Lohengrin 2. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Elsa, in weißem Gewande, erscheint auf dem Söller; sie tritt an die Brüstung und lehnt den Kopf auf die Hand.
ElsaEuch Lüften, die mein Klagen
so traurig oft erfüllt,
euch muß ich dankend sagen,
wie sich mein Glück enthüllt!

OrtrudSie ist es!

FriedrichElsa!

ElsaDurch euch kam er gezogen,
ihr lächeltet der Fahrt,
auf wilden Meereswogen
habt ihr ihn treu bewahrt.

OrtrudDer Stunde soll sie fluchen,
in der sie jetzt mein Blick gewahrt!

ElsaZu trocknen meine Zähren
hab’ ich euch oft gemüht;
wollt Kühlung nur gewähren
der Wang’, in Lieb’ erglüht!

Ortrud zu Friedrich
Hinweg! Entfern’ ein kleines dich von hier!

FriedrichWarum?

OrtrudSie ist für mich – ihr Held gehöre dir!
Friedrich entfernt sich und verschwindet im Hintergrunde.

ElsaWollt Kühlung nur gewähren
der Wang’, in Lieb’ erglüht!
In Liebe!

Ortrud in ihrer bisherigen Stellung verbleibend
Elsa!

ElsaWer ruft? Wie schauerlich und klagend
ertönt mein Name durch die Nacht?

OrtrudElsa!
Ist meine Stimme dir so fremd?
Willst du die Arme ganz verleugnen,
die du ins fernste Elend schickst?

ElsaOrtrud! Bist du’s? Was machst du hier, unglücklich Weib?

Ortrud«Unglücklich Weib!»
Wohl hast du recht, so mich zu nennen!
In ferner Einsamkeit des Waldes,
wo still und friedsam ich gelebt,
was tat ich dir? Was tat ich dir?
Freudlos, das Unglück nur beweinend,
das lang belastet meinen Stamm,
was tat ich dir? Was tat ich dir?

ElsaUm Gott, was klagest du mich an?
War ich es, die dir Leid gebracht?

OrtrudWie könntest du fürwahr mir neiden
das Glück, daß mich zum Weib erwählt
der Mann, den du so gern verschmäht?

ElsaAllgüt’ger Gott! Was soll mir das?

OrtrudMußt’ ihn unsel’ger Wahn betören,
dich Reine einer Schuld zu zeihn –
von Reu’ ist nun sein Herz zerrissen,
zu grimmer Buß’ ist er verdammt.

ElsaGerechter Gott!

OrtrudOh, du bist glücklich!
Nach kurzem, unschuldsüßem Leiden
siehst lächeln du das Leben nur;
von mir darfst selig du dich scheiden,
mich schickst du auf des Todes Spur,
daß meines Jammers trüber Schein
nie kehr’ in deine Feste ein!

ElsaWie schlecht ich deine Güte priese,
Allmächt’ger, der mich so beglückt,
wenn ich das Unglück von mir stieße,
das sich im Staube vor mir bückt!
O nimmer! Ortrud! Harre mein!
Ich selber laß dich zu mir ein!
Sie eilt in die Kemenate zurück

Ortrud springt in wilder Begeisterung von den Stufen auf
Entweihte Götter! Helft jetzt meiner Rache!
Bestraft die Schmach, die hier euch angetan!
Stärkt mich im Dienste eurer heil’gen Sache!
Vernichtet der Abtrünn’gen schnöden Wahn!
Wodan! Dich Starken rufe ich!
Freia! Erhabne, höre mich!
Segnet mir Trug und Heuchelei,
daß glücklich meine Rache sei!

Elsa noch außerhalb
Ortrud, wo bist du?
Elsa und zwei Mägde mit Lichtern treten aus der unteren Tür der Kemenate.

Ortrud sich demütigend vor Elsa niederwerfend
Hier zu deinen Füßen.

Elsa bei Ortruds Anblick erschreckt zurücktretend
Hilf Gott! So muß ich dich erblicken,
die ich in Stolz und Pracht nur sah!
Es will das Herze mir ersticken,
seh’ ich so niedrig dich mir nah!
Steh auf! O spare mir dein Bitten!
Trugst du mir Haß, verzieh ich dir;
was du schon jetzt durch mich gelitten,
das, bitte ich, verzeih auch mir!

OrtrudO habe Dank für so viel Güte!

ElsaDer morgen nun mein Gatte heißt,
anfleh’ ich sein liebreich Gemüte,
daß Friedrich auch er Gnad’ erweist.

OrtrudDu fesselst mich in Dankes Banden!

ElsaIn Frühn laß mich bereit dich sehn –
geschmückt mit prächtigen Gewanden
sollst du mit mir zum Münster gehn:
Dort harre ich des Helden mein,
vor Gott sein Eh’gemahl zu sein!
Sein Eh’gemahl!

OrtrudWie kann ich solche Huld dir lohnen,
da machtlos ich und elend bin?
Soll ich in Gnaden bei dir wohnen,
stets bleibe ich die Bettlerin!
Immer näher zu Elsa tretend.
Nur eine Kraft ist mir geblieben,
sie raubte mir kein Machtgebot;
durch sie vielleicht schütz’ ich dein Leben,
bewahr’ es vor der Reue Not!

ElsaWie meinst du?

OrtrudWohl, daß ich dich warne,
zu blind nicht deinem Glück zu traun;
daß nicht ein Unheil dich umgarne,
laß mich für dich zur Zukunft schaun.

ElsaWelch Unheil?

OrtrudKönntest du erfassen,
wie dessen Art so wundersam,
der nie dich möge so verlassen,
wie er durch Zauber zu dir kam!

Elsa von Grausen erfaßt, wendet sich unwillig ab; voll Trauer und Mitleid wendet sie sich dann wieder zu Ortrud
Du Ärmste kannst wohl nie ermessen,
wie zweifellos ein Herze liebt?
Du hast wohl nie das Glück besessen,
das sich uns nur durch Glauben gibt?
Kehr bei mir ein! Laß mich dich lehren,
wie süß die Wonne reinster Treu’!
Laß zu dem Glauben dich bekehren:
Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!

Ortrud für sich
Ha! Dieser Stolz,
er soll mich lehren,
wie ich bekämpfe ihre Treu’!
Gen ihn will ich die Waffen kehren,
durch ihren Hochmut werd’ ihr Reu’! usw.

ElsaLaß mich dich lehren,
wie süß die Wonne reinster Treu usw.
Ortrud tritt, von Elsa geleitet, mit heuchlerischem Zögern durch die kleine Pforte ein; die Mägde leuchten voran und schließen; nachdem alle eingetreten. Erstes Tagesgrauen.

Friedrich tritt aus dem Hintergrunde vor
So zieht das Unheil in dies Haus!
Vollführe, Weib, was deine List ersonnen;
dein Werk zu hemmen fühl’ ich keine Macht!
Das Unheil hat mit meinem Fall begonnen,
nun stürzet nach, die mich dahin gebracht!
Nur eines seh’ ich mahnend vor mir stehn:
Der Räuber meiner Ehre soll vergehn!
Nachdem er den Ort erspäht, der ihn vor dem Zulaufe des Volkes am günstigsten verbergen könnte, tritt er hinter einen Mauervorsprung des Münsters.