Meistersinger 1. Aufzug 3. Szene 4

Beckmesser unsichtbar im Gemerk, sehr grell:
Fanget an!

WaltherFanget an!
So rief der Lenz in den Wald,
daß laut es ihn durchhallt;
und wie in fern’ren Wellen
der Hall von dannen flieht,
von weither naht ein Schwellen,
das mächtig näher zieht;
es schwillt und schallt,
es tönt der Wald
von holder Stimmen Gemenge;
nun laut und hell schon nah zur Stell’,
wie wächst der Schwall! Wie Glockenhall
ertost des Jubels Gedränge!
Der Wald, wie bald
antwortet er dem Ruf,
der neu ihm Leben schuf,
stimmte an
das süße Lenzeslied! –
Man hört aus dem Gemerk unnzutige Seufzer des Merkers und heftiges Anstreichen mit der Kreide. Auch Walther hat es gehört; nach kurzer Störung fährt er fort.
In einer Dornenhecken,
von Neid und Gram verzehrt,
mußt’ er sich da verstecken,
der Winter, grimm-bewehrt.
Von dürrem Laub umrauscht
er lauert da und lauscht,
wie er das frohe Singen
zu Schaden könnte bringen. –
Er steht vom Stuhle auf.
Doch:
fanget an!
So rief es mir in der Brust,
als noch ich von Liebe nicht wußt’.
Da fühlt’ ich’s tief sich regen,
als weckt’ es mich aus dem Traum;
mein Herz mit bebenden Schlägen
erfüllte des Busens Raum:
das Blut, es wallt mit Allgewalt,
geschwellt von neuem Gefühle;
aus warmer Nacht mit Übermacht
schwillt mir zum Meer der Seufzer Heer
im wilden Wonnegewühle.
Die Brust wie bald
antwortet sie dem Ruf,
der neu ihr Leben schuf;
stimmt nun an
das hehre Liebeslied!

Beckmesser den Vorhang aufreißend:
Seid Ihr nun fertig?

WaltherWie fraget Ihr?

BeckmesserMit der Tafel ward ich fertig schier.
Er hält die ganz mit Kreidestrichen bedeckte Tafel heraus; die Meister brechen in ein Gelächter aus.

WaltherHört doch! Zu meiner Frauen Preis
gelang’ ich jetzt erst mit der Weis’.

Beckmesser das Gemerk verlassend:
Singt, wo Ihr wollt! Hier habt Ihr vertan.
Ihr Meister, schaut die Tafel Euch an:
so lang’ ich leb’, ward’s nicht erhört;
ich glaubt’s nicht, wenn Ihr’s all auch schwört!

WaltherErlaubt Ihr’s, Meister, daß er mich stört?
Blieb ich von allen ungehört?

PognerEin Wort, Herr Merker! Ihr seid gereizt!

BeckmesserSei Merker fortan, wer danach geizt!
Doch daß der Junker hier versungen hat,
beleg’ ich erst noch vor der Meister Rat.
Zwar wird’s ’ne harte Arbeit sein:
wo beginnen, da wo nicht aus noch ein?
Von falscher Zahl und falschem Gebänd’
schweig’ ich schon ganz und gar;
zu kurz, zu lang, wer ein End’ da fänd’!
Wer meint hier im Ernst einen Bar?
Auf «blinde Meinung» klag’ ich allein:
sagt, konnt’ ein Sinn unsinniger sein?

Die Meister ohne Sachs und Pogner:
Man ward nicht klug! Ich muß gestehn.
Ein Ende konnte keiner erseh’n.

BeckmesserUnd dann die Weis’! Welch tolles Gekreis’
aus «Abenteuer»-, «blau Rittersporn»-Weis’,
«hoch Tannen»- und «stolz Jüngling»-Ton!

KothnerJa, ich verstand gar nichts davon!

BeckmesserKein Absatz wo, kein’ Koloratur,
von Melodei auch nicht eine Spur!

OrtelWer nennt das Gesang?

MoserEs ward einem bang’!

NachtigallJa, ’s ward einem bang!

VogelgesangEitel Ohrgeschinder!

ZornAuch gar nichts dahinter!

KothnerUnd gar vom Singstuhl ist er gesprungen!

BeckmesserWird erst auf die Fehlerprobe gedrungen?
Oder gleich erklärt, daß er versungen?