnes Kind,
wieviel Untaten du begingst?

DorellaWas das für freche Worte sind!

BrighellaUnd jetzt vor allem sag mir an,
ob du noch achtest Zucht und Scham?

DorellaWirst du dich ferner unterstehn,
unglimpflich mit mir umzugehn?
Du Heuchler, du Narr, du Grobian,
fängst du aus diesem Tone an!

BrighellaIst das Benehmen vor Gericht?

DorellaWas soll’s?

BrighellaNun weiß ich’s selber nicht!

DorellaDu liebes Affenangesicht!
Nun ist’s ganz um ihn geschehen,
wie um seine Richterpflicht;
wie’s ihm nun auch mag ergehen,
er denkt nicht mehr ans Gericht!

BrighellaNun ist’s ganz um mich geschehen,
dahin ist die Richterpflicht,
denn wer diesen Schalk gesehen,
der denkt nicht mehr ans Gericht!
Brighella nähert sich ihr zärtlich.
Du hast mich überwunden,
mein Richteramt ist hin.

DorellaHabt ihr nun wohl gefunden,
daß ich unschuldig bin?

BrighellaDaß du die Schönste bist,
beschwöre ich als Christ.

DorellaDas freut mich!

BrighellaAch, wie gut!

DorellaUnd nun?

BrighellaMir fehlt der Mut!

DorellaWozu?

BrighellaIch werde toll!

DorellaWarum?

BrighellaAch, ach, – wie schlank, wie voll!

DorellaNun, nun!

BrighellaIch halt’ mich nicht!

DorellaZurück, du frecher Bösewicht!

BrighellaDorella!

DorellaFort ans Verhör!

BrighellaSo höre!

DorellaKein Wort jetzt mehr!

Antonio von außen vor der großen Mitteltür; heftiger, wachsender Tumult
Macht auf, macht auf! Wie lange währts?
So tut doch eure Schuldigkeit,
laßt uns nicht länger warten hier,
währt es denn eine Ewigkeit?
Macht auf, sonst sprengen wir die Tür!

DorellaDer Spaß ist neu! Was fängt er an?
Wie ist er in Verlegenheit,
er weiß nicht Rat und Hilfe hier,
dorthin reißt ihn die Schuldigkeit,
Verliebtheit zieht ihn her zu mir!

BrighellaNun ist’s vorbei! Was fang ich an?
Gibt es wohl mehr Verlegenheit?
Wie schaff’ ich Rat und Hilfe mir?
Hier Liebesnot, dort Schuldigkeit!
Und das Gesindel vor der Tür!