Parsifal 2. Aufzug 3

Parsifal will fliehen, als er Kundrys Stimme vernimmt und betroffen still steht.
KundryParsifal! Weile!
Die Mädchen sind bei dem Vernehmen der Stimme Kundrys erschrocken und haben sich alsbald von Parsifal zurückgehalten.

ParsifalParsifal?
So nannte träumend mich einst die Mutter.

Kundryhier weile! Parsifal!
Dich grüßet Wonne und Heil zumal.
Ihr kindischen Buhlen, weichet von ihm;
früh welkende Blumen,
nicht euch ward er zum Spiele bestellt.
Geht heim, pfleget der Wunden,
einsam erharrt euch mancher Held.
Die Mädchen entfernen sich zaghaft und widerstrebend von Parsifal und ziehen sich allmählich nach dem Schlosse zurück.

4. MädchenDich zu lassen!

6. MädchenDich zu meiden!

5. MädchenDich zu meiden!

1. MädchenO, wie wehe!

2. MädchenO, wehe der Pein!

ChorO wehe!

3. MädchenVon allen möchten gern wir scheiden,
mit dir allein zu sein.

6. MädchenMit dir allein zu sein.

5. MädchenLeb wohl!

ChorLeb wohl, leb wohl!

4. MädchenLeb wohl!

Alle MädchenLeb wohl, du Holder, du Stolzer, du – Tor!
Mit dem letzten sind die Mädchen unter Gelächter im Schlosse verschwunden.

ParsifalDies alles – hab’ ich nun geträumt?
Er sieht sich schüchtern nach der Seite hin um, von welcher die Stimme kam. Dort ist jetzt, durch Enthüllung des Blumenhages, ein jugendliches Weib von höchster Schönheit – Kundry, in durchaus verwandelter Gestalt – auf einem Blumenlager, in leicht verhüllender, phantastischer Kleidung, annähernd arabischen Stiles – sichtbar geworden. – Parsifal noch ferne stehend.
Riefest du mich Namenlosen?

KundryDich nannt’ ich, tör’ger Reiner,
«Fal parsi»,
Dich, reinen Toren: «Parsifal».
So rief,
als in arab’schem Land er verschied,
dein Vater Gamuret dem Sohne zu,
den er, im Mutterschoß verschlossen,
mit diesem Namen sterbend grüßte.
Ihn dir zu künden,
harrt’ ich deiner hier:
was zog dich her,
wenn nicht der Kunde Wunsch?

ParsifalNie sah’ ich, nie träumte mir,
was jetzt ich schau’
und was mit Bangen mich erfüllt. –
Entblühtest du auch
diesem Blumenhaine?

KundryNein, Parsifal, du stör’ger Reiner!
Fern – fern – ist meine Heimat: –
daß du mich fändest,
verweilte ich nur hier.
Von weither kam ich, wo ich viel ersah’.
Ich sah’ das Kind
an seiner Mutter Brust,
sein erstes Lallen lacht mir noch im Ohr;
das Leid im Herzen,
wie lachte da auch Herzeleide,
als ihren Schmerzen
zujauchzte ihrer Augen Weide!
Gebettet sanft auf weichen Moosen,
den hold geschläfert sie mit Kosen,
dem, bang in Sorgen,
den Schlummer bewacht’
der Mutter Sehnen,
den weckt’ am Morgen
der heiße Tau der Muttertränen.
Nur Weinen war sie, Schmerzgebaren
um deines Vaters Lieb’ und Tod;
vor gleicher Not dich zu bewahren,
galt ihr als höchster Pflicht Gebot:
den Waffen fern,
der Männer Kampf und Wüten,
wollte sie still dich bergen und behüten.
Nur Sorgen war sie, ach! und Bangen:
nie sollte Kunde zu dir hergelangen.
Hör’st du nicht noch ihrer Klage Ruf,
wann spät und fern du geweilt?
Hei! Was ihr das Lust und Lachen schuf,
wann sie suchend dann dich ereilt!
Wann dann ihr Arm
dich wütend umschlang,
ward dir es wohl gar beim Küssen bang? –
Doch ihr Wehe du nicht vernahm’st,
nicht ihrer Schmerzen Toben,
als endlich du nicht wieder kam’st
und deine Spur verstoben:
sie harrte Nächt’ und Tage,
bis ihr verstummt die Klage,
der Gram ihr zehrte den Schmerz,
um stillen Tod sie warb:
ihr brach das Leid das Herz,
und – Herzeleide – starb. –

Parsifal immer ernsthafter, endlich furchtbar betroffen, sinkt, schmerzlich überwältigt, zu Kundrys Füßen nieder
Wehe! Wehe! Was tat ich? Wo war ich?
Mutter! Süße, holde Mutter!
Dein Sohn, dein Sohn
mußte dich morden!
O Tor! Blöder, taumelnder Tor!
Wo irrtest du hin, ihrer vergessend –
deiner, deiner vergessend?
Traute, teuerste Mutter!

KundryWar dir fremd noch der Schmerz,
des Trostes Süße,
labte nie auch dein Herz:
das Wehe, das dich reut,
die Not nun büße
im Trost, den Liebe dir beut!

Parsifal im Trübsinn immer tiefer sich sinken lassend
Die Mutter, die Mutter
konnt’ ich vergessen!
Ha! Was alles vergaß ich wohl noch?
Wes war ich je noch eingedenk?
Nur dumpfe Torheit lebt in mir!

Kundry immer noch in liegender Stellung, beugt sich über Parsifals Haupt, faßt sanft seine Stirne und schlingt traulich ihren Arm um seinen Nacken
Bekenntnis
wird Schuld in Reue enden,
Erkenntnis
in Sinn die Torheit wenden:
die Liebe lerne kennen,
die Gamuret umschloß,
als Herzeleids Entbrennen
ihn sengend überfloß!
Die Leib und Leben
einst dir gegeben,
der Tod und Torheit weichen muß,
sie beut’
dir heut’ –
als Muttersegens letzten Gruß
der Liebe – ersten Kuß.
Sie hat ihr Haupt völlig über das seinige geneigt und heftet nun ihre Lippen zu einem langen Kusse auf seinen Mund.