Meistersinger 2. Aufzug 4. Szene

Vierte Szene
Eva ist auf die Straße getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unbemerkt an der Tür bei Sachs.
EvaGut’n Abend, Meister! Noch so fleißig?

Sachs fährt angenehm überrascht auf:
Ei, Kind!
Lieb Evchen! Noch so spät?
Und doch, warum so spät noch, weiß ich:
die neuen Schuh’?

EvaWie fehl er rät!
Die Schuh’ hab ich noch gar nicht probiert;
sie sind so schön und reich geziert,
daß ich sie noch nicht an die Füß’ mir getraut.
Sie setzt sich dicht neben Sachs auf den Steinsitz.

SachsDoch sollst sie morgen tragen als Braut?

EvaWer wäre denn Bräutigam?

SachsWeiß ich das?

EvaWie wißt Ihr dann, daß ich Braut?

SachsEi was! – Das weiß die Stadt.

EvaJa, weiß es die Stadt,
Freund Sachs gute Gewähr dann hat.
Ich dacht’, er wüßt’ mehr.

SachsWas sollt’ ich wissen?

EvaEi seht doch! Werd ich’s ihm sagen müssen?
Ich bin wohl recht dumm?

SachsDas sag ich nicht.

EvaDann wärt Ihr wohl klug?

SachsDas weiß ich nicht.

EvaIhr wißt nichts? Ihr sagt nichts? Ei, Freund Sachs,
jetzt merk’ ich wahrlich, Pech ist kein Wachs.
Ich hätt’ Euch für feiner gehalten.

SachsKind,
beid’, Wachs und Pech, vertraut mir sind.
Mit Wachs strich ich die seid’nen Fäden,
damit ich dir die zieren Schuh’ gefaßt:
heut faß ich die Schuh’ mit dicht’ren Drähten,
da gilt’s mit Pech für den derb’ren Gast.

EvaWer ist denn der? Wohl was Recht’s?

SachsDas mein’ ich!
Ein Meister, stolz auf Freiers Fuß,
denkt morgen zu siegen ganz alleinig:
Herrn Beckmessers Schuh’ ich richten muß.

EvaSo nehmt nur tüchtig Pech dazu:
da kleb’ er drin und lass’ mir Ruh’!

SachsEr hofft dich sicher zu ersingen.

EvaWieso denn der?

SachsEin Junggesell:
‘s gibt deren wenig dort zur Stell’.

EvaKönnt’s einem Witwer nicht gelingen?

SachsMein Kind, der wär’ zu alt für dich.

EvaEi, was! Zu alt? Hier gilt’s der Kunst,
wer sie versteht, der werb’ um mich!

SachsLieb’ Evchen! Machst mir blauen Dunst?

EvaNicht ich! Ihr seid’s; Ihr macht mir Flausen!
Gesteht nur, daß Ihr wandelbar;
Gott weiß, wer Euch jetzt im Herzen mag hausen,
glaubt’ ich mich doch drin so manches Jahr.

SachsWohl, da ich dich gern auf den Armen trug?

EvaIch seh’, ‘s war nur, weil Ihr kinderlos.

SachsHatt’ einst ein Weib und Kinder genug.

EvaDoch starb Eure Frau, so wuchs ich groß.

SachsGar groß und schön!

EvaDa dacht’ ich aus,
Ihr nähmt mich für Weib und Kind ins Haus.

SachsDa hätt’ ich ein Kind und auch ein Weib!
‘s wär ein lieber Zeitvertreib!
Ja, ja! Das hast du dir schön erdacht.

EvaIch glaub’, der Meister mich gar verlacht?
Am End’ auch ließ’ er sich gar gefallen,
daß unter der Nas’ ihm weg vor allen
der Beckmesser morgen mich ersäng’?

SachsWer sollt’s ihm wehren, wenn’s ihm geläng’?
Dem wüßt’ allein dein Vater Rat.

EvaWo so ein Meister den Kopf nur hat!
Käm’ ich zu Euch wohl, fänd’ ich’s zu Haus?

Sachs trocken:
Ach ja! Hast recht! ‘s ist im Kopf mir kraus.
Hab heut manch’ Sorg’ und Wirr’ erlebt:
da mag’s dann sein, daß was drin klebt.

Eva wieder näher rückend:
Wohl in der Singschul’? ‘s war heut Gebot.

SachsJa, Kind! Eine Freiung machte mir Not.

EvaJa, Sachs! Das hättet Ihr gleich soll’n sagen;
quält Euch dann nicht mit unnützen Fragen.
Nun sagt, wer war’s, der Freiung begehrt?

SachsEin Junker, Kind, gar unbelehrt.

Eva wie heimlich:
Ein Ritter? Mein, sagt!
Und ward er gefreit?

SachsNichts da, mein Kind! ‘s gab gar viel Streit.

EvaSo sagt! Erzählt, wie ging es zu?
Macht’s Euch Sorg’, wie ließ’ mir es Ruh’?
So bestand er übel und hat vertan?

SachsOhne Gnad’ versang der Herr Rittersmann.

Magdalene kommt zum Hause heraus und ruft leise:
Pst! Evchen! Pst!

Eva eifrig zu Sachs gewandt:
Ohne Gnade? Wie?
Kein Mittel gäb’s, das ihm gedieh?
Sang er so schlecht, so fehlervoll,
daß nichts mehr zum Meister ihm helfen soll?

SachsMein Kind, für den ist alles verloren,
und Meister wird der in keinem Land;
denn wer als Meister geboren,
der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.

Magdalene vernehmlicher rufend:
Der Vater verlangt.

Eva immer dringender zu Sachs:
So sagt mir noch an,
ob keinen der Meister zum Freund er gewann?

SachsDas wär’ nicht übel! Freund ihm noch sein!
Ihm, vor dem sich alle fühlten so klein?
Den Junker Hochmut, laßt ihn laufen,
mag er durch die Welt sich raufen;
was wir erlernt mit Not und Müh’,
dabei laßt uns in Ruh’ verschnaufen:
hier renn’ er uns nichts über’n Haufen,
sein Glück ihm anderswo erblüh’!

Eva erhebt sich zornig:
Ja, anderswo soll’s ihm erblühn
als bei euch garst’gen, neid’schen Mannsen;
wo warm die Herzen noch erglühen,
trotz allen tück’schen Meister Hansen! –
Zu Magdalene.
Gleich, Lene, gleich! Ich komme schon!
Was trüg’ ich hier für Trost davon?
Da riecht’s nach Pech, daß Gott erbarm’!
Brennt’ er’s lieber, da würd’ er doch warm!
Sie geht sehr aufgeregt mit Magdalene über die Straße hinüber und verweilt in großer Unruhe unter der Tür des Hauses.

Sachs sieht ihr mit bedeutungsvollem Kopfnicken nach:
Das dacht’ ich wohl. Nun heißt’s:
schaff Rat!
Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentüre so weit zu schießen daß sie nur ein wenig Licht noch durchläßt er selbst verschwindet so fast gänzlich.

MagdaleneHilf Gott! Wo bliebst du nur so spat? Der Vater rief.

EvaGeh zu ihm ein:
ich sei zu Bett im Kämmerlein.

MagdaleneNicht doch! Hör mich! Komm ich dazu?
Beckmesser fand mich, er läßt nicht Ruh’,
zur Nacht sollst du dich ans Fenster neigen,
er will dir was Schönes singen und geigen,
mit dem er dich hofft zu gewinnen, das Lied,
ob das dir nach Gefallen geriet.

EvaDas fehlte auch noch! – Käme nur er!

MagdaleneHast David gesehn?

EvaWas soll mir der?
Sie späht aus.

Magdalene für sich:
Ich war zu streng; er wird sich grämen.

EvaSiehst du noch nichts?

Magdalene tut, als spähe sie:
‘s ist, als ob Leut’ dort kämen.

EvaWär’ er’s?

MagdaleneMach und komm jetzt hinan!

EvaNicht eh’r, bis ich sah den teuersten Mann!

MagdaleneIch täuschte mich dort, er war es nicht.
Jetzt komm, sonst merkt der Vater die Geschicht’!

EvaAch, meine Angst!

MagdaleneAuch laß uns beraten, wie wir des Beckmessers uns entladen.

EvaZum Fenster gehst du für mich.
Sie lauscht.

MagdaleneWie, ich? –
Für sich.
Das machte wohl David eiferlich?
Er schläft nach der Gassen! Hihi, ‘s wär’ fein!

EvaDa hör’ ich Schritte.

Magdalene zu Eva:
Jetzt komm, es muß sein!

EvaJetzt näher!

MagdaleneDu irrst! ‘s ist nichts, ich wett’.
Ei, komm! Du mußt, bis der Vater zu Bett.

Pogner Seine Stimme von innen:
He! Lene! Eva!

Magdalene‘s ist höchste Zeit!
Hörst du’s? Komm! Dein Ritter ist weit.
Sie zieht die sich sträubende Eva am Arm die Stufen zur Tür hinauf