Lohengrin 1. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Elsa tritt auf in einem weißen, sehr einfachen Gewande; sie verweilt eine Zeitlang im Hintergrunde, dann schreitet sie sehr langsam und mit großer Verschämtheit der Mitte des Vordergrundes zu; Frauen, sehr einfach weiß gekleidet, folgen ihr, diese bleiben aber zunächst im Hintergrunde an der äußersten Grenze des Gerichtskreises.
Die MännerSeht hin! Sie naht, die hart Beklagte!
Ha! Wie erscheint sie so licht und rein!
Der sie so schwer zu zeihen wagte,
wie sicher muß der Schuld er sein!

König HeinrichBist du es, Elsa von Brabant?
Elsa neigt das Haupt bejahend.
Erkennst du mich als deinen Richter an?
Elsa wendet ihr Haupt nach dem König, blickt ihm ins Auge und bejaht dann mit vertrauensvoller Gebärde.
So frage ich weiter:
Ist die Klage dir bekannt,
die schwer hier wider dich erhoben?
Elsa erblickt Friedrich und Ortrud, erbebt, neigt traurig das Haupt und bejaht.
Was entgegnest du der Klage?
Elsa durch eine Gebärde: «Nichts!»
So bekennst du deine Schuld?

Elsa blickt eine Zeitlang traurig vor sich hin
Mein armer Bruder!

Alle MännerWie wunderbar! Welch seltsames Gebaren!

König HeinrichSag, Elsa! Was hast du mir zu vertraun?

Elsa in ruhiger Verklärung vor sich hinblickend
Einsam in trüben Tagen
hab’ ich zu Gott gefleht,
des Herzens tiefstes Klagen
ergoß ich im Gebet.
Da drang aus meinem Stöhnen
ein Laut so klagevoll,
der zu gewalt’gem Tönen
weit in die Lüfte schwoll:
Ich hört’ ihn fernhin hallen,
bis kaum mein Ohr er traf;
mein Aug’ ist zugefallen,
ich sank in süßen Schlaf.

Alle MännerWie sonderbar! Träumt sie? Ist sie entrückt?

König Heinrich als wolle er Elsa aus dem Traume wecken
Elsa, verteid’ge dich vor dem Gericht!
Elsas Mienen gehen von dem Ausdruck träumerischen Entrücktseins zu dem schwärmerischer Verklärung über.

ElsaIn Lichter Waffen Scheine
ein Ritter nahte da,
so tugendlicher Reine
ich keinen noch ersah:
Ein golden Horn zur Hüften,
gelehnet auf sein Schwert –
so trat er aus den Lüften
zu mir, der Recke wert;
mit züchtigem Gebaren
gab Tröstung er mir ein;
des Ritters will ich wahren,
er soll mein Streiter sein!

Alle MännerBewahre uns des Himmels Huld,
daß klar wir sehen, wer hier schuld!

König HeinrichFriedrich, du ehrenwerter Mann,
bedenke wohl, wen klagst du an?

FriedrichMich irret nicht ihr träumerischer Mut;
ihr hört, sie schwärmt von einem Buhlen!
Wess’ ich sie zeih’, dess’ hab’ ich sichren Grund.
Glaubwürdig ward ihr Frevel mir bezeugt;
doch eurem Zweifel durch ein Zeugnis wehren,
das stünde wahrlich übel meinem Stolz!
Hier steh’ ich, hier mein Schwert! Wer wagt von euch,
zu streiten wider meiner Ehre Preis!

Die BrabanterKeiner von uns! Wir streiten nur für dich!

FriedrichUnd, König, du! Gedenkst du meiner Dienste,
wie ich im Kampf den wilden Dänen schlug?

König HeinrichWie schlimm, ließ’ ich von dir daran mich mahnen!
Gern geb’ ich dir der höchsten Tugend Preis;
in keiner andern Hut, als in der deinen,
möcht’ ich die Lande wissen. Gott allein
soll jetzt in dieser Sache noch entscheiden!

Alle MännerZum Gottesgericht!
Zum Gottesgericht!
Wohlan!

König HeinrichDich frag’ ich, Friedrich, Graf von Telramund!
Willst du durch Kampf auf Leben und auf Tod
im Gottesgericht vertreten deine Klage?

FriedrichJa!

König HeinrichUnd dich nun frag’ ich, Elsa von Brabant!
Willst du, daß hier auf Leben und auf Tod
im Gottesgericht ein Kämpe für dich streite?

Elsa ohne die Augen aufzuschlagen
Ja!

König HeinrichWen wählest du zum Streiter?

FriedrichVernehmet jetzt
den Namen ihres Buhlen!

Die BrabanterMerket auf!

Elsa hat Stellung und schwärmerische Miene nicht verlassen; alles blickt mit Gespanntheit auf sie
Des Ritters will ich wahren,
er soll mein Streiter sein!
Ohne sich umzublicken.
Hört, was dem Gottgesandten
ich biete für Gewähr:
In meines Vaters Landen
die Krone trage er;
mich glücklich soll ich preisen,
nimmt er mein Gut dahin –
will er Gemahl mich heißen,
geb’ ich ihm, was ich bin!

Alle Männer unter sich
Ein schöner Preis, stünd’ er in Gottes Hand!
Wer für ihn stritt’, wohl setzt’ er schweres Pfand!

König HeinrichIm Mittag hoch steht schon die Sonne:
So ist es Zeit, daß nun der Ruf ergeh’!
Der Heerrufer tritt mit den vier Heerhornbläsern vor, die er, den vier Himmelsgegenden zugewendet, an die äußersten Grenzen des Gerichtskreises vorschreiten und so den Ruf blasen läßt.

Der HeerruferWer hier im Gotteskampf zu streiten kam
für Elsa von Brabant, der trete vor,
der trete vor!
Langes Stillschweigen. Elsa, welche bisher in ununterbrochen ruhiger Haltung verweilt, zeigt entstehende Unruhe der Erwartung.

Alle MännerOhn’ Antwort ist der Ruf verhallt!

Friedrich auf Elsa deutend
Gewahrt, ob ich sie fälschlich schalt?

Alle MännerUm ihre Sache steht es schlecht!

FriedrichAuf meiner Seite bleibt das Recht!
Elsa etwas näher zum König tretend
Mein lieber König, laß dich bitten,
noch einen Ruf an meinen Ritter!
Wohl weilt er fern und hört’ ihn nicht.

König Heinrich zum Heerrufer
Noch einmal rufe zum Gericht!
Auf das Zeichen des Heerrufers richten die Heerhornbläser sich wieder nach den vier Himmelsgegenden.

Der HeerruferWer hier im Gotteskampf zu streiten kam
für Elsa von Brabant, der trete vor,
der trete vor!
Wiederum langes, gespanntes Stillschweigen.

Alle MännerIn düstrem Schweigen richtet Gott!
Elsa sinkt zu inbrünstigem Gebet auf die Knie. Die Frauen, in Besorgnis um ihre Herrin, treten etwas näher in den Vordergrund.

ElsaDu trugest zu ihm meine Klage,
zu mir trat er auf dein Gebot:
O Herr, nun meinem Ritter sage,
daß er mir helf in meiner Not!

Die Frauen auf die Knie sinkend
Herr! Sende Hilfe ihr!
Herr Gott! Höre uns!

ElsaLaß mich ihn sehn, wie ich ihn sah,
Mit freudig verklärter Miene.
wie ich ihn sah, sei er mir nah!
Die auf einer Erhöhung dem Ufer des Flusses zunächststehenden Männer gewahren zuerst die Ankunft Lohengrins, welcher in einem Nachen, von einem Schwan gezogen, auf dem Flusse in der Ferne sichtbar wird. Die vom Ufer entfernter stehenden Männer im Vordergrunde wenden sich zunächst ohne ihren Platz zu verlassen mit immer regerer Neugier fragend an die dem Ufer näher stehenden; sodann verlassen sie den Vordergrund, um selbst am Ufer nachzusehen.

Die MännerSeht! Seht! Welch ein seltsam Wunder! Wie? Ein Schwan?
Ein Schwan zieht einen Nachen dort heran!
Ein Ritter drin hoch aufgerichtet steht!
Wie glänzt sein Waffenschmuck! Das Aug’ vergeht
vor solchem Glanz! Seht, näher kommt er schon heran!
An einer goldnen Kette zieht der Schwan!
Auch die letzten eilen noch nach dem Hintergrunde; im Vordergrunde bleiben nur der König, Elsa, Friedrich, Ortrud und die Frauen. Von seinem erhöhten Platze aus überblickt der König alles; Friedrich und Ortrud sind durch Schreck und Staunen gefesselt; Elsa, die mit steigender Entzückung den Ausrufen der Männer gelauscht hat, verbleibt in der Mitte der Bühne; sie wagt gleichsam nicht, sich umzublicken. Die Männer stürzen in höchster Ergriffenheit wieder nach vorn.