Lohengrin 3. Aufzug 3. Szene 2

Lohengrin in feierlicher Verklärung vor sich herblickend
In fernem Land, unnahbar euren Schritten,
liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;
ein lichter Tempel stehet dort inmitten,
so kostbar, als auf Erden nichts bekannt;
drin ein Gefäß von wundertät’gem Segen
wird dort als höchstes Heiligtum bewacht:
Es ward, daß sein der Menschen reinste pflegen,
herab von einer Engelschar gebracht;
alljährlich naht vom Himmel eine Taube,
um neu zu stärken seine Wunderkraft:
Es heißt der Gral, und selig reinster Glaube
erteilt durch ihn sich seiner Ritterschaft.
Wer nun dem Gral zu dienen ist erkoren,
den rüstet er mit überird’scher Macht;
an dem ist jedes Bösen Trug verloren,
wenn ihn er sieht, weicht dem des Todes Nacht.
Selbst wer von ihm in ferne Land’ entsendet,
zum Streiter für der Tugend Recht ernannt,
dem wird nicht seine heil’ge Kraft entwendet,
bleibt als sein Ritter dort er unerkannt.

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
So hehrer Art doch ist des Grales Segen,
enthüllt – muß er des Laien Auge fliehn;
des Ritters drum sollt Zweifel ihr nicht hegen,
erkennt ihr ihn – dann muß er von euch ziehn.
Nun hört, wie ich verbotner Frage lohne!
Vom Gral ward ich zu euch daher gesandt:
Mein Vater Parzival trägt seine Krone,
sein Ritter ich – bin Lohengrin genannt.

König HeinrichHör’ ich so seine höchste Art bewähren,
entbrennt mein Aug’ in heil’gen Wonnezähren.

Elsa wie vernichtet
Mir schwankt der Boden! Welche Nacht!
O Luft! Luft der Unglücksel’gen!
Sie droht umzusinken; Lohengrin faßt sie in seine Arme.

LohengrinO Elsa! Was hast du mir angetan!
Als meine Augen dich zuerst ersahn,
zu dir fühlt’ ich in Liebe mich entbrannt,
und schnell hatt’ ich ein neues Glück erkannt:
Die hehre Macht, die Wunder meiner Art,
die Kraft, die mein Geheimnis mir bewahrt,
wollt’ ich dem Dienst des reinsten Herzens weihn:
Was rissest du nun mein Geheimnis ein?
Jetzt muß ich, ach! von dir geschieden sein!

Die Männer und FrauenWeh! Weh! Weh!

ElsaMein Gatte! Nein!
Ich laß dich nicht von hinnen!
Als Zeuge meiner Buße bleibe hier! usw.

LohengrinIch muß, ich muß! mein süßes Weib!

Die Männer und FrauenWeh!

ElsaNicht darfst du meiner bittern Reu’ entrinnen,
daß du mich strafest, liege ich vor dir!

Die FrauenWeh, nun muß er von dir ziehn!

ElsaDaß du mich strafest, liege ich vor dir!

LohengrinIch muß, ich muß! mein süßes Weib!

Die Männer und FrauenWeh! Wehe! Mußt du von uns ziehn,
du hehrer, gottgesandter Mann!
Soll uns des Himmels Segen fliehn,
wo fänden dein’ wir Tröstung dann?
Weh uns! O bleib!
Soll uns des Himmel Segen fliehn usw.

ElsaBist du so göttlich als ich dich erkannt,
sei Gottes Gnade nicht aus dir verbannt!
Büßt sie in Jammer ihre schwere Schuld,
nicht flieh’ die Ärmste deiner Nähe Huld!
Verstoß mich nicht, wie groß auch mein Verbrechen!
Verlaß mich, ach! verlaß die Ärmste nicht! usw.

LohengrinSchon zürnt der Gral, daß ich ihm ferne bleib’!
Ich muß! Ich muß!
Nur eine Strafe gibt’s für dein Vergehn!
Ach! mich, wie dich trifft ihre herbe Pein!
Getrennt, geschieden sollen wir uns sehn:
Dies muß die Strafe, dies die Sühne sein!
Elsa sinkt mit einem Schrei zurück.

König Heinrich Lohengrin ungestüm umdrängend
O bleib, und zieh uns nicht von dannen!
Des Führers harren deine Mannen!
O bleib usw.

LohengrinO König, hör! Ich darf dich nicht geleiten!
Des Grales Ritter, habt ihr ihn erkannt,
wollt’ er in Ungehorsam mit euch streiten,
ihm würde alle Manneskraft entwandt!
Doch, großer König, laß mich dir weissagen:
Dir Reinem ist ein großer Sieg verliehn!
Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen
des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!
Lebhafte Erregung. Man sieht auf dem Flusse den Schwan mit dem leeren Nachen auf dieselbe Weise wie bei Lohengrins erstem Erscheinen anlangen.

Einige Männer im Hintergrunde
Der Schwan! Der Schwan! Der Schwan!
Der Schwan! Seht dort ihn wieder nahn!

Die Übrigen Männer im Vordergrunde, nach hinten gewandt
Der Schwan! Seht dort ihn wieder nahn!

Die Frauen im nächsten Vordergrunde um Elsa
Der Schwan! Weh, er naht!

Alle MännerEr naht, der Schwan!
Der Schwan kommt um die vordere Flußbiegung herum.

Elsa aus ihrer Betäubung erweckt, erhebt sich, auf den Sitz gestützt, und blickt nach dem Ufer
Entsetzlich! Ha, der Schwan!
Sie verbleibt lange Zeit wie erstarrt in ihrer Stellung.

LohengrinSchon sendet nach dem Säumigen der Gral!
Unter der gespanntesten Erwartung der übrigen tritt er dem Ufer näher und neigt sich zu dem Schwan, ihn wehmütig betrachtend.
Mein lieber Schwan!
Ach, diese letzte, traur’ge Fahrt,
wie gern hätt’ ich sie dir erspart!
In einem Jahr, wenn deine Zeit
im Dienst zu Ende sollte gehn –
dann, durch des Grales Macht befreit,
wollt’ ich dich anders wieder sehn!
Er wendet sich im Ausbruch heftigen Schmerzes in den Vordergrund zu Elsa zurück.
O Elsa! Nur ein Jahr an deiner Seite
hatt’ ich als Zeuge deines Glücks ersehnt!
Dann kehrte, selig in des Grals Geleite,
dein Bruder wieder, den du tot gewähnt.
Alle drücken ihre Überraschung aus. Lohengrin überreicht Elsa sein Horn, sein Schwert und seinen Ring.
Kommt er dann heim, wenn ich ihm fern im Leben,
dies Horn, dies Schwert, den Ring sollst du ihm geben.
Dies Horn soll in Gefahr ihm Hilfe schenken,
in wildem Kampf dies Schwert ihm Sieg verleiht;
doch bei dem Ringe soll er mein gedenken,
der einst auch dich aus Schmach und Not befreit!
Während er Elsa, die keines Ausdrucks mächtig ist, wiederholt küßt.
Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl, mein süßes Weib!
Leb wohl! Mir zürnt der Gral, wenn ich noch bleib!
Leb wohl, leb wohl!
Elsa hat sich krampfhaft an ihm festgehalten; endlich verläßt sie die Kraft, sie sinkt ihren Frauen in die Arme, denen sie Lohengrin übergibt, wonach dieser schnell dem Ufer zueilt.

König HeinrichWeh! Weh! Weh! Du edler, holder Mann!
Welch harte Not tust du uns an!

Ortrud tritt im Vordergrunde auf, mit jubelnder Gebärde
Fahr heim! Fahr heim, du stolzer Helde,
daß jubelnd ich der Törin melde,
wer dich gezogen in dem Kahn!
Am Kettlein, das ich um ihn wand,
ersah ich wohl, wer dieser Schwan:
Es ist der Erbe von Brabant!
Alle
Ha!
zu Elsa
Dank, daß den Ritter du vertrieben!
Nun gibt der Schwan ihm Heimgeleit:
Der Held, wär’ länger er geblieben,
den Bruder hätt’ er auch befreit!

Die MännerAbscheulich Weib! Ha, welch Verbrechen
hast du in frechem Hohn bekannt!

Die FrauenAbscheulich Weib!

OrtrudErfahrt, wie sich die Götter rächen,
von deren Huld ihr euch gewandt!
Sie bleibt in wilder Verzückung hoch aufgerichtet stehen. – Lohengrin, bereits am Ufer angelangt, hat Ortrud genau vernommen und sinkt jetzt zu einem stummen Gebet feierlich auf die Knie. Aller Blicke richten sich in gespannter Erwartung auf ihn hin. Die weiße Gralstaube schwebt über dem Nachen herab. Lohengrin erblickt sie; mit einem dankbaren Blicke springt er auf und löst dem Schwan die Kette, worauf dieser sogleich untertaucht. An seiner Stelle hebt Lohengrin einen schönen Knaben in glänzendem Silbergewande – Gottfried – aus dem Flusse an das Ufer.

LohengrinSeht da den Herzog von Brabant!
Zum Führer sei er euch ernannt!
Ortrud sinkt bei Gottfrieds Anblick zusammen. Lohengrin springt schnell in den Kahn, den die Taube an der Kette gefaßt hat und sogleich fortzieht. Elsa blickt mit letzter freudiger Verklärung auf Gottfried, welcher nach vorn schreitet und sich vor dem König verneigt. Alle betrachten ihn mit seligem Erstaunen, die Brabanter senken sich huldigend vor ihm auf die Knie. Dann eilt Gottfried in Elsas Arme.

Elsa nach einer kurzen freudigen Entrückung, wendet hastig den Blick nach dem Ufer, wo sie Lohengrin nicht mehr erblickt
Mein Gatte! Mein Gatte!
In der Ferne wird Lohengrin wieder sichtbar; er steht mit gesenktem Haupte traurig auf seinen Schild gelehnt im Nachen.
Ach!

König HeinrichWeh!
Elsa gleitet langsam entseelt in Gottfrieds Armen zu Boden. Lohengrin wird immer ferner gesehen.
Ende Lohengrin