Meistersinger 2. Aufzug 3. Szene

Dritte Szene
Sachs ist, in leichter Hauskleidung, von innen in die Werkstatt zurückgekommen. Er wendet sich zu David, der an seinem Werktische verblieben ist.
SachsZeig her! – ‘s ist gut. – Dort an die Tür
riick’ mir Tisch und Schemel herfür! –
Leg’ dich zu Bett! Steh’ auf beizeit’
verschlaf die Dummheit, sei morgen gescheit!

David während er den Tisch und Schemel richtet:
Schafft Ihr noch Arbeit?

SachsKümmert dich das?

David für sich:
Was war nur der Lene? Gott weiß, was! –
Warum wohl der Meister heute wacht?

SachsWas stehst noch?

DavidSchlaft wohl, Meister!

SachsGut’ Nacht!
David geht in die der Gasse zu gelegene Kammer ab.
legt sich die Arbeit zurecht, setzt sich an der Tür auf den Schemel, läßt aber die Arbeit wieder liegen und lehnt, mit dem Arm auf den geschlossenen Unterteil des Türladens gestützt, sich zurück:
Was duftet doch der Flieder
so mild, so stark und voll!
Mir löst es weich die Glieder,
will, daß ich was sagen soll.
Was gilt’s, was ich dir sagen kann?
Bin gar ein arm einfältig Mann!
Soll mir die Arbeit nicht schmecken,
gäbst, Freund, lieber mich frei;
tät’ besser, das Leder zu strecken,
und ließ alle Poeterei.
Er nimmt heftig und geräuschvoll die Schusterarbeit vor. Läßt wieder ab, lehnt sich von neuem zurück und sinnt nach.

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Und doch, ‘s will halt nicht geh’n.
Ich fühl’s – und kann’s nicht versteh’n –
kann’s nicht behalten – doch auch nicht vergessen;
und faß ich es ganz – kann ich’s nicht messen!
Doch wie wollt’ ich auch messen,
was unermeßlich mir schien?
Kein’ Regel wollte da passen
und war doch kein Fehler drin.
Es klang so alt und war doch so neu
wie Vogelsang im süßen Mai!
Wer ihn hört
und wahnbetört
sänge dem Vogel nach,
dem brächt’ es Spott und Schmach. –
Lenzes Gebot, die süße Not,
die legt’ es ihm in die Brust:
nun sang er, wie er mußt’!
Und wie er mußt’ – so konnt’ er’s;
das merkt’ ich ganz besonders.
Dem Vogel, der heut’ sang,
dem war der Schnabel hold gewachsen:
macht’ er den Meistern bang,
gar wohl gefiel’ er doch Hans Sachsen.
Er nimmt mit heiterer Gelassenheit seine Arbeit vor.