Meistersinger 3. Aufzug 5. Szene 2

Beckmesser der sich endlich mit Mühe auf dem Rasenhügel festgestellt hat, macht eine erste Verbeugung gegen die Meister, eine zweite gegen das Volk, dann gegen Eva, auf welche er, da sie sich abwendet, nochmals verlegen hinblinzelt,’ große Beklommenheit erfaßt ihn; er sucht sich durch das Vorspiel auf der Laute zu ermutigen.:
«Morgen ich leuchte in rosigem Schein,
von Blut und Duft geht schnell die Luft; –
wohl bald gewonnen wie zerronnen –
im Garten lud ich ein – garstig und fein.»
Er versucht, besser auf den Füßen zu stehen. Die Meistersinger leise unter sich.

FoltzMein! Was ist das?

KothnerIst er von Sinnen?

MoserWas ist das?

VogelgesangIst er von Sinnen?

FoltzHöchst merkwürd’ger Fall! Was kommt ihm bei?
Die übrigen Meister:
Woher mocht’ er solche Gedanken gewinnen?

Das Volk leise unter sich:
Sonderbar! Hört ihr’s? Wen lud er ein?
Verstand man recht? Wie kann das sein?

Schwarz allein:
Verstand man recht?

Beckmesser zieht das Blatt verstohlen hervor und lugt eifrig hinein; dann steckt er es ängstlich wieder ein:
Wohn’ ich erträglich im selbigen Raum,
hol’ Gold und Frucht – Bleisaft und Wucht.
Er lugt in das Blatt.
Mich holt am Pranger – der Verlanger –
auf luft’ger Steige kaum – häng’ ich am Baum.»
Er wackelt wieder sehr; sucht im Blatt zu lesen, vermag es nicht,’ ihm schwindelt, Angstschweiß bricht aus.

Das VolkSchöner Werber! Der find’t wohl seinen Lohn:
bald hängt er am Galgen; man sieht ihn schon.

Kothner zu Nachtigall:
Was soll das heißen?

ZornWas soll das heißen?

VogelgesangIst er nur toll?

FoltzWie? Ist er nur toll?

ZornSein Lied ist ganz von Unsinn voll!

OrtelAlles von Unsinn voll!

Beckmesser rafft sich verzweiflungsvoll und ingrimmig auf:
«Heimlich mir graut,
weil hier es munter will hergeh’n:
an meiner Leiter stand ein Weib,
sie schämt’ und wollt’ mich nicht beseh’n.
Bleich wie ein Kraut
umfasset mir Hanf meinen Leib; –
mit Augen zwinkend – der Hund blies winkend –
was ich vor langem verzehrt –
wie Frucht, so Holz und Pferd –
vom Leberbaum.»
Alles bricht in ein dröhnendes Gelächter aus.
verläßt wütend den Hügel und stürzt auf Sachs zu:
Verdammter Schuster, das dank’ ich dir!
Das Lied, es ist gar nicht von mir.
Von Sachs, der hier so hoch verehrt,
von Eurem Sachs ward mir’s beschert!
Mich hat der Schändliche bedrängt,
sein schlechtes Lied mir aufgehängt.
Er stürzt wütend fort und verliert sich unter dem Volke.

Das VolkMein! Was soll das sein? Jetzt wird’s immer bunter!
Von Sachs das Lied? Das nähm’ uns doch wunder!

KothnerErklärt doch, Sachs!

NachtigallWelch ein Skandal!

VogelgesangVon Euch das Lied?

OrtelWelch eig’ner Fall!

Sachs hat ruhig das Blatt, welches ihm Beckmesser hingeworfen, aufgenommen:
Das Lied fürwahr ist nicht von mir.
Herr Beckmesser irrt wie dort so hier!
Wie er dazu kam, mag selbst er sagen;
doch möcht’ ich nie mich zu rühmen wagen,
ein Lied, so schön wie dies erdacht,
sei von mir, Hans Sachs, gemacht.

VogelgesangWie? Schön? Dieser Unsinnswust!

NachtigallDas Lied wär’ schön? Dieser Unsinnswust!

Das VolkHört, Sachs macht Spaß! Er sagt es nur zur Lust.

SachsIch sag’ Euch Herrn, das Lied ist schön:
nur ist’s auf den ersten Blick zu ersehn,
daß Freund Beckmesser es entstellt.
Doch schwör’ ich, daß es Euch gefällt,
wenn richtig Wort’ und Weise
hier einer säng’ im Kreise.
Und wer dies verstünd’, zugleich bewies’,
daß er des Liedes Dichter
und gar mit Rechte Meister hieß’,
fänd’ er gerechte Richter.
Ich bin verklagt und muß besteh’n:
drum laßt mich meinen Zeugen auserseh’n!
Ist jemand hier, der Recht mir weiß,
der tret’ als Zeug’ in diesen Kreis!
Walther tritt aus dem Volke hervor und begrüßt Sachs, sodann Meister und Volk mit ritterlicher Freundlichkeit. Es entsteht sogleich eine angenehme Bewegung. Alles weilt einen Augenblick schweigend in seiner Betrachtung.
So zeuget, das Lied sei nicht von mir,
und zeuget auch, daß, was ich hier
vom Lied hab’ gesagt, zuviel nicht sei gewagt.

OrtelWie fein ist Sachs!

VogelgesangEi Sachs, Ihr seid gar fein!
Doch mag es heut’ geschehen sein!

NachtigallWie fein! Doch mag es heut’ geschehen sein!

SachsDer Regel Güte daraus man erwägt,
daß sie auch mal ‘ne Ausnahm’ verträgt.

Das VolkEin guter Zeuge, stolz und kühn!
Mich dünkt, dem kann wohl was Gut’s erblühn.

SachsMeister und Volk sind gewillt
zu vernehmen, was mein Zeuge gilt.
Herr Walther von Stolzing, singt das Lied!
Ihr Meister lest, ob’s ihm geriet.
Er übergibt Kothner das Blatt zum Nachlesen.

Lehrbuben in Aufstellung:
Alles gespannt! ‘s gibt kein Gesumm.
Da rufen wir auch nicht Silentium!

Walther beschreitet festen Schrittes den kleinen Blumenhügel:
«Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,
von Blüt’ und Duft geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen, nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein –
Kothner läßt das Blatt, in welchem er mit den anderen Meistern eifrig nachzulesen begonnen, vor Ergriffenheit unwillkürlich fallen; er und die übrigen hören nur noch teilnahmsvoll zu. Wie entrückt.
dort unter einem Wunderbaum,
von Früchten reich behangen,
zu schaun in sel’gem Liebestraum,
was höchstem Lustverlangen
Erfüllung kühn verhieß –
das schönste Weib, Eva im Paradies.»

Das Volk leise flüsternd:
Das ist was andres! Wer hätt’s gedacht?
Was doch recht Wort und Vortrag macht!

Die Meister ohne Foltz und Schwarz, leise flüsternd:
Jawohl! Ich merk’! ‘s ist ein ander Ding,

SachsZeuge am Ort, fahret fort!

Walther«Abendlich dämmernd umschloß mich die Nacht;
auf steilem Pfad war ich genaht
zu einer Quelle reiner Welle,
die lockend mir gelacht:
dort unter einem Lorbeerbaum,
von Sternen hell durchschienen,
ich schaut’ im wachen Dichtertraum
von heilig holden Mienen,
mich netzend mit dem edlen Naß,
das hehrste Weib,
die Muse des Parnaß.»

Das Volk immer leiser, für sich:
Wie so hold und traut, wie fern es schwebt,
doch ist es grad’, als ob man selber alles miterlebt!

Vogelgesang‘s ist kühn und seltsam, das ist wahr;
doch wohlgereimt und singebar.

KothnerKühn ist’s und seltsam.
Doch wohlgereimt und singebar.

OrtelSehr seltsam!

Foltz‘s ist kühn und seltsam, das ist wohl wahr.

SchwarzSehr kühn!

SachsZeuge wohl erkiest, fahret fort und schließt!


Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
Walther sehr feurig:
«Huldreichster Tag,
dem ich aus Dichters Traum erwacht!
Das ich erträumt, das Paradies,
in himmlisch neu verklärter Pracht
hell vor mir lag,
dahin lachend nun der Quell den Pfad mir wies:
die dort geboren, mein Herz erkoren,
der Erde lieblichstes Bild,
als Muse mir geweiht,
so heilig ernst als mild,
ward kühn von mir gefreit,
am lichten Tag der Sonnen
durch Sanges Sieg gewonnen
Parnaß und Paradies!»

Das VolkGewiegt wie in den schönsten Traum,
hör’ ich es wohl, doch faß es kaum.
Zu Eva.
Reich ihm das Reis! Sein sei der Preis!
Keiner wie er zu werben weiß!

Die Meister sich erhebend:
Ja, holder Sänger!
Nimm das Reis!
Dein Sang erwarb dir Meisterpreis!
Keiner so wie nur er zu werben weiß!

Pogner mit großer Ergriffenheit zu Sachs sich wendend:
O Sachs! Dir dank’ ich Glück und Ehr’!
Vorüber nun all Herzbeschwer!
Walther ist auf die Stufen der Singerbühne geleitet worden und läßt sich vor Eva auf ein Knie nieder.

Eva zu Walther, indem sie ihn mit einem Kranz aus Lorbeer und Myrten bekränzt, sich hinabneigend:
Keiner wie du so hold zu werben weiß!

Sachs zum Volk gewandt, auf Walther und Eva deutend:
Den Zeugen, denk es, wählt’ ich gut:
tragt Ihr Hans Sachs drum üblen Mut?

Das Volk bricht schnell und heftig in jubelnde Bewegung aus:
Hans Sachs! Nein! Das war schön erdacht!
Das habt Ihr einmal wieder gut gemacht!

Die Meister sich feierlich zu Pogner wendend:
Auf, Meister Pogner! Euch zum Ruhm
meldet dem Junker sein Meistertum.

Pogner mit einer goldnen Kette, daran drei große Denkmünzen, zu Walther:
Geschmückt mit König Davids Bild,
nehm’ ich Euch auf in der Meister Gild’.

Walther mit schmerzlicher Heftigkeit abweisend:
Nicht Meister! Nein!
Er blickt zärtlich auf Eva.
Will ohne Meister selig sein!
Alles blickt in großer Betroffenheit auf Sachs.