Lohengrin 1. Aufzug 1. Szene

Lohengrin
Entstehung: 845-1848
Première: Weimar 1850
Erster Aufzug
Erste Szene
Eine Aue am Ufer der Schelde bei Antwerpen. Der Fluß macht dem Hintergrund zu eine Biegung, so daß rechts durch einige Bäume der Blick auf ihn unterbrochen wird und man erst in weiterer Entfernung ihn wieder sehen kann. – Im Vordergrund sitzt König Heinrich unter einer mächtigen alten Eiche – Gerichtseiche –, ihm zunächst stehen sächsische und thüringische Grafen, Edle und Reisige, welche des Königs Heerbann bilden. Gegenüber stehen die brabantischen Grafen und Edlen, Reisige und Volk, an ihrer Spitze Friedrich von Telramund, zu dessen Seite Ortrud. Die Mitte bildet ein offener Kreis. Der Heerrufer des Königs und vier Hornbläser schreiten in die Mitte. Die Bläser blasen den Königsruf.
Der HeerruferHört! Grafen, Edle, Freie von Brabant!
Heinrich, der Deutschen König, kam zur Statt,
mit euch zu dingen nach des Reiches Recht.
Gebt ihr nun Fried’ und Folge dem Gebot?

Die BrabanterWir geben Fried’ und Folge dem Gebot.
Willkommen, willkommen, König, in Brabant!

König Heinrich erhebt sich
Gott grüß’ euch, liebe Männer von Brabant!
Nicht müßig tat zu euch ich diese Fahrt!
Der Not des Reiches seid von mir gemahnt!
Soll ich euch erst der Drangsal Kunde sagen,
die deutsches Land so oft aus Osten traf?
In fernster Mark hießt Weib und Kind ihr beten:
«Herr Gott, bewahr uns vor der Ungarn Wut!»
Doch mir, des Reiches Haupt, mußt’ es geziemen,
solch wilder Schmach ein Ende zu ersinnen;
als Kampfes Preis gewann ich Frieden auf
neun Jahr – ihn nützt’ ich zu des Reiches Wehr;
beschirmte Städt’ und Burgen ließ ich baun,
den Heerbann übte ich zum Widerstand.
Zu End’ ist nun die Frist, der Zins versagt –
mit wildem Drohen rüstet sich der Feind.
Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr’ zu wahren;
ob Ost, ob West, das gelte allen gleich!
Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen,
dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich!

Sachsen und ThüringerWohlauf! Mit Gott für Deutschen Reiches Ehr!

König Heinrich hat sich wieder gesetzt
Komm’ ich zu euch nun, Männer von Brabant,
zur Heeresfolg’ nach Mainz euch zu entbieten,
wie muß mit Schmerz und Klagen ich ersehn,
daß ohne Fürsten ihr in Zwietracht lebt!
Verwirrung, wilde Fehde wird mir kund;
drum ruf ich dich, Friedrich von Telramund!
Ich kenne dich als aller Tugend Preis,
jetzt rede, daß der Drangsal Grund ich weiß.

FriedrichDank, König, dir, daß du zu richten kamst!
Die Wahrheit künd’ ich, Untreu’ ist mir fremd.
Zum Sterben kam der Herzog von Brabant,
und meinem Schutz empfahl er seine Kinder,
Elsa, die Jungfrau, und Gottfried, den Knaben;
mit Treue pflog ich seiner großen Jugend,
sein Leben war das Kleinod meiner Ehre.
Ermiß nun, König, meinen grimmen Schmerz,
als meiner Ehre Kleinod mir geraubt!
Lustwandelnd führte Elsa den Knaben einst
zum Wald, doch ohne ihn kehrte sie zurück;
mit falscher Sorge frug sie nach dem Bruder,
da sie, von ungefähr von ihm verirrt,
bald seine Spur – so sprach sie – nicht mehr fand.
Fruchtlos war all Bemühn um den Verlornen;
als ich mit Drohen nun in Elsa drang,
da ließ in bleichem Zagen und Erbeben
der gräßlichen Schuld Bekenntnis sie uns sehn.
Es faßte mich Entsetzen vor der Magd;
dem Recht auf ihre Hand, vom Vater mir
verliehn, entsagt’ ich willig da und gern
und nahm ein Weib, das meinem Sinn gefiel:
Er stellt Ortrud vor, die sich vor dem König verneigt.
Ortrud, Radbods, des Friesenfürsten Sproß.
Er schreitet feierlich einige Schritte vor
Nun führ’ ich Klage wider Elsa von
Brabant; des Brudermordes zeih’ ich sie.
Dies Land doch sprech’ ich für mich an mit Recht,
da ich der Nächste von des Herzogs Blut,
mein Weib dazu aus dem Geschlecht, das einst
auch diesen Landen seine Fürsten gab.
Du hörst die Klage, König! Richte recht!

Alle MännerHa, schwerer Schuld zeiht Telramund!
Mit Grausen werd’ ich der Klage kund!

König HeinrichWelch fürchterliche Klage sprichst du aus!
Wie wäre möglich solche große Schuld?

FriedrichO Herr, traumselig ist die eitle Magd,
die meine Hand voll Hochmut von sich stieß.
Geheimer Buhlschaft klag’ ich drum sie an:
Sie wähnte wohl, wenn sie des Bruders ledig,
dann könnte sie als Herrin von Brabant
mit Recht dem Lehnsmann ihre Hand verwehren
und offen des geheimen Buhlen pflegen.

König Heinrich durch eine ernste Gebärde Friedrichs Eifer unterbrechend
Ruft die Beklagte her!
Beginnen soll nun das Gericht!
Gott laß mich weise sein!

Der Heerrufer schreitet feierlich in die Mitte
Soll hier nach Recht und Macht Gericht gehalten sein?

König Heinrich hängt mit Feierlichkeit den Schild an der Eiche auf
Nicht eh’r soll bergen mich der Schild,
bis ich gerichtet streng und mild!

Alle Männer die Schwerter entblößend, welche die Sachsen und Thüringer vor sich in die Erde stoßen, die Brabanter flach vor sich niederstrecken.
Nicht eh’r zur Scheide kehr’ das Schwert,
bis ihm durch Urteil Recht gewährt!

Der HeerruferWo ihr des Königs Schild gewahrt,
dort Recht durch Urteil nun erfahrt!
Drum ruf ich klagend laut und hell:
Elsa, erscheine hier zur Stell’!