Parsifal 1. Aufzug 4

Vom See her vernimmt man plötzlich Geschrei und das Rufen der Ritter und Knappen. Gurnemanz und die vier Knappen fahren auf und wenden sich erschrocken um.
Die RitterWeh! – Weh! – Hoho!
Auf! – Wer ist der Frevler?
Ein wilder Schwan flattert matten FIuges vom See daher: die Knappen und Ritter folgen ihm nach auf die Szene.

GurnemanzWas gibt’s?

Dritter KnappeDort!
Hier!

Zweiter KnappeEin Schwan!

Dritter KnappeEin wilder Schwan!
Er ist verwundet.

Die KnappenHa! Wehe! Wehe!

GurnemanzWer schoß den Schwan?
Der Schwan sinkt, nach mühsamem Fluge, matt zu Boden; der zweite Ritter zieht ihm den Pfeil aus der Brust.

Erster RitterDer König grüßte ihn als gutes Zeichen,
als überm See kreiste der Schwan:
da flog ein Pfeil –

Die Ritter Parsifal hereinführend – auf Parsifals Bogen weisend
Der war’s! Der schoß!
Dies der Bogen!

Zweiter Ritter den Pfeil aufweisend
Hier den Pfeil, den seinen gleich –

GurnemanzBist du’s, der diesen Schwan erlegte?

ParsifalGewiß! Im Fluge treff ich, was fliegt.

GurnemanzDu tatest das?
Und bangt’ es dich nicht vor der Tat?

Die RitterStrafe den Frevler!

GurnemanzUnerhörtes Werk!
Du konntest morden,
hier im heil’gen Walde,
des’ stiller Frieden dich umfing?
Des Haines Tiere
nahten dir nicht zahm,
grüßten dich freundlich und fromm?
Aus den Zweigen, was sangen
die Vöglein dir?
Was tat dir der treue Schwan?
Sein Weibchen zu suchen
flog der auf,
mit ihm zu kreisen über dem See,
den so er herrlich weihte zum Bad.
Dem stauntest du nicht?
Dich lockt’ es nur
zu wild kindischem Bogengeschoß? –
Er war uns hold: was ist er nun dir?
Hier – schau’ her! – hier trafst du ihn:
da starrt noch das Blut,
matt hängen die Flügel;
das Schneegefieder dunkel befleckt, –
gebrochen das Aug’,
siehst du den Blick?
Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört; jetzt zerbricht er seinen Bogen und schleudert die Pfeile von sich.
Wirst deiner Sündentat du inne? –
Parsifal führt die Hand über die Augen.
Sag’, Knab’!
Erkennst du deine große Schuld?
Wie konntest du sie begeh’n?

ParsifalIch wußte sie nicht

GurnemanzWo bist du her?

ParsifalDas weiß ich nicht.

GurnemanzWer ist dein Vater?

ParsifalDas weiß ich nicht.

GurnemanzWer sandte dich dieses Weges?

ParsifalDas weiß ich nicht.

GurnemanzDein Name denn?

ParsifalIch hatte viele,
doch weiß ich ihrer keinen mehr.

GurnemanzDas weißt du alles nicht?
für sich
So dumm wie den
erfand bisher ich Kundry nur. –
Zu den Knappen, deren sich immer mehr versammelt haben.
Jetzt geht!
Versäumt den König im Bade nicht! –
Helft!
Die Knappen heben den toten Schwan ehrerbietig auf eine Bahre von frischen Zweigen und entfernen sich mit ihm dann nach dem See zu. Schließlich bleiben Gurnemanz, Parsifal und – abseits – Kundry allein zurück.
Nun sag’! Nichts weißt du,
was ich dich frage:
jetzt meld’, was du weißt;
denn etwas mußt du doch wissen.

ParsifalIch hab’ eine Mutter;
Herzeleide sie heißt:
im Wald und auf wilder Aue
waren wir heim.

GurnemanzWer gab dir den Bogen?

ParsifalDen schuf ich mir selbst, vom Forst
die wilden Adler wegzuscheuchen.

GurnemanzDoch adelig scheinst du selbst
und hochgeboren:
warum nicht ließ deine Mutter
bessere Waffen dich lehren?

Kundry welche während der Erzählung des Gurnemanz von Amfortas’ Schicksal oft in wütender Unruhe heftig sich umgewendet hatte, nun aber, immer in der Waldecke gelagert, den Blick scharf auf Parsifal gerichtet hat, ruft jetzt, da Parsifal schweigt, mit rauher Stimme daher
Den Vaterlosen gebar die Mutter,
als im Kampf erschlagen Gamuret;
vor gleichem frühen Heldentod
den Sohn zu wahren, waffenfremd
in Öden erzog sie ihn zum Toren –
die Törin!
Sie lacht.
der mit jäher Aufmerksamkeit zugehört, lebhaft

ParsifalJa! Und einst am Waldessaume vorbei,
auf schönen Tieren sitzend,
kamen glänzende Männer:
ihnen wollt’ ich gleichen:
sie lachten und jagten davon.
Nun lief ich nach,
doch konnt’ ich sie nicht erreichen.
Durch Wildnisse kam ich, bergauf, talab;
oft ward es Nacht, dann wieder Tag:
mein Bogen mußte mir frommen
gegen Wild und große Männer ...

Kundry hat sich erhoben und ist zu den Männern getreten; eifrig
Ja, Schächer und Riesen traf seine Kraft:
den freislichen Knaben lernten sie fürchten.

Parsifal verwundert
Wer fürchtet mich? Sag’!

KundryDie Bösen.

ParsifalDie mich bedrohten, waren sie bös’?
Gurnemanz lacht.
Wer ist gut?

Gurnemanz wieder ernst
Deine Mutter, der du entlaufen
und die um dich sich nun härmt
und grämt.

KundryZu End’ ihr Gram:
seine Mutter ist tot.

ParsifalTot? – Meine Mutter? –
Wer sagt’s?

KundryIch ritt vorbei und sah sie sterben:
dich Toren hieß sie mich grüßen.
Parsifal springt wütend auf Kundry zu und faßt sie bei der Kehle.

Gurnemanz hält ihn zurück
Verrückter Knabe! Wieder Gewalt?
Nachdem Gurnemanz Kundry befreit, steht Parsifal lange wie erstarrt.
Was tat dir das Weib? Es sagte wahr,
denn nie lügt Kundry, doch sah sie viel.

Parsifal gerät in heftiges Zittern
Ich verschmachte! –
Kundry ist sogleich, als sie Parsifals Zustand gewahrte, nach einem Waldquell geeilt, bringt jetzt Wasser in einem Horne, besprengt damit zunächst Parsifal und reicht ihm dann zu trinken.

GurnemanzSo recht! So nah des Grales Gnade:
das Böse bannt, wer’s mit Gutem vergilt.

Kundry düster
Nie tu ich Gutes,
Sie wendet sich traurig ab.
- nur Ruhe will ich.
Während Gurnemanz sich väterlich um Parsifal bemüht, schleppt Kundry sich, von beiden unbemerkt, einem Waldgebüsche zu.
Nur Ruhe! Ach, der Müden! –
Schlafen! – Oh, daß mich keiner wecke!
scheu auffahrend
Nein! Nicht schlafen! –
Grausen faßt mich!
Sie verfällt in heftiges Zittern; dann läßt sie die Arme matt sinken.
Machtlose Wehr! Die Zeit ist da.
Schlafen – schlafen –: ich muß.
Sie sinkt hinter dem Gebüsch zusammen und bleibt von jetzt an unbemerkt. – Vom See her gewahrt man Bewegung, und endlich den im Hintergrunde sich heim wendenden Zug der Ritter und Knappen mit der Sänfte.

GurnemanzVom Bade kehrt der König heim;
hoch steht die Sonne:
nun laß zum frommen Mahle
mich dich geleiten;
denn, – bist du rein,
wird nun der Gral
dich tränken und speisen.
Hier hat die unmerkliche Verwandlung der Bühne bereits begonnen. – Er hat Parsifals Arm sich sanft um den Nacken gelegt und dessen Leib mit seinem eigenen Arme umschlungen; so geleitet er ihn bei sehr allmählichem Schreiten.

ParsifalWer ist der Gral?

GurnemanzDas sagt sich nicht;
doch bist du selbst zu ihm erkoren,
bleibt dir die Kunde unverloren. –
Und sieh! – Mich dünkt,
daß ich dich recht erkannt:
kein Weg führt zu ihm
durch das Land,
und niemand könnte ihn beschreiten,
den er nicht selber möcht’ geleiten.

ParsifalIch schreite kaum, –
doch wähn’ ich mich schon weit.

GurnemanzDu siehst, mein Sohn,
zum Raum wird hier die Zeit.
Allmählich, während Gurnemanz und Parsifal zu schreiten scheinen, hat sich die Szene bereits immer merklicher verwandelt; es verschwindet so der Wald, und in Felswänden öffnet sich ein Torweg, welcher die beiden jetzt einschließt. – Durch aufsteigende gemauerte Gänge führend, hat die Szene sich vollständig verwandelt: Gurnemanz und Parsifal treten jetzt in den mächtigen Saal der Gralsburg ein.
Nun achte wohl; und laß mich seh’n,
bist du ein Tor und rein,
welch Wissen
dir auch mag beschieden sein. –