Meistersinger 2. Aufzug 5. Szene

Fünfte Szene
Walther ist die Gasse heraufgekommen; jetzt biegt er um die Ecke herum: Eva erblickt ihn, reißt sich von Magdalene los und stürzt Walther auf die Straße entgegen.
EvaDa ist er!

MagdaleneDa haben wir’s! Nun heißt’s:
gescheit!
Sie geht eilig in das Haus.

Eva außer sich:
Ja, Ihr seid es! Nein, du bist es!
Alles sag’ ich, denn Ihr wißt es;
alles klag’ ich, denn ich weiß es;
Ihr seid beides, Held des Preises
und mein einz’ger Freund!

Walther leidenschaftlich:
Ach, du irrst! Bin nur dein Freund, doch des Preises
noch nicht würdig, nicht den Meistern ebenbürtig.
Mein Begeistern fand Verachten,
und, ich weiß es, darf nicht trachten
nach der Freundin Hand!

EvaWie du irrst! Der Freundin Hand,
erteilt nur sie den Preis,
wie deinen Mut ihr Herz erfand,
reicht sie nur dir das Reis.

WaltherAch nein, du irrst! Der Freundin Hand,
wär’ keinem sie erkoren;
wie sie des Vaters Wille band,
mir war sie doch verloren.
«Ein Meistersinger muß er sein,
nur wen Ihr krönt, den darf sie frein!»
So sprach er festlich zu den Herr’n,
kann nicht zurück, möcht’ er auch gern!
Das eben gab mir Mut;
wie ungewohnt mir alles schien,
ich sang voll Lieb’ und Glut,
daß ich den Meisterschlag verdien’.
Doch diese Meister!
Wütend.
Ha, diese Meister!
Dieser Reim-Gesetze Leimen und Kleister!
Mir schwillt die Galle,
das Herz mir stockt,
denk’ ich der Falle,
darein ich gelockt!
Fort in die Freiheit!
Da hin gehör’ ich,
da, wo ich Meister im Haus!
Soll ich dich frei’n heut,
dich nun beschwör’ ich,
komm und folg mir hinaus!
Nichts steht zu hoffen;
keine Wahl ist offen!
Überall Meister,
wie böse Geister
seh’ ich sich rotten,
mich zu verspotten:
mit den Gewerken,
aus den Gemerken,
aus allen Ecken,
auf allen Flecken
seh’ ich zu Haufen
Meister nur laufen,
mit höhnendem Nicken
frech auf dich blicken,
in Kreisen und Ringeln
dich umzingeln,
näselnd und kreischend
zur Braut dich heischend,
als Meisterbuhle
auf dem Singestuhle,
zitternd und bebend,
hoch dich erhebend!
Und ich ertrüg’ es, sollt’ es nicht wagen,
gradaus tüchtig d’rein zu schlagen?
Man hört den starken Ruf eines Nachtwächterhorns.
Ha! ...
Er hat mit emphatischer Gebärde die Hand an das Schwert gelegt und starrt wild vor sich hin.

Eva faßt ihn besänftigend bei der Hand:
Geliebter, spare den Zorn!
‘s war nur des Nachtwächters Horn.
Unter der Linde birg dich geschwinde;
hier kommt der Wächter vorbei.

Magdalene ruft leise unter der Tür:
Evchen! ‘s ist Zeit:
mach dich frei!

WaltherDu fliehst?

Eva lächelnd:
Muß ich denn nicht?

WaltherEntweichst?

Eva mit zarter Bestimmtheit:
Dem Meistergericht.
Sie verschwindet mit Magdalene im Hause.

Der Nachtwächter ist währenddem in der Gasse erschienen, kommt singend nach vorn, biegt um die Ecke von Pogners Haus und geht nach links ab:
Hört, ihr Leut’, und laßt euch sagen,
die Glock’ hat zehn geschlagen:
bewahrt das Feuer und auch das Licht,
damit niemand kein Schad’ geschicht!
Lobet Gott den Herrn!

Sachs welcher hinter der Ladentür dem Gespräche gelauscht, öffnet jetzt, bei eingezogenem Lampenlicht, ein wenig mehr:
Üble Dinge, die ich da merk’:
eine Entführung gar im Werk!
Aufgepaßt! Das darf nicht sein!

Walther hinter der Linde:
Käm’ sie nicht wieder? o der Pein! –
Eva kommt in Magdalenes Kleidung aus dem Hause; die Gestalt gewahrend.
Doch ja, sie kommt dort! –
Weh mir, nein! Die Alte ist’s! –
Eva erblickt Walther und eilt auf ihn zu.
Doch aber – ja!

EvaDas tör’ge Kind:
da hast du’s! Da!
Sie wirft sich ihm heiter an die Brust.

Walther hingerissen:
O Himmel! Ja, nun wohl ich weiß,
daß ich gewann den Meisterpreis!

EvaDoch nun kein Besinnen! Von hinnen! Von hinnen!
o wären wir schon fort!

WaltherHier durch die Gasse:
dort
finden wir vor dem Tor Knecht und Rosse vor.
Nachtwächterhorn entfernt. Als sich beide wenden, um in die Gasse einzubiegen, läßt Sachs, nachdem er die Lampe hinter eine Glaskugel gestellt, durch die ganz wieder geöffnete Ladentür einen grellen Lichtschein quer über die Straße fallen, so daß Eva und Walther sich plötzlich hell beleuchtet sehen.

Eva Walther hastig zurückziehend:
O weh, der Schuster!
Wenn er uns säh’!
Birg dich! Komm ihm nicht in die Näh’!

WaltherWelch and’rer Weg führt uns hinaus?

EvaDort durch die Straße:
doch der ist kraus,
ich kenn’ ihn nicht gut;
auch stießen wir dort auf den Wächter.

WaltherNun denn:
durch die Gasse!

EvaDer Schuster muß erst vom Fenster fort.

WaltherIch zwing’ ihn, daß er’s verlasse.

EvaZeig dich ihm nicht:
er kennt dich!

WaltherDer Schuster?

Eva‘s ist Sachs!

WaltherHans Sachs? Mein Freund!

EvaGlaub’s nicht! Von dir Übles zu sagen nur wußt’ er.

WaltherWie, Sachs? Auch er? Ich lösch’ ihm das Licht.