Meistersinger 2. Aufzug 6. Szene 1

Sechste Szene
Beckmesser ist, dem Nachtwächter nachschleichend, die Gasse heraufgekommen, hat nach den Fenstern von Pogners Haus gespäht und, an Sachsens Haus gelehnt, stimmt er jetzt seine mitgebrachte Laute.
Eva Walther zurückhaltend:
Tu’s nicht! – Doch horch!

WaltherEiner Laute Klang.
Als Sachs den ersten Ton der Laute vernommen, hat er, von einem plötzlichen Einfall erfaßt, das Licht wieder etwas eingezogen und öffnet leise den unteren Teil des Ladens.

EvaAch, meine Not!

WaltherWie, wird dir bang’?
Der Schuster, sieh, zog ein das Licht. So sei’s gewagt!

EvaWeh! Siehst du denn nicht? Ein and’rer kam und nahm dort Stand.
Sachs hat unvermerkt seinen Werktisch ganz unter die Tür gestellt Jetzt erlauscht er Evas Ausruf

WaltherIch hör’s und seh’s:
ein Musikant. Was will der hier so spät des Nachts?

Eva in Verzweiflung:
‘s ist Beckmesser schon!

SachsAha, ich dacht’s!
Er setzt sich leise zur Arbeit zurecht.

WaltherDer Merker? Er in meiner Gewalt?
Drauf zu! Den Lung’rer mach’ ich kalt!

EvaUm Gott! So hör! Willst den Vater wecken?
Er singt ein Lied, dann zieht er ab.
Laß dort uns im Gebüsch verstecken. –
Was mit den Männern ich Müh’ doch hab!
Sie zieht Walther hinter das Gebüsch auf die Bank unter der Linde. – Beckmesser, eifrig nach. dem Fenster lugend, klimpert voll Ungeduld heftig auf der Laute. Als er sich endlich auch zum Singen rüstet, schlägt Sachs sehr stark mit dem Hammer auf den Leisten, nachdem er soeben das Licht wieder hell auf die Straße hat fallen lassen.

SachsJerum! Jerum! Hallo hallo he!
O ho! Trallalei! Trallalei! O ho!

Beckmesser springt ärgerlich von dem Steinsitz auf und gewahrt Sachs bei der Arbeit:
Was soll das sein?
Verdammtes Schrein!

SachsAls Eva aus dem Paradies
von Gott dem Herrn verstoßen,
gar schuf ihr Schmerz der harte Kies
an ihrem Fuß, dem bloßen.

BeckmesserWas fällt dem groben Schuster ein?

SachsDas jammerte den Herrn,

Walther flüsternd zu Eva:
Was heißt das Lied? Wie nennt er dich?

Sachsihr Füßchen hatt’ er gern,

Eva flüsternd zu Walther:
Ich hört’ es schon:
‘s geht nicht auf mich.

Sachsund seinem Engel rief er zu:

EvaDoch eine Bosheit steckt darin.

Sachs«Da, mach der armen Sünd’rin Schuh’!
Und da der Adam, wie ich seh’,
an Steinen dort sich stößt die Zeh’,
daß recht fortan er wandeln kann,
so miß dem auch Stiefeln an!»

WaltherWelch Zögernis! Die Zeit geht hin!

Beckmesser tritt zu Sachs heran:
Wie, Meister? Auf? Noch so spät zur Nacht?

SachsHerr Stadtschreiber! Was, Ihr wacht?
Die Schuh’ machen Euch große Sorgen?
Ihr seht, ich bin dran:
Ihr habt sie morgen.
Er arbeitet.

Beckmesser zornig:
Hol’ der Teufel die Schuh’! Hier will ich Ruh’!

SachsJerum! Jerum!
Hallo hallo he!
Oho! Trallalei! Trallalei! O he!
O Eva, Eva! Schlimmes Weib,
das hast du am Gewissen,

Walther zu Eva:
Uns oder dem Merker? Wem spielt er den Streich?

Sachsdaß ob der Füß’ am Menschenleib

Eva zu Walther:
Ich fürcht’, uns dreien
gilt er gleich.

Sachsjetzt Engel schustern müssen.

EvaO weh der Pein.
Mir ahnt nichts Gutes!

SachsBlieb’st du im Paradies, da gab es keinen Kies.

WaltherMein süßer Engel, sei guten Mutes!

SachsUm deiner jungen Missetat
hantier’ ich jetzt mit Ahl’ und Draht

EvaMich betrübt das Lied!

WaltherIch hör’ es kaum!
Du bist bei mir,
welch holder Traum!
Er zieht sie zärtlich an sich.

Sachsund ob Herrn Adams übler Schwäch’ versohl’ ich Schuh’ und streiche Pech.
Wär’ ich nicht fein ein Engel rein, Teufel möchte Schuster sein!
Beckmesser drohend auf Sachs zufahrend.
Je –
Er unterbricht sich.

BeckmesserGleich höret auf!
Spielt Ihr mir Streich’?
Bleibt Ihr tags und nachts Euch gleich?

SachsWenn ich hier sing’, was kümmert’s Euch?
Die Schuhe sollen doch fertig werden?

BeckmesserSo schließt Euch ein und schweigt dazu still!

SachsDes Nachts arbeiten macht Beschwerden;
wenn ich da munter bleiben will,
so brauch’ ich Luft und frischen Gesang;
drum hört, wie der dritte Vers gelang!
Er wichst den Draht ersichtlich.

BeckmesserEr macht mich rasend!

Sachs fortarbeitend:
Jerum! Jerum!
Hallo hallo he!

BeckmesserDas grobe Geschrei!

SachsO ho! Trallalei! Trallalei! O he!

BeckmesserAm End’ denkt sie gar, daß ich das sei!
Er hält sich die Ohren zu und geht verzweiflungsvoll, sich mit sich beratend, die Gasse vor dem Fenster auf und ab.

SachsO Eva! Hör mein’ Klageruf,
mein’ Not und schwer Verdrüssen!
Die Kunstwerk’, die ein Schuster schuf,
sie tritt die Welt mit Füßen!
Gäb’ nicht ein Engel Trost,
der gleiches Werk erlost,
und rief’ mich oft ins Paradies,
wie ich da Schuh’ und Stiefel ließ’!
Doch wenn mich der im Himmel hält,
dann liegt zu Füßen mir die Welt,
und bin in Ruh’
Hans Sachs ein Schuh-
macher und Poet dazu.