Meistersinger 3. Aufzug 4. Szene 1

Vierte Szene
Eva, reich geschmückt, in glänzender weißer Kleidung, etwas leidend und blaß, tritt zum Laden herein und schreitet langsam vor.
SachsGrüß Gott, mein Evchen! Ei, wie herrlich
und stolz du’s heute meinst!
Du machst wohl alt und jung begehrlich,
wenn du so schön erscheinst.

EvaMeister! ‘s ist nicht so gefährlich:
und ist’s dem Schneider geglückt,
wer sieht dann, wo’s mir beschwerlich,
wo still der Schuh mich drückt?

SachsDer böse Schuh! ‘s war deine Laun’,
daß du ihn gestern nicht probiert.

EvaMerk’ wohl, ich hatt’ zu viel Vertrau’n;
im Meister hatt’ ich mich geirrt.

SachsEi, ‘s tut mir leid! Zeig’ her, mein Kind,
daß ich dir helfe gleich geschwind.

EvaSobald ich stehe, will es geh’n;
doch will ich geh’n, zwingt’s mich zu steh’n.

SachsHier auf den Schemel streck den Fuß:
der üblen Not ich wehren muß.
Sie streckt einen Fuß auf dem Schemel am Werktisch aus.
Was ist’s mit dem?

EvaIhr seht, zu weit!

SachsKind, das ist pure Eitelkeit,
der Schuh ist knapp.

EvaDas sagt’ ich ja:
drum drückt er mich an den Zehen da.

SachsHier links?

EvaNein, rechts.

SachsWohl mehr am Spann?

EvaHier, mehr am Hacken.

SachsKommt der auch dran?

EvaAch Meister! Wüßtet Ihr besser als ich,
wo der Schuh mich drückt?

SachsEi, ‘s wundert mich,
daß er zu weit und doch drückt überall?
Walther, in glänzender Rittertracht, tritt unter die Tür der Kammer. Eva stößt einen Schrei aus und bleibt, unverwandt auf Walther blickend, in ihrer Stellung, mit dem Fuße auf dem Schemel. Sachs, der vor ihr niedergebückt steht, bleibt mit dem Rücken der Tür zugekehrt, ohne Walthers Eintritt zu beachten. Walther, durch den Anblick Evas festgebannt, bleibt ebenfalls unbeweglich unter der Tür stehen.
Aha! Hier sitzt’s! Nun begreif’ ich den Fall!
Kind, du hast recht:
‘s stak in der Naht.
Nun warte, dem Übel schaff’ ich Rat.
Bleib nur so steh’n; ich nehm’ dir den Schuh
eine Weil’ auf den Leisten:
dann läßt er dir Ruh’!
Er hat ihr sanft den Schuh vom Fuße gezogen; während sie in ihrer Stellung verbleibt, macht er sich am Werktisch mit dem Schuh zu schaffen und tut, als beachte er nichts anderes.
bei der Arbeit:
Immer schustern, das ist nun mein Los;
des Nachts, des Tags komm’ nicht davon los!
Kind, hör’ zu! Ich hab mir’s überdacht,
was meinem Schustern ein Ende macht:
am besten, ich werbe doch noch um dich;
da gewänn’ ich doch was als Poet für mich!
Du hörst nicht drauf? – So sprich doch jetzt!
Hast mir’s ja selbst in den Kopf gesetzt.
Schon gut! – Ich merk’:
«Mach deinen Schuh!»..
Säng’ mir nur wenigstens einer dazu!
Hörte heut’ gar ein schönes Lied:
wem dazu wohl ein dritter Vers geriet?

Walther den Blick unverwandt auf Eva geheftet:
«Weilten die Sterne im lieblichen Tanz?
So licht und klar im Lockenhaar,
vor allen Frauen hehr zu schauen,
lag ihr mit zartem Glanz ein Sternenkranz. –

Sachs immerfort arbeitend:
Lausch, Kind, das ist ein Meisterlied!

WaltherWunder ob Wunder nun bieten sich dar:
zwiefachen Tag ich grüßen mag;
denn gleich zwei’n Sonnen reinster Wonnen
der hehrsten Augen Paar nahm ich da wahr. –

Sachs beiseite zu Eva:
Derlei hörst du jetzt bei mir singen.

WaltherHuldreichstes Bild,
dem ich zu nahen mich erkühnt:
den Kranz, von zweier Sonnen Strahl
zugleich geblichen und ergrünt,
minnig und mild,
sie flocht ihn um das Haupt dem Gemahl.

Sachs hat den Schuh zurückgebracht und ist jetzt darüber, ihn Eva wieder anzuziehen:
Nun schau, ob dazu mein Schuh geriet?

WaltherDort Huld-geboren, nun Ruhm-erkoren,

SachsMein’ endlich doch,
es tät’ mir gelingen?

Walthergießt paradiesische Lust sie in des Dichters Brust

SachsVersuch’s! Tritt auf! – Sag, drückt er dich noch?

Waltherim Liebestraum.»
Eva, die wie bezaubert regungslos gestanden, gesehen und gehört hat, bricht jetzt in heftiges Weinen aus, sinkt Sachs an die Brust und drückt ihn schluchzend an sich. Walther ist zu ihnen getreten; er drückt begeistert Sachs die Hand. Sachs tut sich endlich Gewalt an, reißt sich wie unmutig los und läßt dadurch Eva unwillkürlich an Walthers Schulter sich anlehnen.

SachsHat man mit dem Schuhwerk nicht seine Not!
Wär’ ich nicht noch Poet dazu,
ich machte länger keine Schuh’!
Das ist eine Müh’, ein Aufgebot!
Zu weit dem einen, dem andern zu eng;
von allen Seiten Lauf und Gedräng’:
da klappt’s, da schlappt’s,
hier drückt’s, da zwickt’s!
Der Schuster soll auch alles wissen,
flicken, was nur immer zerrissen
und ist er [nun] gar Poet dazu,
da läßt man am End’ ihm auch da keine Ruh’;
und ist er erst noch Witwer gar,
zum Narren hält man ihn fürwahr.
Die jüngsten Mädchen, ist Not am Mann,
begehren. er hielte um sie an.
Versteht er sie, versteht er sie nicht,
all eins, ob ja, ob nein er spricht:
am End’ riecht er doch nach Pech
und gilt für dumm, tückisch und frech!
Ei, ‘s ist mir nur um den Lehrbuben leid;
der verliert mir allen Respekt;
die Lene macht’ ihn schon nicht recht gescheit,
daß aus Töpf’ und Tellern er leckt!
Wo Teufel er jetzt nur wieder steckt?
Er stellt sich, als wolle er nach David sehen.

Eva indem sie Sachs zurückhält und von neuem an sich zieht:
O Sachs, mein Freund! Du teurer Mann!
Wie ich dir Edlem lohnen kann?
Was ohne deine Liebe, was wär’ ich ohne dich,
ob je auch Kind ich bliebe,
erwecktest du mich nicht?
Durch dich gewann ich,
was man preist,
durch dich ersann ich,
was ein Geist!
Durch dich erwacht’,
durch dich nur dacht’
ich edel, frei und kühn,
du ließest mich erblüh’n!
Ja, lieber Meister, schilt mich nur!
Ich war doch auf der rechten Spur:
denn, hatte ich die Wahl,
nur dich erwählt’ ich mir:
du warest mein Gemahl.
Den Preis reicht’ ich nur dir! –
Doch nun hat’s mich gewählt
zu nie gekannter Qual:
und werd’ ich heut’ vermählt,
so war’s ohn’ alle Wahl!
Das war ein Müssen, war ein Zwang!
Euch selbst, mein Meister, wurde bang’.

SachsMein Kind, von Tristan und Isolde
kenn’ ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte
nichts von Herrn Markes Glück.
‘s war Zeit, daß ich den Rechten fand,
wär’ sonst am End’ doch hineingerannt. –
Aha! Da streicht die Lene schon ums Haus:
Nur herein! – He, David! Kommst nicht heraus?