Parsifal 1. Aufzug 5

Verwandlung
Säulenhalle mit Kuppelgewölbe, den Speiseraum überdeckend. – Auf beiden Seiten des Hintergrundes werden die Türen geöffnet: von rechts schreiten die Ritter des Grales herein und reihen sich um die Speisetafeln.
Die RitterZum letzten Liebesmahle
gerüstet Tag für Tag,
Ein Zug von Knappen durchschreitet schnelleren Schrittes die Szene nach hinten zu.
gleich ob zum letzten Male
es heut uns letzen mag,
Ein zweiter Zug von Knappen durchschreitet den Saal.
wer guter Tat sich freut,
ihm wird das Mahl erneut:
der Labung darf er nah’n,
die hehrste Gab’ empfah’n.
Die versammelten Ritter stellen sich an den Speisetafeln auf. – Hier wird von Knappen und dienenden Brüdern, durch die entgegengesetzte Türe, Amfortas auf einer Sänfte hereingetragen; vor ihm schreiten die vier Knappen, welche den verhängten Schrein des Grales tragen. Dieser Zug begibt sich nach der Mitte des Hintergrundes, wo ein erhöhtes Ruhebett aufgerichtet steht, auf welches Amfortas von der Sänfte herab niedergelassen wird; hiervor steht ein länglicher Steintisch, auf welchen die Knaben den verhängten Grals-Schrein hinstellen.

Jünglinge aus der mittleren Höhe der Kuppel vernehmbar
Den sündigen Welten
mit tausend Schmerzen
wie einst sein Blut geflossen,
dem Erlösungs-Helden
sei nun mit freudigem Herzen
mein Blut vergossen.
Der Leib, den er zur Sühn’ uns bot,
er lebt in uns durch seinen Tod.

Knaben aus der äußersten Höhe der Kuppel
Der Glaube lebt;
die Taube schwebt,
des Heilands holder Bote.
Der für euch fließt,
des Weins genießt
und nehmt vom Lebensbrote!
Nachdem alle ihre Stelle eingenommen, und ein allgemeiner Stillstand eingetreten war, vernimmt man, vom tiefsten Hintergrunde her, aus einer gewölbten Nische hinter dem Ruhebette des Amfortas, die Stimme des alten Titurel, wie aus einem Grabe heraufdringend.

TiturelMein Sohn Amfortas! Bist du am Amt?
langes Schweigen
Soll ich den Gral heut’ noch erschau’n
und leben?
langes Schweigen
Muß ich sterben,
vom Retter ungeleitet?

Amfortas im Ausbruche qualvoller Verzweiflung sich halb aufrichtend
Wehe! Wehe mir der Qual!
Mein Vater, oh! noch einmal
verrichte du das Amt!
Lebe, leb’ und laß mich sterben!

TiturelIm Grabe leb’ ich
durch des Heilands Huld;
zu schwach doch bin ich,
ihm zu dienen:
du büß’ im Dienste deine Schuld! –
Enthüllet den Gral!

Amfortas gegen die Knaben sich erhebend
Nein! Laßt ihn unenthüllt – Oh! –
Daß keiner, keiner diese Qual ermißt,
die mir der Anblick weckt,
der euch entzückt! –
Was ist die Wunde,
ihrer Schmerzen Wut,
gegen die Not, die Höllenpein,
zu diesem Amt – verdammt zu sein! –
Wehvolles Erbe, dem ich verfallen,
ich, einz’ger Sünder unter allen,
des höchsten Heiligtums zu pflegen,
auf Reine herabzuflehen seinen Segen!
Oh, Strafe, Strafe ohnegleichen
des – ach! – gekränkten Gnadenreichen! –
Nach Ihm, nach Seinem Weihegruße
muß sehnlich mich’s verlangen;
aus tiefster Seele Heilesbuße
zu Ihm muß ich gelangen. –
Die Stunde naht: –
ein Lichtstrahl senkt sich
auf das heilige Werk;
die Hülle fällt:
vor sich hinstarrend
des Weihgefäßes göttlicher Gehalt
erglüht mit leuchtender Gewalt; –
durchzückt
von seligsten Genusses Schmerz,
des heiligsten Blutes Quell
fühl ich sich gießen in mein Herz:
des eig’nen sündigen Blutes Gewell’
in wahnsinniger Flucht
muß mir zurück dann fließen,
in die Welt der Sündensucht
mit wilder Scheu sich ergießen: –
von neuem sprengt es das Tor,
daraus es nun strömt hervor,
hier durch die Wunde,
der Seinen gleich,
geschlagen
von desselben Speeres Streich,
der dort dem Erlöser die Wunde stach,
aus der mit blut’gen Tränen
der Göttliche weint’
ob der Menschheit Schmach
in Mitleids heiligem Sehnen, –
und aus der nun mir, an heiligster Stelle,
dem Pfleger göttlichster Güter,
des Erlösungsbalsams Hüter,
das heiße Sündenblut entquillt, –
ewig erneut aus des Sehnens Quelle,
das, ach! keine Büßung je mir stillt!
Erbarmen! Erbarmen!
Du Allerbarmer, ach! Erbarmen!
Nimm mir mein Erbe,
schließe die Wunde,
daß heilig ich sterbe,
rein Dir gesunde!
Er sinkt wie bewußtlos zurück.

Jünglinge aus der Höhe, unsichtbar
«Durch Mitleid wissend,
der reine Tor:
harre sein’,
den ich erkor.»

Die RitterSo ward es dir verhießen,
harre getrost;
des Amtes walte heut’!

TiturelEnthüllet den Gral!
Amfortas erhebt sich langsam und mühevoll – Die Knaben nehmen die Decke vom goldnen Schreine, entnehmen ihm eine antike Kristallschale, von welcher sie ebenfalls eine Verhüllung hinwegnehmen, und setzen diese vor Amfortas hin.
Während Amfortas andachtsvoll in stummem Gebete zu dem Kelche sich neigt, verbreitet sich eine immer dichtere Dämmerung über die Halle.

Stimmen aus der Höhe
«Nehmet hin meinen Leib,
nehmet hin mein Blut
um uns’rer Liebe willen!
Eintritt der vollsten Dunkelheit.

Knaben aus der Höhe
Nehmet hin mein Blut,
nehmet hin meinen Leib,
auf daß ihr mein gedenkt.»
Hier dringt ein blendender Lichtstrahl von oben auf die Kristallschale herab; diese erglüht sodann in leuchtender Purpurfarbe, alles sanft bestrahlend. – Amfortas, mit verklärter Miene, erhebt den «Gral» hoch und schwenkt ihn sanft nach allen Seiten, worauf er damit Brot und Wein segnet. Alles ist auf den Knien.

TiturelOh! Heilige Wonne!
Wie hell grüßt uns heute der Herr!
Amfortas setzt den «Gral» wieder nieder, welcher nun, während die tiefe Dämmerung wieder entweicht, immer mehr erblaßt: hierauf schließen die Knaben das Gefäß wieder in den Schrein und bedecken diesen, wie zuvor. – Hier tritt die frühere Tageshelle wieder ein. Die vier Knaben verteilen während des Folgenden aus den zwei Krügen und Körben Wein und Brot. – Die vier Knaben, nachdem sie den Schrein verschlossen, nehmen nun die zwei Weinkrüge sowie die zwei Brotkörbe, welche Amfortas zuvor durch das Schwenken des Gralskelches über sie gesegnet hatte, von dem Altartische, verteilen das Brot an die Ritter und füllen die vor ihnen stehenden Becher mit Wein. Die Ritter lassen sich zum Mahle nieder, so auch Gurnemanz, welcher einen Platz neben sich leer hält und Parsifal durch ein Zeichen zur Teilnehmung am Mahle einlädt. – Parsifal bleibt aber starr und stumm, wie gänzlich entrückt, zur Seite stehen.

Knaben aus der Höhe
Wein und Brot des letzten Mahles
wandelt’ einst der Herr des Grales
durch des Mitleids Liebesmacht
in das Blut, das er vergoß,
in den Leib, den dar erbracht’.

Jünglinge aus der mittleren Höhe der Kuppel
Blut und Leib der heil’gen Gabe
wandelt heut’ zu eurer Labe
sel’ger Tröstung Liebesgeist
in den Wein, der euch nun floß,
in das Brot, das heut’ ihr speist.

Die Ritter erste Hälfte
Nehmet vom Brot,
wandelt es kühn
in Leibes Kraft und Stärke;
treu bis zum Tode,
fest jedem Müh’n,
zu wirken des Heilands Werke.
zweite Hälfte
Nehmet vom Wein,
wandelt ihn neu
zu Lebens feurigem Blute,
froh im Verein,
brudergetreu
zu kämpfen mit seligem Mute.
Selig im Glauben!
Selig in Liebe!

Jünglinge mittlere Höhe der Kuppel
Selig in Liebe!

Knaben volle Höhe der Kuppel
Selig im Glauben!
Die Ritter haben sich erhoben und schreiten von beiden Seiten auf sich zu, um während des Folgenden sich feierlich zu umarmen. – Während des Mahles, an welchem er nicht teilnahm, ist Amfortas aus seiner begeisterungsvollen Erhebung allmählich wieder herabgesunken: er neigt das Haupt und hält die Hand auf die Wunde. Die Knaben nähern sich ihm; ihre Bewegungen deuten auf das erneute Bluten der Wunde: sie pflegen Amfortas, geleiten ihn wieder auf die Sänfte und, während alle sich zum Aufbruch rüsten, tragen sie, in der Ordnung wie sie kamen, Amfortas und den heiligen Schrein wieder von dannen. Die Ritter ordnen sich ebenfalls wieder zum feierlichen Zuge und verlassen langsam den Saal. – Hier entfernt sich der Zug mit Amfortas gänzlich. – Verminderte Tageshelle tritt ein. – Knappen ziehen wieder schnelleren Schrittes durch die Halle. – Die letzten Ritter und Knappen haben hier den Saal verlassen: Parsifal hatte bei dem vorangehendem stärksten Klagerufe des Amfortas eine heftige Bewegung nach dem Herzen gemacht, welches er krampfhaft eine Zeitlang gefaßt hielt; jetzt steht er noch wie erstarrt, regungslos da. Gurnemanz tritt mißmutig an Parsifal heran und rüttelt ihn am Arme.

GurnemanzWas stehst du noch da?
Weißt du, was du sah’st?
Parsifal faßt sich krampfhaft am Herzen und schüttelt dann ein wenig sein Haupt.
Gurnemanz sehr ärgerlich
Du bist doch eben nur ein Tor!
Er öffnet eine schmale Seitentür.
Dort hinaus, deinem Wege zu!
Doch rät dir Gurnemanz:
laß du hier künftig die Schwäne in Ruh’
und suche dir, Gänser, die Gans!
Er stößt Parsifal hinaus und schlägt mürrisch hinter ihm die Türe stark zu. Während er dann den Rittern folgt, schließt auf dem letzten Takte mit der Fermate sich der Vorhang.

Eine Altstimme aus der Höhe
«Durch Mitleid wissend,
der reine Tor.»

Knaben aus der höchsten Höhe

Jünglinge mittlere Höhe
Selig im Glauben!