Meistersinger 1. Aufzug 3. Szene 3

PognerWohl, Meister! Zur Tagesordnung kehrt!
Und nehmt von mir Bericht,
wie ich auf Meisterpflicht
einen jungen Ritter empfehle,
der will, daß man ihn wähle
und heut als Meistersinger frei’. –
Mein Junker Stolzing, kommt herbei!
Walther tritt hervor und verneigt sich.

Beckmesser bei Seite:
Dacht’ ich mir’s doch! Geht’s da hinaus, Veit?
Laut.
Meister, ich mein’, zu spät ist’s der Zeit.

SchwarzDer Fall Soll man sich freu’n?
Die übrigen Meister Ein Ritter gar?

VogelgesangSoll man sich freu’n?

ZornWäre da Gefahr?

VogelgesangOder wär’ Gefahr?

Die MeisterImmerhin hat’s ein groß’ Gewicht,
daß Meister Pogner für ihn spricht.

KothnerSoll uns der Junker willkommen sein,
zuvor muß er wohl vernommen sein.

PognerVernehmt ihn wohl! Wünsch’ ich ihm Glück,
nicht bleib’ ich doch hinter der Regel zurück.
Tut, Meister, die Fragen!

KothnerSo mög’ uns der Junker sagen:
ist er frei und ehrlich geboren?

PognerDie Frage gebt verloren,
da ich Euch selbst des Bürge steh’,
daß er aus frei’ und edler Eh’:
von Stolzing Walther aus Frankenland,
nach Brief und Urkund’ mir wohlbekannt.
Als seines Stammes letzter Sproß
verließ er neulich Hof und Schloß
und zog nach Nürnberg her,
daß er hier Bürger wär’.

BeckmesserNeu Junker-Unkraut! Tut nicht gut!

NachtigallFreund Pogners Wort Genüge tut.

SachsWie längst von den Meistern beschlossen ist,
ob Herr, ob Bauer, hier nichts beschießt:
hier fragt sich’s nach der Kunst allein,
wer will ein Meistersinger sein.

KothnerDrum nun frag’ ich zur Stell’:
welch Meisters seid Ihr Gesell’?

WaltherAm stillen Herd in Winterszeit,
wann Burg und Hof mir eingeschneit,
wie einst der Lenz so lieblich lacht’
und wie er bald wohl neu erwacht,
ein altes Buch, vom Ahn vermacht,
gab das mir oft zu lesen:
Herr Walther von der Vogelweid’,
der ist mein Meister gewesen.

SachsEin guter Meister!

BeckmesserDoch lang’ schon tot;
wie lehrt’ ihn der wohl der Regeln Gebot?

KothnerDoch in welcher Schul’ das Singen
mocht’ Euch zu lernen gelingen?

WaltherWann dann die Flur vom Frost befreit
und wiederkehrt die Sommerszeit,
was einst in langer Winternacht
das alte Buch mir kundgemacht,
das schallte laut in Waldespracht,
das hört’ ich hell erklingen:
im Wald dort auf der Vogelweid’,
da lernt’ ich auch das Singen.

BeckmesserOho! Von Finken und Meisen
lerntet Ihr Meisterweisen?
Das wird dann wohl auch darnach sein!

VogelgesangZwei art’ge Stollen faßt’ er da ein.

BeckmesserIhr lobt ihn, Meister Vogelgesang,
wohl weil vom Vogel er lernt’ den Gesang?

KothnerWas meint Ihr, Meister? Frag’ ich noch fort?
Mich dünkt, der Junker ist fehl am Ort.

SachsDas wird sich bäldlich zeigen.
Wenn rechte Kunst ihm eigen
und gut er sie bewährt,
was gilt’s, wer sie ihn gelehrt?

Kothner zu Walther:
Seid Ihr bereit, ob Euch geriet
mit neuer Find’ ein Meisterlied,
nach Dicht’ und Weis’ Eu’r eigen,
zur Stunde jetzt zu zeigen?

WaltherWas Winternacht, was Waldespracht,
was Buch und Hain mich wiesen;
was Dichtersanges Wundermacht
mir heimlich wollt’ erschließen;
was Rosses Schritt beim Waffenritt,
was Reihentanz bei heit’rem Schanz
mir sinnend gab zu lauschen:
gilt es des Lebens höchsten Preis,
um Sang mir einzutauschen,
zu eignem Wort und eigner Weis’
will einig mir es fließen,
als Meistersang, ob den ich weiß,
Euch Meistern sich ergießen.

BeckmesserEntnahmt Ihr was der Worte Schwall?

VogelgesangEi nun, er wagt’s!

NachtigallMerkwürd’ger Fall!

KothnerNun, Meister, wenn’s gefällt,
werd’das Gemerk bestellt. –
Zu Walther:
Wählt der Herr einen heiligen Stoff?

WaltherWas heilig mir, der Liebe Panier
schwing’ und sing’ ich mir zu Hoff.

KothnerDas gilt uns weltlich. Drum allein,
Meister Beckmesser, schließt Euch ein!

Beckmesser erhebt sich und schreitet wie widerwillig dem Gemerke zu:
Ein sau’res Amt, und heut’zumal!
Wohl gibt’s mit der Kreide manche Qual.
Er verneigt sich gegen Walther.
Herr Ritter, wißt:
Sixtus Beckmesser Merker ist.
Hier im Gemerk
verrichtet er still sein strenges Werk.
Sieben Fehler gibt er Euch vor,
die merkt er mit Kreide dort an:
wenn er über sieben Fehler verlor,
dann versang der Herr Rittersmann.
Er setzt sich im Gemerk.
Gar fein er hört;
doch daß er Euch den Mut nicht stört,
säht Ihr ihm zu, so gibt er Euch Ruh’
und schließt sich gar hier ein –
läßt Gott Euch befohlen sein.
Er streckt den Kopf höhnisch freundlich nickend heraus und verschwindet hinter dem zugezogenen Vorhange des Gemerks gänzlich.

Kothner winkt den Lehrbuben. Zu Walther:
Was Euch zum Liede Richt’ und Schnur,
vernehmt nun aus der Tabulatur.
Zwei Lehrbuben haben die an der Wand aufgehängte Tafel der «Leges Tabulaturae» herabgenommen und halten sie Kothner vor; dieser liest daraus.
«Ein jedes Meistergesanges Bar
stell’ ordentlich ein Gemäße dar
aus unterschiedlichen Gesätzen,
die keiner soll verletzen.
Ein Gesätz besteht aus zweenen Stollen,
die gleiche Melodei haben sollen;
der Stoll’ aus etlicher Vers’ Gebänd’,
der Vers hat seinen Reim am End’.
Darauf erfolgt der Abgesang,
der sei auch etlich’ Verse lang
und hab’ sein’ besond’re Melodei,
als nicht im Stollen zu finden sei.
Derlei Gemäßes mehre Baren
soll ein jed’Meisterlied bewahren;
und wer ein neues Lied gericht’t,
das über vier der Silben nicht
eingreift in andrer Meister Weis’,
deß Lied erwerb’ sich Meisterpreis.» –
Er gibt die Tafel den Lehrbuben zurück; diese hängen sie wieder auf.
Nun setzt Euch in den Singestuhl!

Walther mit einem Schauer:
Hier – in den Stuhl?

KothnerWie’s Brauch der Schul’.

Walther besteigt den Stuhl und setzt sich mit Widerstreben. Beiseite:
Für dich, Geliebte, sei’s getan!

Kothner sehr laut:
Der Sänger sitzt.