Meistersinger 3. Aufzug 4. Szene 2

Magdalene, in festlichem Staate, tritt durch die Ladentür herein; David ebenfalls im Festkleid, mit Blumen und Bändern sehr reich und zierlich aufgeputzt, kommt zugleich aus der Kammer.
SachsDie Zeugen sind da, Gevatter zur Hand;
jetzt schnell zur Taufe, nehmt euren Stand.
Alle blicken ihn verwundert an.
Ein Kind ward hier geboren;
jetzt sei ihm ein Nam’ erkoren!
So ist’s nach Meisterweis’ und Art,
wenn eine Meister-Weise geschaffen ward:
daß die einen guten Namen trag’,
dran jeder sie erkennen mag.
Vernehmt, respektable Gesellschaft,
was euch hier zur Stell’ schafft!
Eine Meisterweise ist gelungen,
von Junker Walther gedichtet und gesungen;
der jungen Weise lebender Vater
lud mich und die Pognerin zu Gevatter.
Weil wir die Weise wohl vernommen,
sind wir zur Taufe hierher gekommen.
Auch daß wir zur Handlung Zeugen haben,
ruf’ ich Jungfer Lene und meinen Knaben.
Doch da’s zum Zeugen kein Lehrbube tut
und heut’ auch den Spruch er gesungen gut,
so mach’ ich den Burschen gleich zum Gesell;
knie nieder, David, und nimm diese Schell’!
David ist niedergekniet: Sachs gibt ihm eine starke Ohrfeige.
Steh’ auf, Gesell’, und denk’ an den Streich;
du merkst dir dabei die Taufe zugleich! –
Fehlt sonst noch was, uns keiner schilt:
wer weiß, ob’s nicht gar einer Nottaufe gilt.
Daß die Weise Kraft behalte zum Leben,
will ich nur gleich den Namen ihr geben:
«Die selige Morgentraumdeut-Weise»
sei sie genannt zu des Meisters Preise.
Nun wachse sie groß, ohn’ Schad’ und Bruch.
Die jüngste Gevatterin spricht den Spruch.
Er tritt aus der Mitte des Halbkreises, der von den übrigen um ihn gebildet war, auf die Seite, so daß nun Eva in die Mitte zu stehen kommt.

EvaSelig, wie die Sonne
meines Glückes lacht,
Morgen voller Wonne
selig mir erwacht!
Traum der höchsten Hulden,
himmlisch’ Morgenglüh’n!
Deutung euch zu schulden,
selig süß Bemüh’n!

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Einer Weise mild und hehr
sollt’ es hold gelingen,
meines Herzens süß Beschwer’
deutend zu bezwingen.

SachsVor dem Kinde lieblich hold
möcht’ ich gern wohl singen;
doch des Herzens süß’ Beschwer
galt es zu bezwingen.

WaltherDeine Liebe ließ mir es gelingen,
meines Herzens süß’ Beschwer’ deutend zu bezwingen.

MagdaleneWach’ oder träum’ ich schon so früh?
Das zu erklären macht mir Müh’:

EvaOb es nur ein Morgentraum?

WaltherOb es noch der Morgentraum?

Sachs‘s war ein schöner Morgen-Traum:

EvaSelig deut’ ich mir es kaum.
Doch die Weise, was sie leise
mir/dir vertraut

Waltherim stillen Raum,
Beide:
hell und laut,
in der Meister vollem Kreis
werbe sie um den höchsten Preis!

Evadeute sie auf den höchsten Preis!

Sachsdran zu deuten wag’ ich kaum.
Diese Weise, was sie leise
mir anvertraut’ im stillen Raum,
sagt mir laut:
auch der Jugend ew’ges Reis
grünt nur durch des Dichters Preis.

Magdalene‘s ist wohl nur ein Morgentraum?
Was ich seh’, begreif’ ich kaum!

DavidWard zur Stelle gleich Geselle?
Lene Braut?
Im Kirchenraum wir gar getraut?
‘s geht der Kopf mir wie im Kreis,
daß Meister gar bald ich heiß’!

MagdaleneEr zur Stelle gleich Geselle?
Ich die Braut?
Im Kirchenraum wir gar getraut?
Ja, wahrhaftig! ‘s geht:
wer weiß,
daß ich die Meist’rin bald heiß’!

Sachs zu den übrigen sich wendend:
Jetzt all’ am Fleck!
Zu Eva.
Den Vater grüß’!
Auf nach der Wies’, schnell auf die Füß’!
Eva und Magdalene gehen.
Zu Walther.
Nun, Junker, kommt! Habt frohen Mut! –
David, Gesell! Schließ’ den Laden gut!
Als Sachs und Walther ebenfalls auf die Straße gehen und David über das Schließen der Ladentür sich hermacht, wird ein Vorhang von beiden Seiten zusammengezogen, so daß im Proszenium er die Szene gänzlich verschließt.