Parsifal 2. Aufzug 4

Parsifal fährt plötzlich mit einer Gebärde des höchsten Schreckens auf: seine Haltung drückt eine furchtbare Veränderung aus; er stemmt seine Hände gewaltsam gegen das Herz, wie um einen zerreißenden Schmerz zu bewältigen
ParsifalAmfortas! – –
Die Wunde! – Die Wunde! –
Sie brennt in meinem Herzen. –
Oh, Klage! Klage!
Furchtbare Klage!
Aus tiefstem Herzen schreit sie mir auf.
Oh! – Oh! –
Elender! –
Jammervollster!
Die Wunde sah’ ich bluten: –
nun blutet sie in mir! –
Hier – hier!
Nein! Nein! Nicht die Wunde ist es.
Fließe ihr Blut in Strömen dahin!
Hier! Hier im Herzen der Brand!
Das Sehnen, das furchtbare Sehnen,
das alle Sinne mir faßt und zwingt!
Oh! – Qual der Liebe! –
Wie alles schauert, bebt und zuckt
in sündigem Verlangen! ...
während Kundry in Schrecken und Verwunderung auf Parsifal hinstarrt, gerät dieser in völlige Entrücktheit; schauerlich leise
Es starrt der Blick
dumpf auf das Heilgefäß:
das heil’ge Blut erglüht;
Erlösungswonne, göttlich mild,
durchzittert weithin alle Seelen:
nur hier, im Herzen,
will die Qual nicht weichen.
Des Heilands Klage da vernehm’ ich,
die Klage, ach! die Klage
um das entweihte Heiligtum: –

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!

«Erlöse, rette mich
aus schuldbefleckten Händen!»
So rief die Gottesklage
furchtbar laut mir in die Seele.
Und ich? Der Tor, der Feige?
Zu wilden Knabentaten floh’ ich hin!
Er stürzt verzweiflungsvoll auf die Knie.
Erlöser! Heiland! Herr der Huld!
Wie büß ich Sünder meine Schuld?

Kundry deren Erstaunen in leidenschaftliche Bewunderung übergegangen, sucht schüchtern sich Parsifal zu nähern
Gelobter Held! Entflieh’ dem Wahn!
Blick’ auf! Sei hold der Huldin Nah’n!

Parsifal immer in gebeugter Stellung, starr zu Kundry aufblickend, während diese sich zu ihm neigt und die liebkosenden Bewegungen ausführt, die er mit dem Folgenden bezeichnet
Ja, diese Stimme!
So rief sie ihm; –
und diesen Blick,
deutlich erkenn’ ich ihn –
auch diesen, der ihm so friedlos lachte.
Die Lippe, – ja – so zuckte sie ihm; –
so neigte sich der Nacken –
so hob sich kühn das Haupt; –
so flatterten lachend die Locken, –
so schlang um den Hals sich der Arm –
so schmeichelte weich die Wange –!
Mit aller Schmerzen Qual im Bunde,
das Heil der Seele
entküßte ihm der Mund! –
Ha! – Dieser Kuß! –
Verderberin! Weiche von mir!
Ewig – ewig – von mir!
Parsifal hatte sich allmählich erhoben und stößt Kundry von sich.

Kundry in höchster Leidenschaft
Grausamer! –
Fühlst du im Herzen
nur And’rer Schmerzen,
so fühle jetzt auch die meinen!
Bist du Erlöser,
was bannt dich, Böser,
nicht mir auch zum Heil dich zu einen?
Seit Ewigkeiten – harre ich deiner,
des Heilands, ach! so spät!
Den ich einst kühn geschmäht. –
Oh! – Kenntest du den Fluch,
der mich durch Schlaf und Wachen,
durch Tod und Leben,
Pein und Lachen,
zu neuem Leiden neu gestählt,
endlos durch das Dasein quält! –
Ich sah – Ihn – Ihn –
und – lachte ...
da traf mich Sein Blick. –
Nun such’ ich ihn von Welt zu Welt,
ihm wieder zu begegnen:
in höchster Not –
wähn’ ich sein Auge schon nah’,
den Blick schon auf mir ruh’n: –
da kehrt mir das verfluchte Lachen wieder, –
ein Sünder sinkt mir in die Arme!
Da lach’ ich – lache –,

Den folgenden Ausschnitt kann man sich in
verschiedenen Interpretationen anhören!
kann nicht weinen:
nur schreien, wüten,
toben, rasen
in stets erneuter Wahnsinns Nacht,
aus der ich büßend kaum erwacht. –
Den ich ersehnt in Todesschmachten,
den ich erkannt, den blöd Verlachten,
laß mich an seinem Busen weinen,
nur eine Stunde mich dir vereinen,
und, ob mich Gott und Welt verstößt,
in dir entsündigt sein und erlöst!

ParsifalAuf Ewigkeit
wärst du verdammt mit mir
für eine Stunde
Vergessens meiner Sendung
in deines Arm’s Umfangen! –
Auch dir bin ich zum Heil gesandt,
bleibst du dem Sehnen abgewandt.
Die Labung, die dein Leiden endet,
beut nicht der Quell,
aus dem es fließt:
das Heil wird nimmer dir gespendet,
eh’ jener Quell sich dir nicht schließt.
Ein And’res ist’s – ein And’res, ach!
nach dem ich jammernd
schmachten sah,
die Brüder dort in grausen Nöten
den Leib sich quälen und ertöten.
Doch wer erkennt ihn klar und hell,
des einz’gen Heiles wahren Quell?
O Elend, aller Rettung Flucht!
O Weltenwahns Umnachten:
in höchsten Heiles heißer Sucht
nach der Verdammnis Quell
zu schmachten!

Kundry in wilder Begeisterung
So war es mein Kuß,
der welthellsichtig dich machte?
Mein volles Liebesumfangen
läßt dich dann Gottheit erlangen!
Die Welt erlöse, ist dies dein Amt: –
schuf dich zum Gott die Stunde,
für sie laß mich ewig dann verdammt,
nie heile mir die Wunde.

ParsifalErlösung, Frevlerin, biet’ ich auch dir.

Kundry drängend
Laß mich dich Göttlichen lieben,
Erlösung gabst du dann auch mir.