Lohengrin 2. Aufzug 4. Szene

Vierte Szene
Die Edlen und Mannen während des Aufzugs
Gesegnet soll sie schreiten,
die lang in Demut litt!
Gott möge sie geleiten,
Gott hüte ihren Schritt!
Die Edlen, die unwillkürlich die Gasse wieder vertreten hatten, weichen vor den Edelknaben aufs neue zurück, welche dem Zuge, da er bereits vor dem Palas angekommen ist, Bahn machen. Elsa ist, prächtig geschmückt, im Zuge aufgetreten und auf der Erhöhung vor dem Palas angelangt; die Gasse ist wieder offen, alle können Elsa sehen, welche eine Zeitlang verweilt.
Sie naht, die Engelgleiche,
von keuscher Glut entbrannt!
Elsa schreitet aus dem Hintergrunde langsam nach vorn durch die Gasse der Männer.
Heil dir, o Tugendreiche!
Heil dir, Elsa von Brabant!
Gesegnet sollst du schreiten!
Heil dir usw.

Die FrauenHeil dir usw.
Außer den Edelknaben sind auch die vordersten Frauen bereits auf der Treppe des Münsters angelangt, wo sie sich aufstellen, um Elsa den Vortritt in die Kirche zu lassen; unter den Frauen, welche ihr noch folgen und den Zug schließen, geht Ortrud, ebenfalls reich gekleidet; die Frauen, die dieser zunächst gehen, halten sich voll Scheu und wenig verhaltenem Unwillen von ihr entfernt, so daß sie sehr einzeln erscheint: In ihren Mienen drückt sich immer steigender Ingrimm aus. Als Elsa unter dem lauten Zurufe des Volkes eben den Fuß auf die erste Stufe zum Münster setzen will, tritt Ortrud heftig hervor, schreitet auf Elsa zu, stellt sich auf derselben Stufe ihr entgegen und zwingt sie so, vor ihr wieder zurückzutreten.

OrtrudZurück, Elsa! Nicht länger will ich dulden,
daß ich gleich einer Magd dir folgen soll!
Den Vortritt sollst du überall mir schulden,
vor mir dich beugen sollst du demutsvoll!

Vier EdelknabenWas will das Weib? Zurück!
Sie drängen Ortrud nach der Mitte der Bühne zurück.

ElsaUm Gott! Was muß ich sehn?
Welch jäher Wechsel ist mit dir geschehn?

OrtrudWeil eine Stund’ ich meines Werts vergessen,
glaubst du, ich müßte dir nur kriechend nahn?
Mein Leid zu rächen will ich mich vermessen,
was mir gebührt, das will ich nun empfahn!
Lebhaftes Staunen und Bewegung aller.

ElsaWeh! Ließ ich durch dein Heucheln mich verleiten,
die diese Nacht sich jammernd zu mir stahl?
Wie willst du nun in Hochmut vor mir schreiten,
du, eines Gottgerichteten Gemahl?

Ortrud mit dem Anschein tiefer Gekränktheit
Wenn falsch Gericht mir den Gemahl verbannte,
war doch sein Nam’ im Lande hoch geehrt;
als aller Tugend Preis man ihn nur nannte,
gekannt, gefürchtet war sein tapfres Schwert.
Der deine, sag, wer sollte hier ihn kennen,
vermagst du selbst den Namen nicht zu nennen!

Die MännerWas sagt sie? Ha, was tut sie kund?

Die Frauen und KnabenSie lästert!

Die MännerWehret ihrem Mund!

OrtrudKannst du ihn nennen, kannst du uns es sagen,
ob sein Geschlecht, sein Adel wohl bewährt?
Woher die Fluten ihn zu dir getragen,
wann und wohin er wieder von dir fährt?
Ha, nein! Wohl brächte es ihm schlimme Not –
der kluge Held die Frage drum verbot!

Die Männer, Frauen und KnabenHa, spricht sie wahr? Welch schwere Klagen!
Sie schmähet ihn! Darf sie es wagen?

Elsa nach großer Betroffenheit sich ermannend
Du Lästerin! Ruchlose Frau!
Hör, ob ich Antwort mir getrau’!
So rein und edel ist sein Wesen,
so tugendreich der hehre Mann,
daß nie des Unheils soll genesen,
wer seiner Sendung zweifeln kann!

Die MännerGewiß! Gewiß!

ElsaHat nicht durch Gott im Kampf geschlagen
mein teurer Held den Gatten dein?
Zum Volke.
Nun sollt nach Recht ihr alle sagen,
wer kann da nur der Reine sein?

Die MännerNur er! Nur er!
Dein Held allein!

Die Frauen und KnabenDein Held allein!

OrtrudHa, diese Reine deines Helden,
wie wäre sie so bald getrübt,
müßt’ er des Zaubers Wesen melden,
durch den hier solche Macht er übt!
Wagst du ihn nicht darum zu fragen,
so glauben alle wir mit Recht,
du müßtest selbst in Sorge zagen,
um seine Reine steh’ es schlecht!

Die Frauen Elsa unterstützend
Helft ihr vor der Verruchten Haß!
Der Palas wird geöffnet, die vier Heerhornbläser schreiten heraus und blasen.

Die Männer dem Hintergrunde zu blickend
Macht Platz! Macht Platz! Der König naht!