Parsifal 1. Aufzug 3

Dritter KnappeHe! Du da! –
Was liegst du dort wie ein wildes Tier?

KundrySind die Tiere hier nicht heilig?

Dritter KnappeJa; doch ob heilig du,
das wissen wir grad’ noch nicht.
Mit ihrem Zaubersaft, wähn’ ich,
wird sie den Meister
vollends verderben.

GurnemanzHm! – Schuf sie euch Schaden je?
Wann Alles ratlos steht,
wie kämpfenden Brüdern in fernste Länder
Kunde sei zu entsenden,
und kaum ihr nur wißt, wohin? –
Wer, ehe ihr euch nur besinnt,
stürmt und fliegt da hin und zurück,
der Botschaft pflegend
mit Treu’ und Glück?
Ihr nährt sie nicht, sie naht euch nie,
nichts hat sie mit euch gemein;
doch wann’s in Gefahr der Hilfe gilt,
der Eifer führt sie schier durch die Luft
die nie euch dann zum Danke ruft.
Ich wähne, ist dies Schaden,
so tät’ er euch gut geraten?

Dritter KnappeDoch haßt sie uns. –
Sieh’ nur, wie hämisch dort
nach uns sie blickt!
Eine Heidin ist’s, ein Zauberweib.

GurnemanzJa, eine Verwünschte mag sie sein.
Hier lebt sie heut’ – vielleicht erneut,
zu büßen Schuld aus früh’rem Leben,
die dorten ihr noch nicht vergeben.
Übt sie nun Buß’ in solchen Taten,
die uns Ritterschaft zum Heil geraten,
gut tut sie dann und recht sicherlich,
dienet uns – und hilft auch sich.

Dritter KnappeSo ist’s wohl auch jen’ ihre Schuld,
die uns so manche Not gebracht?

Gurnemanz sich besinnend
Ja, wann oft lange sie uns ferne blieb,
dann brach ein Unglück wohl herein.
Und lang’ schon kenn’ ich sie:
doch Titurel kennt sie noch länger:
Der fand, als er die Burg dort baute,
sie schlafend hier im Waldgestrüpp,
erstarrt, leblos, wie tot.
So fand ich selbst sie letztlich wieder,
als uns das Unheil kaum gescheh’n,
das jener Böse über den Bergen
so schmählich über uns gebracht. –
zu Kundry
He! Du! – Hör’ mich und sag’:
wo schweiftest damals du umher,
als unser Herr den Speer verlor?
Kundry schweigt düster.
Warum halfst du uns damals nicht?

KundryIch – helfe nie.

Dritter KnappeSie sagt’s da selbst.
Ist sie so treu, so kühn in Wehr,
so sende sie
nach dem verlor’nen Speer!

Gurnemanz düster
Das ist ein And’res:
jedem ist’s verwehrt. –
mit großer Ergriffenheit
O, wunden-wundervoller
heiliger Speer!
Ich sah dich schwingen
von unheiligster Hand! –
in Erinnerung sich verlierend
Mit ihm bewehrt, Amfortas, allzukühner,
wer mochte dir es wehren
den Zaub’rer zu beheeren? –
Schon nah’ dem Schloß
wird uns der Held entrückt:
ein furchtbar schönes Weib
hat ihn entzückt:
In seinen Armen liegt er trunken,
der Speer ist ihm entsunken. –
Ein Todesschrei! –
Ich stürm herbei: –
von dannen Klingsor lachend schwand,
den heil’gen Speer hat er entwandt.
Des Königs Flucht
gab kämpfend ich Geleite;
doch eine Wunde
brannt’ ihm in der Seite:
die Wunde ist’s,
die nie sich schließen will.
Der erste und zweite Knappe kommen – vom See her – zurück.

Dritter Knappe zu Gurnemanz
So kanntest du Klingsor?

Gurnemanz zu den zurückkommenden beiden Knappen
Wie geht’s dem König?

Erster KnappeIhn frischt das Bad.

Zweiter KnappeDem Balsam wich das Weh.

Gurnemanz für sich
Die Wunde ist’s,
die nie sich schließen will! –

Dritter KnappeDoch, Väterchen, sag’ und lehr’ uns fein:
du kanntest Klingsor – wie mag das sein?
Der dritte und der vierte Knappe hatten sich zuletzt schon zu Gurnemanz’ Füßen niedergesetzt; die beiden anderen gesellen sich jetzt in gleicher Weise zu ihnen unter dem großen Baum.

GurnemanzTiturel, der fromme Held,
der kannt’ ihn wohl.
Denn ihm,
da wilder Feinde List und Macht
des reinen Glaubens Reich bedrohten,
ihm neigten sich in heilig ernster Nacht
dereinst des Heilands selige Boten:
daraus der trank
beim letzten Liebesmahle,
das Weihgefäß,
die heilig edle Schale,
darein am Kreuz
sein göttlich Blut auch floß,
dazu den Lanzenspeer,
der dies vergoß –
der Zeugengüter höchstes Wundergut, –
das gaben sie in unsres Königs Hut.
Dem Heiltum baute er das Heiligtum.
Die seinem Dienst ihr zugesindet
auf Pfaden, die kein Sünder findet,
ihr wißt, daß nur dem Reinen
vergönnt ist, sich zu einen
den Brüdern, die zu höchsten Rettungswerken
des Grales Wunderkräfte stärken.
Drum blieb es dem,
nach dem ihr fragt, verwehrt,
Klingsor’n, wie hart ihn Müh’
auch drob beschwert
Jenseits im Tale war er eingesiedelt;
darüber hin liegt üpp’ges Heidenland:
unkund blieb mir,
was dorten er gesündigt;
doch wollt’ er büßen nun,
ja heilig werden.
Ohnmächtig, in sich selbst
die Sünde zu ertöten,
an sich legt’ er die Frevlerhand,
die nun, dem Grale zugewandt,
verachtungsvoll des’ Hüter von sich stieß;
darob die Wut nun Klingsorn unterwies,
wie seines schmähl’chen Opfers Tat
ihm gäbe zu bösem Zauber Rat;
den fand er nun: –
Die Wüste schuf er sich zum Wonnegarten,
drin wachsen teuflisch holde Frauen;
dort will des Grales Ritter er erwarten
zu böser Lust und Höllengrauen:
wen er verlockt, hat er erworben;
schon viele hat er uns verdorben. –
Da Titurel, in hohen Alters Mühen,
dem Sohn die Herrschaft hier verliehen:
Amfortas ließ es da nicht ruh’n,
der Zauberplag’ Einhalt zu tun;
das wißt ihr, wie es da sich fand:
der Speer ist nun in Klingsors Hand;
kann er selbst Heilige
mit dem verwunden,
den Gral auch wähnt er
fest schon uns entwunden.

Dritter KnappeVor allem nun:
der Speer kehr’ uns zurück!
Ha, wer ihn brächt’,
ihm wär’s zu Ruhm und Glück!

GurnemanzVor dem verwaisten Heiligtum
in brünst’gem Beten lag Amfortas,
ein Rettungszeichen bang erflehend:
ein sel’ger Schimmer da
entfloß dem Grale,
ein heilig’ Traumgesicht
nun deutlich zu ihm spricht
durch hell erschauter
Wortezeichen Mahle: –
«durch Mitleid wissend
der reine Tor,
harre sein’,
den ich erkor.»

Die Knappen«durch Mitleid wissend
der reine Tor-»