Parsifal 2. Aufzug 1

Zweiter Aufzug
Klingsors Zauberschloß – Im inneren Verließe eines nach oben offenen Turmes. Steinstufen führen nach dem Zinnenrande der Turmmauer; Finsternis in der Tiefe, nach welcher es von dem Mauervorsprunge, den der Boden darstellt, hinabführt. Zauberwerkzeuge und nekromantische Vorrichtungen. Klingsor auf dem Mauervorsprunge zur Seite, vor einem Metallspiegel sitzend.
KlingsorDie Zeit ist da. –
Schon lockt mein Zauberschloß
den Toren,
den, kindisch jauchzend,
fern ich nahen seh’. –
Im Todesschlafe
hält der Fluch sie fest,
der ich den Krampf zu lösen weiß. –
Auf denn! An’s Werk!
Er steigt, der Mitte zu, etwas tiefer hinab und entzündet dort Räucherwerk, welches alsbald den Hintergrund mit einem bläulichen Dampfe erfüllt. Dann setzt er sich wieder vor die Zauberwerkzeuge und ruft, mit geheimnisvollen Gebärden, nach dem Abgrunde.
Herauf! Herauf! Zu mir!
Dein Meister ruft dich Namenlose:
Urteufelin, Höllenrose!
Herodias warst du, und was noch?
Gundryggia dort, Kundry hier:
Hierher! Hierher denn! Kundry!
Dein Meister ruft: herauf!
In dem bläulichen Lichte steigt Kundrys Gestalt herauf. Sie scheint schlafend. – Kundrys Gestalt macht die Bewegung einer Erwachenden. – Sie stößt einen gräßlichen Schrei aus.
Erwachst du? Ha!
Meinem Banne wieder
verfielst heut’ du zur rechten Zeit.
Kundry läßt ein Klagegeheul, von größter Heftigkeit bis zu bangem Wimmern sich abstufend, vernehmen.
Sag’, wo triebst du dich wieder umher?
Pfui! Dort bei dem Rittergesipp’,
wo wie ein Vieh
du dich halten läßt?
Gefällt dir’s bei mir nicht besser?
Als ihren Meister du mir gefangen –
haha – den reinen Hüter des Grales –
was jagte dich da wieder fort?

Kundry rauh und abgebrochen, wie im Versuche, wieder Sprache zu gewinnen
Ach! – Ach!
Tiefe Nacht! –
Wahnsinn! – Oh! – Wut! –
Ach! – Jammer! –
Schlaf – Schlaf –
tiefer Schlaf! – Tod!

KlingsorDa weckte dich ein andrer? He?

Kundry wie zuvor
Ja! – Mein Fluch! –
Oh! – Sehnen – Sehnen! –

KlingsorHaha! –
dort nach den keuschen Rittern?

KundryDa – da – dient’ ich.

KlingsorJa, ja! – den Schaden zu vergüten,
den du ihnen böslich gebracht?
Sie helfen dir nicht:
feil sind sie alle,
biet’ ich den rechten Preis;
der festeste fällt,
sinkt er dir in die Arme;
und so verfällt er dem Speer,
den ihrem Meister selbst
ich entwandt. –
Den Gefährlichsten gilt’s nun heut’ zu besteh’n:
ihn schirmt der Torheit Schild.

KundryIch – will nicht! Oh! – Oh!

KlingsorWohl willst du, denn du mußt.

KundryDu – kannst mich – nicht – halten.

KlingsorAber dich fassen.

KundryDu?

KlingsorDein Meister.

KundryAus welcher Macht?

KlingsorHa! Weil einzig an mir
deine Macht – nichts vermag.

Kundry grell lachend
Haha! – Bist du keusch?

KlingsorWas frägst du das, verfluchtes Weib? –
Furchtbare Not! –
So lacht nun der Teufel mein,
daß einst ich nach dem Heiligen rang!
Furchtbare Not!
Ungebändigten Sehnens Pein,
schrecklichster Triebe Höllendrang,
den ich zum Todesschweigen
mir zwang –
lacht und höhnt er nun laut
durch dich, des Teufels Braut? –
Hüte dich!
Hohn und Verachtung
büßte schon einer:
der Stolze, stark in Heiligkeit,
der einst mich von sich stieß,
sein Stamm verfiel mir,
unerlöst
soll der Heiligen Hüter mir schmachten;
und bald – so wähn’ ich –
hüt’ ich mir selbst den Gral. – –
Haha!
Gefiel er dir wohl,
Amfortas, der Held,
den ich zur Wonne dir gesellt?

KundryOh! – Jammer! – Jammer!
Schwach auch er! – Schwach – alle!
Meinem Fluche mit mir
alle verfallen! –
Oh, ewiger Schlaf,
einziges Heil,
wie – wie dich gewinnen?

KlingsorHa! Wer dir trotzte, löste dich frei:
versuch’s mit dem Knaben, der naht!

KundryIch – will nicht!

Klingsor steigt hastig auf die Turmmauer
Jetzt schon erklimmt er die Burg.

KundryOh! Wehe! Wehe!
Erwachte ich darum?
Muß ich? – Muß?

Klingsor hinabblickend
Ha! – Er ist schön, der Knabe!

KundryOh! – Oh! – Wehe mir! –

Klingsor stößt, nach außen gewandt, in ein Horn
Ho! Ihr Wächter! Ho! Ritter!
Helden! – Auf! – Feinde nah!
Ha! Wie zur Mauer sie stürmen,
die betörten Eigenholde,
zum Schutz ihres schönen Geteufels! –
So! Mutig! Mutig! –
Haha! Der fürchtet sich nicht: –
dem Helden Ferris
entwand er die Waffe;
die führt er nun freislich
wider den Schwarm
Kundry gerät in unheimliches ekstatisches Lachen bis zu krampfhaftem Wehegeschrei.
Wie übel den Tölpeln der Eifer gedeiht!
Dem schlug er den Arm,
jenem den Schenkel.
Haha! – Sie weichen.
Kundry verschwindet.
Sie fliehen
Das bläuliche Licht ist erloschen: volle Finsternis in der Tiefe, wogegen glänzende Himmelsbläue über der Mauer.
Seine Wunde trägt jeder nach heim!
Wie das ich euch gönne!
Möge denn so
das ganze Rittergezücht
unter sich selber sich würgen!
Ha! Wie stolz er nun steht
auf der Zinne!
Wie lachen ihm die Rosen
der Wangen,
da kindisch erstaunt
in den einsamen Garten er blickt!
Er wendet sich nach der Tiefe des Hintergrundes um.
He! Kundry!
Wie? Schon am Werk? –
Haha! Den Zauber wußt’ ich wohl,
der immer dich wieder
zum Dienst mir gesellt!
sich wieder nach außen wendend
Du da, kindischer Sproß,
was auch
Weissagung dich wies,
zu jung und dumm
fielst du in meine Gewalt: –
die Reinheit dir entrissen,
bleibst mir du zugewiesen!