Meistersinger 3. Aufzug 1. Szene

Dritter Aufzug
Erste Szene
In Sachs’ Werkstatt. Kurzer Raum. Im Hintergrund die halb geöffnete Ladentür, nach der Straße führend. Rechts zur Seite eine Kammertür. Links das nach der Gasse gehende Fenster, mit Blumenstökken davor, zur Seite ein Werktisch. Sachs sitzt auf einem großen Lehnstuhle an diesem Fenster, durch welches die Morgensonne hell auf ihn hereinscheint. – Er hat vor sich auf dem Schoße einen großen Folianten und ist im Lesen vertieft. – David zeigt sich, von der Straße kommend, unter der Ladentür, er lugt herein, und da er Sachs gewahrt, fährt er zurück. Er versichert sich aber, daß Sachs ihn nicht bemerkt, schlüpft herein, stellt seinen mitgebrachten Korb auf den hinteren Werktisch beim Laden und untersucht seinen Inhalt. – Er holt Blumen und Bänder und kramt sie auf dem Tische aus, endlich findet er auf dem Grunde eine Wurst und einen Kuchen und läßt sich sogleich an, diese zu verzehren, als Sachs, der ihn fortwährend nicht beachtet, mit starkem Geräusch eines der großen Blätter des Folianten umwendet.
David fährt zusammen, verbirgt das Essen und wendet sich zurück:
Gleich, Meister! Hier!
Die Schuh’ sind abgegeben
in Herrn Beckmessers Quartier.
Mir war’s, als rieft Ihr mich eben?
Beiseite.
Er tut, als säh’ er mich nicht?
Da ist er bös’, wenn er nicht spricht! –
Er nähert sich sehr demütig langsam Sachs.
Ach, Meister, wollt mir verzeih’n!
Kann ein Lehrbub’ vollkommen sein?
Kenntet Ihr die Lene wie ich,
dann vergäbt Ihr mir sicherlich.
Sie ist so gut, so sanft für mich
und blickt mich oft an so innerlich.
Wenn Ihr mich schlagt, streichelt sie mich
und lächelt dabei holdseliglich.
Muß ich karieren, füttert sie mich
und ist in allem gar liebelich.
Nur gestern, weil der Junker versungen,
hab ich den Korb ihr nicht abgerungen.
Das schmerzte mich; und da ich fand,
daß nachts einer vor dem Fenster stand
und sang zu ihr und schrie wie toll,
da hieb ich ihm den Buckel voll.
Wie käm’ nun da was Großes drauf an?
Auch hat’s uns’rer Liebe gar wohl getan.
Die Lene hat mir eben alles erklärt
und zum Fest Blumen und Bänder beschert.
Er bricht in größere Angst aus.
Ach, Meister, sprecht doch nur ein Wort!
Beiseite.
Hätt’ ich nur die Wurst und den Kuchen erst fort!

Sachs hat unbeirrt immer weitergelesen. Jetzt schlägt er den Folianten zu. Von dem Geräusch erschrickt David so, daß er strauchelt und unwillkürlich vor Sachs auf die Knie fällt. Sachs sieht über das Buch, das er noch auf dem Schoße behält, hinweg, über David, welcher immer auf den Knien furchtsam nach ihm aufblickt, hin und heftet seinen Blick unwillkürlich auf den hinteren Werktisch
Sehr leise:
Blumen und Bänder seh’ ich dort!
Schaut hold und jugendlich aus!
Wie kamen mir die ins Haus?

David verwundert über Sachs’ Freundlichkeit:
Ei, Meister! ‘s ist heut festlicher Tag;
da putzt sich jeder, so schön er mag.

Sachs immer leise, wie für sich:
Wär’ heut Hochzeitsfest?

DavidJa, käm’s erst so weit, daß David die Lene freit!

Sachs immer wie zuvor:
‘s war Polterabend, dünkt mich doch?

David für sich:
Polterabend? – Da krieg’ ich’s wohl noch?
Laut.
Verzeiht das, Meister! Ich bitt’, vergeßt! Wir feiern ja heut’ Johannisfest.

SachsJohannisfest?

David beiseite:
Hört er heut’ schwer?

SachsKannst du dein Sprüchlein? Sag es her!

David ist allmählich zu stehen gekommen:
Mein Sprüchlein? Denk’, ich kann es gut.
Beiseite.
‘s setzt nichts! Der Meister ist wohlgemut! –
Stark und grob.
«Am Jordan Sankt Johannes stand» –

SachsWa – was?

David lächelnd:
Verzeiht, das Gewirr! Mich machte der Polterabend irr.
Er sammelt sich und stellt sich gehörig auf
«Am Jordan Sankt Johannes stand,
all’ Volk der Welt zu taufen;
kam auch ein Weib aus fernem Land,
von Nürnberg gar gelaufen;
sein Söhnlein trug’s zum Uferrand,
empfing da Tauf’ und Namen;
doch als sie dann sich heimgewandt,
nach Nürnberg wieder kamen,
in deutschem Land gar bald sich fand’s,
daß wer am Ufer des Jordans
Johannes war genannt,
an der Pegnitz hieß der Hans.»
Sich besinnend.
Hans? Hans!
Herr! Meister!
Feurig.
‘s ist heut Eu’r Namenstag!
Nein! Wie man so was vergessen mag!
Hier! Hier, die Blumen sind für Euch,
die Bänder – und was nur alles noch gleich?
Ja, hier schaut! Meister, herrlicher Kuchen!
Möchtet Ihr nicht auch die Wurst versuchen?

Sachs immer ruhig, ohne seine Stellung zu verändern:
Schön Dank, mein Jung’, behalt’s für dich!
Doch heut auf die Wiese begleitest du mich.
Mit Blumen und Bändern putz’ dich fein;
sollst mein stattlicher Herold sein.

DavidSollt’ ich nicht lieber Brautführer sein?
Meister, ach Meister! Ihr müßt wieder frein!

SachsHätt’st wohl gern eine Meist’rin im Haus?

DavidIch mein’, es säh’ doch viel stattlicher aus.

SachsWer weiß! Kommt Zeit, kommt Rat.

David‘s ist Zeit!

SachsDann wär’ der Rat wohl auch nicht weit?

DavidGewiß! Gehn schon Reden hin und wieder,
den Beckmesser, denk’ ich, sängt Ihr doch nieder?
Ich mein’, daß der heut’ sich nicht wichtig macht.

SachsWohl möglich! Hab mir’s auch schon bedacht. –
Jetzt geh’ und stör’ mir den Junker nicht!
Komm wieder, wenn du schön gericht’t.

David küßt Sachs gerührt die Hand:
So war er noch nie, wenn sonst auch gut!
Kann mir gar nicht mehr denken, wie der Knieriemen tut!
Er packt alles zusammen und geht in die Kammer ab.

Sachs immer noch den Folianten auf dem Schoße, lehnt sich, mit untergestütztem Arme, sinnend darauf; es scheint, daß ihn das Gespräch mit David gar nicht aus seinem Nachdenken gestört hat:
Wahn! Wahn! Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick’
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut’ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn noch Dank davon:
in Flucht geschlagen, wähnt er zu jagen.
Hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen.
Wer gibt den Namen an?
‘s ist halt der alte Wahn,
ohn’ den nichts mag geschehen,
‘s mag gehen oder stehen!
Steht’s wo im Lauf,
er schläft nur neue Kraft sich an;
gleich wacht er auf,
dann schaut, wer ihn bemeistern kann!
Wie friedsam treuer Sitten
getrost in Tat und Werk,
liegt nicht in Deutschlands Mitten
mein liebes Nürenberg!
Er blickt mit freudiger Begeisterung ruhig vor sich hin.
Doch eines Abends spat,
ein Unglück zu verhüten,
bei jugendheißen Gemüten,
ein Mann weiß sich nicht Rat;
ein Schuster in seinem Laden
zieht an des Wahnes Faden.
Wie bald auf Gassen und Straßen
fängt der da an zu rasen!
Mann, Weib, Gesell und Kind
fällt sich da an wie toll und blind;
und will’s der Wahn gesegnen,
nun muß es Prügel regnen,
mit Hieben, Stoß’ und Dreschen
den Wutesbrand zu löschen.
Gott weiß, wie das geschah? –
Ein Kobold half wohl da!
Ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht;
der hat den Schaden angericht’t.
Der Flieder war’s:
Johannisnacht. –
Nun aber kam Johannistag! –
Jetzt schau’n wir, wie Hans Sachs es macht,
daß er den Wahn fein lenken kann,
ein edler’ Werk zu tun.
Denn läßt er uns nicht ruh’n
selbst hier in Nürenberg,
so sei’s um solche Werk’,
die selten vor gemeinen Dingen
und nie ohn’ ein’gen Wahn gelingen.