Meistersinger 3. Aufzug 3. Szene

Dritte Szene
Beckmesser. Sachs. Man gewahrt Beckmesser, welcher draußen vor dem Laden erscheint, in großer Aufregung hereinlugt und, da er die Werkstatt leer findet, hastig eintritt Er ist reich aufgeputzt, aber in sehr leidendem Zustande. Er blickt sich erst unter der Tür nochmals genau in der Werkstatt um, dann hinkt er vorwärts, zuckt aber zusammen und streicht sich den Rükken. Er macht wieder einige Schritte, knickt aber mit den Knien und streicht nun diese. Er setzt sich auf den Schusterschemel, fährt aber schnell schmerzhaft wieder auf. Er betrachtet sich den Schemel und gerät dabei in immer aufgeregteres Nachsinnen. Er wird von den verdrießlichsten Erinnerungen und Vorstellungen gepeinigt; immer unruhiger beginnt er sich den Schweiß von der Stirne zu wischen. Er hinkt immer lebhafter umher und starrt dabei vor sich hin. Als ob er von allen Seiten verfolgt wäre, taumelt er fliehend hin und her. Wie um nicht umzusinken, hält er sich an dem Werktisch, zu dem er hin geschwankt war, an und starrt vor sich hin. – Matt und verzweiflungsvoll sieht er um sich; sein Blick fällt endlich durch das Fenster auf Pogners Haus; er hinkt mühsam an dasselbe heran, und, nach dem gegenüberliegenden Fenster ausspähend, versucht er, sich in die Brust zu werfen, als ihm sogleich der Ritter Walther einfällt. Ärgerliche Gedanken entstehen dadurch, gegen die er mit schmeichelndem Selbstgefühl anzukämpfen sucht. Die Eifersucht übermannt ihn; er schlägt sich vor den Kopf. Er glaubt die Verhöhnung der Weiber und Buben auf der Gasse zu vernehmen, wendet sich wütend ab und schmeißt das Fenster zu. – Sehr verstört wendet er sich mechanisch wieder dem Werktische zu, indem er vor sich hinbrütend nach einer neuen Weise zu suchen scheint. Sein Blick fällt auf das von Sachs zuvor beschriebene Papier; er nimmt es neugierig auf, überfliegt es mit wachsender Aufregung und bricht endlich wütend aus.
BeckmesserEin Werbelied! Von Sachs! Ist’s wahr?
Ha! Jetzt wird mir alles klar!
Da er die Kammertür gehen hört, fährt er zusammen und steckt das Papier eilig in die Tasche.

Sachs im Festgewande, tritt ein, kommt vor und hält an, als er Beckmesser gewahrt:
Sieh da, Herr Schreiber! Auch am Morgen?
Euch machen die Schuh’ doch nicht mehr Sorgen?

BeckmesserZum Teufel! So dünn war ich noch nie beschuht!
Fühl’ durch die Sohl’ den kleinsten Kies!

SachsMein Merkersprüchlein wirkte dies,
trieb sie mit Merkerzeichen so weich.

BeckmesserSchon gut der Witz! Und genug der Streich’!
Glaubt mir, Freund Sachs, jetzt kenn’ ich Euch!
Der Spaß von dieser Nacht, der wird Euch noch gedacht.
Daß ich Euch nur nicht im Wege sei,
schuft Ihr gar Aufruhr und Meuterei!

Sachs‘s war Polterabend, laßt Euch bedeuten;
Eure Hochzeit spukte unter den Leuten:
je toller es da hergeh’, je besser bekommt’s der Eh’.

Beckmesser wütend:
O Schuster, voll von Ränken
und pöbelhaften Schwänken,
du warst mein Feind von je:
nun hör, ob hell ich seh’!
Die ich mir auserkoren,
die ganz für mich geboren,
zu aller Witwer Schmach,
der Jungfer stellst du nach.
Daß sich Herr Sachs erwerbe
des Goldschmieds reiches Erbe,
im Meisterrat zur Hand
auf Klauseln er bestand,
ein Mägdlein zu betören,
das nur auf ihn sollt’ hören
und, andern abgewandt,
zu ihm allein sich fand.
Darum! Darum!
Wär’ ich so dumm?
Mit Schreien und mit Klopfen
wollt’ er mein Lied zustopfen,
daß nicht dem Kind werd’ kund,
wie auch ein and’rer bestund!
Ja ja! Haha! Hab ich dich da?
Aus seiner Schusterstuben
hetzt’ endlich er den Buben
mit Knüppeln auf mich her,
daß meiner los er wär’!
Au au! Au au! Wohl grün und blau,
zum Spott der allerliebsten Frau,
zerschlagen und zerprügelt,
daß kein Schneider mich aufbügelt!
Gar auf mein Leben war’s angegeben!
Doch kam ich noch so davon,
daß ich die Tat Euch lohn’!
Zieht heut’ nur aus zum Singen,
merkt auf, wie’s mag gelingen;
bin ich gezwackt auch und zerhackt,
Euch bring’ ich doch sicher aus dem Takt!

SachsGut Freund, Ihr seid in argem Wahn!
Glaubt, was Ihr wollt, daß ich getan,
gebt Eure Eifersucht nur hin;
zu werben kommt mir nicht in Sinn.

BeckmesserLug und Trug! Ich kenn’ es besser.

SachsWas fällt Euch nur ein, Meister Beckmesser?
Was ich sonst im Sinn, geht Euch nichts an.
Doch glaubt, ob der Werbung seid Ihr im Wahn.

BeckmesserIhr sängt heut nicht?

SachsNicht zur Wette.

BeckmesserKein Werbelied?

SachsGewißlich, nein!

BeckmesserWenn ich aber drob ein Zeugnis hätte?
Er greift in die Tasche.

Sachs blickt auf den Werktisch:
Das Gedicht? Hier ließ ich’s. Stecktet Ihr’s ein?

Beckmesser das Blatt hervorziehend:
Ist das Eure Hand?

SachsJa – war es das?

BeckmesserGanz frisch noch die Schrift?

SachsUnd die Tinte noch naß!

Beckmesser‘s wär’ wohl gar ein biblisches Lied?

SachsDer fehlte wohl, wer darauf riet.

BeckmesserNun denn?

SachsWie doch?

BeckmesserIhr fragt?

SachsWas noch?

BeckmesserDaß Ihr mit aller Biederkeit
der ärgste aller Spitzbuben seid!

SachsMag sein! Doch hab ich noch nie entwandt,
was ich auf fremden Tischen fand –
und daß man von Euch auch nicht Übles denkt,
behaltet das Blatt, es sei Euch geschenkt.

Beckmesser in freudigem Schreck aufspringend:
Herrgott! ...
Ein Gedicht? ... Ein Gedicht von Sachs!
Doch halt, daß kein neuer Schad’ mir erwachs’!
Ihr habt’s wohl schon recht gut memoriert?

SachsSeid meinethalb doch nur unbeirrt!

BeckmesserIhr laßt mir das Blatt?

SachsDamit Ihr kein Dieb.

BeckmesserUnd mach’ ich Gebrauch?

SachsWie’s Euch belieb’.

BeckmesserDoch sing’ ich das Lied?

SachsWenn’s nicht zu schwer!

BeckmesserUnd wenn ich gefiel’?

SachsDas ... wunderte mich sehr!

Beckmesser ganz zutraulich:
Da seid Ihr nun wieder zu bescheiden:
ein Lied von Sachs,
gleichsam pfeifend
das will was bedeuten!
Und seht nur, wie mir’s ergeht,
wie’s mit mir Ärmsten steht!
Erseh’ ich doch mit Schmerzen,
das Lied, das nachts ich sang –
dank Euren lust’gen Scherzen! –
es machte der Pognerin bang’.
Wie schaff’ ich mir nun zur Stelle
ein neues Lied herzu?
Ich armer, zerschlag’ner Geselle,
wie fänd’ ich heut dazu Ruh’?
Werbung und ehlich Leben,
ob das mir Gott beschied,
muß ich nun grad aufgeben,
hab ich kein neues Lied.
Ein Lied von Euch, des bin ich gewiß,
mit dem besieg’ ich jed’ Hindernis!
Soll ich das heute haben,
vergessen, begraben
sei Zwist, Hader und Streit
und was uns je entzweit.
Er blickt seitwärts in das Blatt: plötzlich runzelt sich seine Stirn.
Und doch! Wenn’s nur eine Falle wär’?
Noch gestern wart Ihr mein Feind:
Wie käm’s, daß nach so großer Beschwer’
Ihr’s freundlich heut’ mit mir meint?

SachsIch macht’ Euch Schuh’ in später Nacht:
hat man je so einen Feind bedacht?

BeckmesserJa ja! Recht gut! Doch eines schwört:
wo und wie Ihr das Lied auch hört,
daß nie Ihr Euch beikommen laßt,
zu sagen, das Lied sei von Euch verfaßt.

SachsDas schwör’ ich und gelob’ es Euch,
nie mich zu rühmen, das Lied sei von mir.

Beckmesser sich vergnügt die Hände reibend:
Was will ich mehr? Ich bin geborgen!
Jetzt braucht sich Beckmesser nicht mehr zu sorgen!

SachsDoch, Freund, ich führ’s Euch zu Gemüte
und rat’ es Euch in aller Güte:
studiert mir recht das Lied!
Sein Vortrag ist nicht leicht:
ob Euch die Weise geriet
und Ihr den Ton erreicht!

BeckmesserFreund Sachs, Ihr seid ein guter Poet;
doch was Ton und Weise betrifft,
gesteht, da tut mir’s keiner vor!
Drum spitzt nur fein das Ohr.
Und:
«Beckmesser, keiner besser!»
darauf macht Euch gefaßt,
wenn Ihr mich ruhig singen laßt.
Doch nun memorieren,
schnell nach Haus;
ohne Zeit zu verlieren
richt’ ich das aus.
Hans Sachs, mein Teurer!
ich hab Euch verkannt;
durch den Abenteurer
war ich verrannt:
sehr zutraulich
So einer fehlte uns bloß!
Den wurden wir Meister doch los!
Doch mein Besinnen
läuft mir von hinnen.
Bin ich verwirrt
und ganz verirrt?
Die Silben, die Reime,
die Worte, die Verse:
ich kleb’ wie am Leime,
und brennt doch die Ferse.
Ade, ich muß fort!
An andrem Ort
dank’ ich Euch inniglich,
weil Ihr so minniglich;
für Euch nun stimme ich,
kauf’ Eure Werke gleich,
mache zum Merker Euch:
doch fein mit Kreide weich,
nicht mit dem Hammerstreich!
Merker! Merker! Merker Hans Sachs!
Daß Nürnberg schusterlich blüh’ und wachs’!
Beckmesser nimmt tanzend von Sachs Abschied, taumelt und poltert der Ladentür zu; plötzlich glaubt er das Gedicht in seiner Tasche vergessen zu haben, läuft wieder vor, sucht ängstlich auf dem Werktische, bis er es in der eigenen Hand gewahr wird; darüber scherzhaft erfreut, umarmt er Sachs nochmals voll feurigen Dankes und stürzt dann, hinkend und strauchelnd, geräuschvoll durch die Ladentür ab.

Sachs sieht Beckmesser gedankenvoll lächelnd nach:
So ganz boshaft doch keinen ich fand;
er hält’s auf die Länge nicht aus:
vergeudet mancher oft viel Verstand,
doch hält er auch damit Haus;
die schwache Stunde kommt für jeden,
da wird er dumm und läßt mit sich reden.
Daß hier Herr Beckmesser ward zum Dieb,
ist mir für meinen Plan sehr lieb.
Eva nähert sich auf der Straße der Ladentür. Sachs wendet sich um und gewahrt Eva.
Sieh, Evchen! Dacht’ ich doch, wo sie blieb’!