Liebesverbot 1. Aufzug 5. Szene 2

Isabella tritt mit Luzio auf und bricht sich Bahn.
IsabellaErst noch mich! – Ich bin die Schwester!

DorellaHa, seine Schwester, hört sie an!

LuzioHier seine Schwester, hört sie an!

ClaudioDu nur allein kannst mich erretten!

LuzioSie ist der Gott, der dich befreit!

IsabellaWas ich vermag als treue Schwester,
sei deiner Rettung ganz geweight! –
Ich bitt’ euch, Herr, um ein Gehör;
doch laßt die Andern sich entfernen!

FriedrichNichts nützen Weibertränen mehr.
Doch sei’s! – Ihr aber, – bleibet hier!

IsabellaLaßt sie entfernen; zu eurem Herzen,
zu eurem Amt nicht will ich sprechen.

FriedrichEs geht nicht an!

Isabella voll Spott
Ihr fürchtet euch vor einem Weibe?

Friedrich aufbrausend, schnell
Entfernet euch!

AlleEntfernet euch, laßt sie allein;
Gott möge ihr den Sieg verleihn!
Alle gehen ab außer Friedrich und Isabella.

FriedrichWohlan, so rede! Was hast du zu sagen?

IsabellaKennst du das Leid der Elternlosen,
die um des Bruders Leben fleht,
du könntest nie zurück sie stoßen,
die trostlos dann verlassen steht!
O, öffne der Schwesterliebe dein Herz,
Löse durch Gnade meinen Schmerz!

FriedrichDie Schwesterliebe ehre ich,
doch Gnade hab’ ich nicht für dich! –

IsabellaDu schmähest jene andre Liebe,
die Gott gesenkt in unsre Brust;
o wie so öde das Leben bliebe,
gab er nicht Liebe und Liebeslust!
Dem Weib gab Schönheit die Natur,
dem Manne Kraft, sie zu genießen,
ein Tor allein, ein Heuchler nur
sucht sich der Liebe zu verschließen!
O, öffne der Erdenliebe dein Herz,
und löse durch Gnade meinem Schmerz!

FriedrichWie warm ihr Atem, wie beredt ihr Ton; –
bin ich ein Mann? Weh’ mir, ich wanke schon!

IsabellaO, war dein Herz denn stets verschlossen,
drang Liebe nie in deine Brust,
hat dich ihr Zauber nie umflossen
mit ihrem Leid und ihrer Lust?
Wenn je es einem Weib gelungen,
zu rühren deinen kalten Sinn,
hat je ein Arm dich fest umschlungen,
gabst je du dich der Liebe hin,
o, so öffne dem Flehen jetzt dein Herz,
löse durch Gnade meinen Schmerz!

FriedrichAus ihrem Munde dies zu hören,
es ist zu viel! Mir wallt das Blut,
ich bin mir meiner nicht bewußt.

IsabellaO Gnade, Gnade meinem Bruder!

FriedrichDahingeschmolzen ist das Eis,
vor ihrem Atem flieht mein Stolz! –
Steh auf, laß mich zu deinen Füßen!

IsabellaNicht eher, bis du Gnade spendest!

FriedrichDein Bruder, er ist frei! Doch du,
die tausendfache Glut mir weckte,
wie löschest du die Flamme mir?

IsabellaHa, was soll das?

FriedrichDu hast in mich
niemals geahnte Glut gehaucht;
die Liebe, die du mir verkündet,
faß ich mit heißer Glut zu dir!
Frei ist dein Bruder, wenn du selbst
mich lehrst, wie himmlisch sein Verbrechen!

IsabellaO Gott, was hör ich? Ha, so weit
ging dieses Frechen Heuchelei!
Was willst du? Nenn es deutlich mir!

FriedrichDie höchste Liebesgunst von dir,
und frei, frei ist dein Bruder Claudio!

IsabellaHa, Schändlicher, Abscheulicher! Herbei! Herbei!
Sie schreit nach den Fenstern und Türen.
Herbei, betrognes Volk, herbei!
Sprengt alle Tore, hört mich an!
Herbei, herbei!
Ich will den Frechsten aller Heuchler
vor euren Augen euch entlarven!

FriedrichWeib, bist du rasend?

IsabellaDu hältst mich nicht!

FriedrichWas willst du?

IsabellaHerbei, herbei, Palermo’s Volk,
eilt, eilt herbei!
Alle stürzen in Verwirrung zum Saale und auf die Galerien herein.

AlleWas ist geschehn, was soll das Schrei’n?

IsabellaIch nenne einen Heuchler euch!

FriedrichBedenke, was du tust!

AlleWo soll das hin, was ficht sie an?

IsabellaIch will enthüllen diesen Gleisnerstolz!

FriedrichHör mich!

AlleWo führt das hin? Was gibt’s?

IsabellaErkennen sollt ihr ihn, den frechen Bösewicht!
Herbei!

AlleWas ficht sie an, was ist’s?
Sprecht, was geschah?

FriedrichBedenke, was du tust!
Hör mich! Halt ein! Du sprichst umsonst!
Er drückt sie gewaltsam auf die Seite.
Bedenke wohl, wer ich bin,
und wie du erscheinst!

IsabellaLaß mich, Elender!

FriedrichHör mich an!
Du Törin, sprich, wer wird dir glauben?
Den Antrag gebe ich sogleich
für eine List aus, deine Tugend,
ob sie so echt sei, zu erforschen!

IsabellaHa, wie verrucht! Ich straf’ dich Lügen!

FriedrichVerkündetest du Härte, Strenge,
ja, sprächest du von Grausamkeit,
so würde man dir eher glauben.
Doch sprächest du von Liebe,
wird man nur lachen.

IsabellaO Himmel, er besiegt mich!

FriedrichStill, sei denn gescheit, und schweige jetzt,
zu deinem Unglück sprächst du nur!
Isabella sinkt stumm zusammen. Der Chor und die übrigen nähern sich ihr teilnahmsvoll.

AlleSprich, Isabella, was ist dir?
Du riefst nach uns, und wir sind hier!
Isabella weist sie mit einer stummen Gebärde zurück.
Du schweigst! Wie sollen wir das deuten?
Sie schweigt in stummem Schmerz,
was hat er ihr vertraut?
Verwundrung erfüllt mein Herz,
dem’s vor der Lösung graut.

FriedrichHa, wie verklärt der Schmerz
die schöne Himmelsbraut.
Vor Wollust erbebt mein Herz,
da ich sie so geschaut!

BrighellaEs war gewiß kein Scherz,
was er ihr hat vertraut!

IsabellaVor Wut und Scham glühn meine Wangen,
bin ich so elend, bin ich so schwach!
O, wie könnt’ ich ihn wohl vernichten!
Enthüllen seine Heuchelei!
Wenn ich ihn überführen könnte,
und durch sein eignes Gesetz,
das frech er höhnet, ihn bestrafen?
Doch sollt’ ich selbst das Opfer sein?! –
O du betrogne Mariana!
Mariana! Mariana! –
Sie springt von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, schnell auf.
Mariana; – wie, o Götterlicht!
Ha, wie begeistert mich die List!
Statt meiner send’ ich ihm sein Weib,
ich überführ’ ihn durch die Tat,
und feßle ihn an die Verlaßne!
Triumph, Triumph! Du bist gefangen,
ein Weib lockt dich ins eigne Netz!

FriedrichNun, Isabella, sprich, wozu
bist du entschlossen? Säume nicht!

IsabellaDu hast mich mächtig überwältigt,
was kann ich tun, ein schwaches Weib!

FriedrichDu gehst zurück, ich dürfte hoffen?

IsabellaKann ich es ändern, muß ich nicht?

FriedrichDu versprichst mir?