Lohengrin 3. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
1.Bild – Elsa ist, als die Züge das Gemach verlassen haben; wie überselig Lohengrin an die Brust gesunken. Lohengrin setzt sich, während der Gesang verhallt, auf dem Ruhebett am Erkerfenster nieder, indem er Elsa sanft nach sich zieht.
LohengrinDas süße Lied verhallt; wir sind allein,
zum erstenmal allein, seit wir uns sahn.
Nun sollen wir der Welt entronnen sein,
kein Lauscher darf des Herzens Grüßen nahn.

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Elsa, mein Weib! Du süße, reine Braut!
Ob glücklich du, das sei mir jetzt vertraut!

ElsaWie wär’ ich kalt, mich glücklich nur zu nennen,
besitz’ ich aller Himmel Seligkeit!
Fühl’ ich zu dir so süß mein Herz entbrennen,
atme ich Wonnen, die nur Gott verleiht;
fühl’ ich zu dir so süß mich entbrennen,
atme ich Wonnen, die nur Gott verleiht!

LohengrinVermagst du, Holde, glücklich dich zu nennen,
gibst du auch mir des Himmels Seligkeit!
Fühl’ ich zu dir so süß mein Herz entbrennen,
atme ich Wonne, die nur Gott verleiht;
fühl’ ich so süß usw.

ElsaFühl’ ich so süß usw.

LohengrinWie hehr erkenn’ ich unsrer Liebe Wesen!
Die nie sich sahn, wir hatten uns geahnt;
war ich zu deinem Streiter auserlesen,
hat Liebe mir zu dir den Weg gebahnt:
Dein Auge sagte mir dich rein von Schuld –
mich zwang dein Blick, zu dienen deiner Huld.

ElsaDoch ich zuvor schon hatte dich gesehen,
in sel’gem Traume warst du mir genaht;
als ich nun wachend dich sah vor mir stehen,
erkannt’ ich, daß du kamst auf Gottes Rat.
Da wollte ich vor deinem Blick zerfließen,
gleich einem Bach umwinden deinen Schritt,
als eine Blume, duftend auf der Wiesen,
wollt’ ich entzückt mich beugen deinem Tritt.
Ist dies nur Liebe? Wie soll ich es nennen,
dies Wort, so unaussprechlich wonnevoll,
wie ach! dein Name – den ich nie darf kennen,
bei dem ich nie mein Höchstes nennen soll!

LohengrinElsa!

ElsaWie süß mein Name deinem Mund entgleitet!
Gönnst du des deinen holden Klang mir nicht?
Nur, wenn zur Liebesstille wir geleitet,
sollst du gestatten, daß mein Mund ihn spricht.

LohengrinMein süßes Weib!

ElsaEinsam, wenn niemand wacht;
nie sei der Welt er zu Gehör gebracht!

Lohengrin sie freundlich umfassend und durch das offene Fenster auf den Blumengarten deutend
Atmest du nicht mit mir die süßen Düfte?
O wie so hold berauschen sie den Sinn!
Geheimnisvoll sie nahen durch die Lüfte,
fraglos geb’ ihrem Zauber ich mich hin.
So ist der Zauber, der mich dir verbunden,
da als ich zuerst, du Süße, dich ersah;
nicht deine Art ich brauchte zu erkunden,
dich sah mein Aug’ – mein Herz begriff dich da.
Wie mir die Düfte hold den Sinn berücken,
nahn sie mir gleich aus rätselvoller Nacht:
So deine Reine mußte mich entzücken,
traf ich dich auch in schwerer Schuld Verdacht.

Elsa birgt ihre Beschämung, indem sie sich demütig an ihn schmiegt
Ach, könnt’ ich deiner wert erscheinen,
müßt’ ich vor dir nicht bloß vergehn;
könnt’ ein Verdienst mich dir vereinen,
dürft’ ich in Pein für dich mich sehn!
Wie du mich trafst vor schwerer Klage,
o wüßte ich auch dich in Not;
daß mutvoll ich ein Mühen trage,
kennt’ ich ein Sorgen, das dir droht!
Wär’ das Geheimnis so geartet,
das aller Welt verschweigt dein Mund?
Vielleicht, daß Unheil dich erwartet,
würd’ aller Welt es offen kund?
Wär’ es so und dürft’ ich’s wissen,
dürft’ ich in meiner Macht es sehn,
durch keines Drohn sei mir’s entrissen,
für dich wollt’ ich zu Tode gehn!

LohengrinGeliebte!

ElsaO mach mich stolz durch dein Vertrauen,
daß ich in Unwert nicht vergeh’!
Laß dein Geheimnis mich erschauen,
daß, wer du bist, ich offen seh’!

LohengrinAch, schweige, Elsa!

ElsaMeiner Treue
enthülle deines Adels Wert!
Woher du kamst, sag ohne Reue –
durch mich sei Schweigens Kraft bewährt!

Lohengrin streng und ernst einige Schritte zurücktretend
Höchstes Vertraun hast du mir schon zu danken,
da deinem Schwur ich Glauben gern gewährt;
wirst nimmer du vor dem Gebote wanken,
hoch über alle Fraun dünkst du mich wert!
Er wendet sich schnell wieder liebevoll zu Elsa.
An meine Brust, du Süße, Reine!
Sei meines Herzens Glühen nah,
daß mich dein Auge sanft bescheine,
in dem ich all mein Glück ersah!
O gönne mir, daß mit Entzücken
ich deinen Atem sauge ein:
Laß fest, ach! fest an mich dich drücken,
daß ich in dir mög’ glücklich sein!
Dein Lieben muß mir hoch entgelten
für das, was ich um dich verließ;
kein Los in Gottes weiten Welten
wohl edler als das meine hieß.
Böt’ mir der König seine Krone,
ich dürfte sie mit Recht verschmähn.
Das einz’ge, was mein Opfer lohne,
muß ich in deiner Lieb’ ersehn!
Drum wolle stets den Zweifel meiden,
dein Lieben sei mein stolz Gewähr!
Denn nicht komm’ ich aus Nacht und Leiden,
aus Glanz und Wonne komm’ ich her!

ElsaHilf Gott, was muß ich hören!
Welch Zeugnis gab dein Mund!
Du wolltest mich betören,
nun wird mir Jammer kund!
Das Los, dem du entronnen,
es war dein höchstes Glück;
du kamst zu mir aus Wonnen
und sehnest dich zurück!
Wie soll ich Ärmste glauben,
dir g’nüge meine Treu’?
Ein Tag wird dich mir rauben
durch deiner Liebe Reu’!

LohengrinHalt ein, dich so zu quälen!

ElsaWas quälest du mich doch!
Soll ich die Tage zählen,
die du mir bleibest noch?
In Sorg’ um dein Verweilen
verblüht die Wange mir –
dann wirst du mir enteilen,
im Elend bleib’ ich hier!

LohengrinNie soll dein Reiz entschwinden,
bleibst du von Zweifel rein!

ElsaAch, dich an mich zu binden,
wie sollt’ ich mächtig sein?
Voll Zauber ist dein Wesen,
durch Wunder kamst du her;
wie sollt’ ich da genesen,
wo fänd’ ich dein’ Gewähr?
Sie schreckt in heftigster Aufregung zusammen und hält an, wie um zu lauschen.
Hörtest du nichts? Vernahmest du kein Kommen?

LohengrinElsa!

ElsaAch nein!
Vor sich hinstarrend.
Doch, dort – der Schwan – der Schwan!
Dort kommt er auf der Wasserflut geschwommen –
du rufest ihm – er zieht herbei den Kahn!

LohengrinElsa! Halt ein! Beruh’ge deinen Wahn!

ElsaNichts kann mir Ruhe geben,
dem Wahn mich nichts entreißt,
als – gelt’ es auch mein Leben –
zu wissen, wer du seist!

LohengrinElsa, was willst du wagen?

ElsaUnselig holder Mann,
hör, was ich dich muß fragen!
Den Namen sag mir an!

LohengrinHalt ein!

ElsaWoher der Fahrt!

LohengrinWeh dir!

ElsaWie deine Art?

LohengrinWeh uns, was tatest du!

Elsa die vor Lohengrin steht, welcher den Hintergrund im Rücken hat, gewahrt Friedrich und seine vier Genossen, welche mit gezückten Schwertern durch eine hintere Tür hereinbrechen
Rette dich! Dein Schwert, dein Schwert!
Sie reicht das am Ruhebett angelegte Schwert hastig Lohengrin, so daß dieser schnell es aus der Scheide, welche sie hält, ziehen kann. Lohengrin streckt Friedrich, welcher nach ihm ausholt, mit einem Streiche tot zu Boden; den entsetzten Edlen entfallen die Schwerter, sie stürzen zu Lohengrins Füßen auf die Knie. Elsa, die sich an Lohengrins Brust geworfen hatte, sinkt ohnmächtig langsam an ihm zu Boden.

Lohengrin steht allein aufrecht
Weh, nun ist all unser Glück dahin!
Er neigt sich zu Elsa hinab, erhebt sie sanft und lehnt sie auf das Ruhebett.

Elsa die Augen aufschlagend
Allewiger, erbarm dich mein!
Der Tag ist in allmählichem Anbruche begriffen; die tiefer herabgebrannten Kerzen drohen zu erlöschen. Auf Lohengrins Zeichen erheben sich die vier Edlen.

LohengrinTragt den Erschlagnen vor des Königs Gericht!
Die Edlen nehmen die Leiche Friedrichs auf und entfernen sich mit ihr durch eine Tür des Hintergrundes. Lohengrin läutet an einem Glockenzuge; vier Frauen treten von links ein.
zu den Frauen
Sie vor den König zu geleiten,
schmückt Elsa, meine süße Frau!
Dort will ich Antwort ihr bereiten,
daß sie des Gatten Art erschau’.
Er entfernt sich mit traurig feierlicher Haltung durch die Tür rechts. Die Frauen geleiten Elsa, die keiner Bewegung mächtig ist, nach links ab. Der Tag hat langsam begonnen zu grauen; die Kerzen sind verloschen. Wie aus dem Burghofe herauf hört man Heerhörner einen Aufruf blasen.