Meistersinger 1. Aufzug 3. Szene 2

PognerNun hört und versteht mich recht! –
Das schöne Fest, Johannistag,
Ihr wißt, begeh’n wir morgen.
Auf grüner Au’, am Blumenhang,
bei Spiel und Tanz im Lustgelag,
an froher Brust geborgen,
vergessen seiner Sorgen,
ein jeder freut sich, wie er mag.
Die Singschul’ ernst im Kirchenchor
die Meister selbst vertauschen;
mit Kling und Klang hinaus zum Tor
auf offne Wiese ziehn sie vor
bei hellen Festes Rauschen;
das Volk sie lassen lauschen
dem Freigesang mit Laienohr.
Zu einem Werb- und Wettgesang
gestellt sind Siegespreise,
und beide preist man weit und lang,
die Gabe wie die Weise.
Nun schuf mich Gott zum reichen Mann;
und gibt ein jeder, wie er kann,
so mußte ich wohl sinnen,
was ich gäb’ zu gewinnen,
daß ich nicht käm’ zu Schand’:
so hört denn, was ich fand.
In deutschen Landen viel gereist,
hat oft es mich verdrossen,
daß man den Bürger wenig preist,
ihn karg nennt und verschlossen.
An Höfen wie an nied’rer Statt
des bitt’ren Tadels ward ich satt,
daß nur auf Schacher und Geld
sein Merk’ der Bürger stellt.
Daß wir im weiten deutschen Reich
die Kunst einzig noch pflegen,
dran dünkt ihnen wenig gelegen.
Doch wie uns das zur Ehre gereich’,
und daß mit hohem Mut
wir schätzen, was schön und gut,
was wert die Kunst und was sie gilt,
das ward ich der Welt zu zeigen gewillt.
Drum hört, Meister, die Gab’,
die als Preis bestimmt ich hab.
Dem Sieger, der im Kunstgesang
vor allem Volk den Preis errang
am Sankt-Johannis-Tag,
sei er, wer er auch mag,
dem geh’ ich, ein Kunstgewogner,
von Nürnberg Veit Pogner,
mit all meinem Gut, wie’s geh’ und steh’,
Eva, mein einzig Kind, zur Eh’.

Die Meister sich erhebend und sehr lebhaft durcheinander:
Das heißt ein Wort! Ein Mann!
Da sieht man, was ein Nürnberger kann!
Drob preist man Euch noch weit und breit,
den wack’ren Bürger Pogner Veit!

Lehrbuben lustig aufspringend:
Alle Zeit, weit und breit:
Pogner Veit! Pogner Veit!

VogelgesangWer möchte da nicht ledig sein?

SachsSein Weib gäb’ mancher gern wohl drein!

KothnerAuf, ledig’ Mann! Jetzt macht euch ’ran!

PognerNun hört noch, wie ich’s ernstlich mein’!
Die Meister setzen sich allmählich wieder nieder, die Lehrbuben ebenfalls.
Ein’ leblos’ Gabe geh’ ich nicht:
ein Mägdlein sitzt mit zu Gericht.
Den Preis erkennt die Meisterzunft;
doch gilt’s der Eh’, so will’s Vernunft,
daß ob der Meister Rat
die Braut den Ausschlag hat.

Beckmesser zu Kothner gewandt:
Dünkt Euch das klug?

Kothner laut:
Versteh’ ich gut,
Ihr gebt uns in des Mägdleins Hut?

BeckmesserGefährlich das!

KothnerStimmt es nicht bei,
wie wäre dann der Meister Urteil frei?

BeckmesserLaßt’s gleich wählen nach Herzensziel
und laßt den Meistergesang aus dem Spiel!

PognerNicht so! Wie doch? Versteht mich recht!
Wem Ihr Meister den Preis zusprecht,
die Maid kann dem verwehren,
doch nie einen andren begehren.
Ein Meistersinger muß er sein:
nur wen Ihr krönt, den soll sie frei’n.

Sachs erhebt sich:
Verzeiht!
Vielleicht schon ginget Ihr zu weit.
Ein Mädchenherz und Meisterkunst
erglüh’n nicht stets in gleicher Brunst;
der Frauen Sinn, gar unbelehrt,
dünkt mich dem Sinn des Volks gleich wert.
Wollt Ihr nun vor dem Volke zeigen,
wie hoch die Kunst Ihr ehrt,
und laßt Ihr dem Kind die Wahl zu eigen,
wollt nicht, daß dem Spruch es wehrt:
so laßt das Volk auch Richter sein;
mit dem Kinde sicher stimmt’s überein.

VogelgesangOho!

Die Meister außer Sachs und Pogner:
Das Volk? Ja, das wäre schön!
Ade dann Kunst und Meistertön’!

KothnerNein, Sachs! Gewiß, das hat keinen Sinn,
gäbt Ihr dem Volk die Regeln hin?

SachsVernehmt mich recht! Wie Ihr doch tut!
Gesteht, ich kenn die Regeln gut;
und daß die Zunft die Regeln bewahr’,
bemüh’ ich mich selbst schon manches Jahr.
Doch einmal im Jahre fänd’ ich’s weise,
daß man die Regeln selbst probier’,
ob in der Gewohnheit trägem Gleise
ihr’ Kraft und Leben nicht sich verlier’:
und ob Ihr der Natur noch seid auf rechter Spur,
das sagt Euch nur,
wer nichts weiß von der Tabulatur.
Die Lehrbuben springen auf und reiben sich die Hände.

BeckmesserHei! Wie sich die Buben freuen!

Sachs eifrig fortfahrend:
Drum möcht’ es Euch nie gereuen,
daß jährlich am Sankt-Johannis-Fest,
statt daß das Volk man kommen läßt,
herab aus hoher Meister Wolk’
Ihr selbst Euch wendet zu dem Volk.
Dem Volke wollt Ihr behagen;
nun dächt’ ich, läg’ es nah,
Ihr ließt es selbst Euch auch sagen,
ob das ihm zur Lust geschah.
Daß Volk und Kunst gleich blüh’ und wachs’,
bestellt Ihr so, mein’ ich, Hans Sachs.

VogelgesangIhr meint’s wohl recht!

KothnerDoch steht’s drum faul.

NachtigallWenn spricht das Volk, halt’ ich das Maul.

KothnerDer Kunst droht allweil Fall und Schmach,
läuft sie der Gunst des Volkes nach.

BeckmesserDrin bracht’ er’s weit, der hier so dreist:
Gassenhauer dichtet er meist.

PognerFreund Sachs, was ich mein’, ist schon neu:
zuviel auf einmal brächte Reu’!
Er wendet sich zu den Meistern.
So frag’ ich, ob den Meistern gefällt
Gab’ und Regel, so wie ich’s gestellt?
Die Meister erheben sich beistimmend.

SachsMir genügt der Jungfer Ausschlagstimm’.

BeckmesserDer Schuster weckt doch stets mir Grimm!

KothnerWer schreibt sich als Werber ein?
Ein Junggesell’ muß es sein.

BeckmesserVielleicht auch ein Witwer? Fragt nur den Sachs!

SachsNicht doch, Herr Merker! Aus jüng’rem Wachs
als ich und Ihr muß der Freier sein,
soll Evchen ihm den Preis verleih’n.

BeckmesserAls wie auch ich? Grober Gesell!

KothnerBegehrt wer Freiung, der komm’ zur Stell’!
Ist jemand gemeld’t, der Freiung begehrt?