Parsifal 3. Aufzug 1

Dritter Aufzug
Im Gebiete des Grales – Freie, anmutige Frühlingsgegend mit nach dem Hintergrunde zu sanft ansteigender Blumenaue. Den Vordergrund nimmt der Saum des Waldes ein, der sich nach rechts zu aufsteigendem Felsengrund ausdehnt. Im Vordergrunde, an der Waldseite, ein Quell; ihm gegenüber, etwas tiefer, eine schlichte Einsiedlerhütte, an einen Felsblock gelehnt. Frühester Morgen. – Gurnemanz, zum hohen Greise gealtert, als Einsiedler, nur in das Hemd des Gralsritters gekleidet, tritt aus der Hütte und lauscht.
GurnemanzVon dorther kam das Stöhnen. –
So jammervoll klagt kein Wild,
und gewiß gar nicht
am heiligsten Morgen heut’. –
Dumpfes Stöhnen von Kundrys Stimme.
Mich dünkt,
ich kenne diesen Klageruf?
Er schreitet entschlossen einer Dornenhecke auf der Seite zu: diese ist gänzlich überwachsen; er reißt mit Gewalt das Gestrüpp auseinander, dann hält er plötzlich an.
Ha! Sie – wieder da?
Das winterlich rauhe Gedörn’
hielt sie verdeckt: wie lang schon? –
Auf! – Kundry! – Auf!
Der Winter floh, und Lenz ist da!
Erwache, erwache dem Lenz!
Kalt – und starr! –
Diesmal hielt’ ich sie wohl für tot: –
doch war’s ihr Stöhnen,
was ich vernahm?
Er zieht Kundry, ganz erstarrt und leblos, aus dem Gebüsch hervor und trägt sie auf einen nahen Grashügel, reibt der erstarrt vor ihm ausgestreckten Kundry stark die Hände und Schläfe und bemüht sich in allem, die Erstarrung von ihr weichen zu machen. Endlich scheint das Leben in ihr zu erwachen. Sie erwacht völlig: als sie die Augen öffnet, stößt sie einen Schrei aus. – Kundry ist in rauhem Büßergewande, ähnlich wie im ersten Aufzuge; nur ist ihre Gesichtsfarbe bleicher; aus Miene und Haltung ist die Wildheit gewichen. – Sie starrt lange Gurnemanz an. Dann erhebt sie sich, ordnet sich Kleidung und Haar und läßt sich sofort wie eine Magd zur Bedienung an.
Du tolles Weib!
Hast du kein Wort für mich?
Ist dies der Dank,
daß dem Todesschlafe
noch einmal ich dich entweckt’?

Kundry neigt langsam das Haupt; dann bringt sie, rauh und abgebrochen, hervor
Dienen...Dienen! –

Gurnemanz schüttelt den Kopf
Das wird dich wenig müh’n!
Auf Botschaft sendet sich’s nicht mehr:
Kräuter und Wurzeln
findet ein jeder sich selbst,
wir lernten’s im Walde vom Tier.
Kundry hat sich währenddem umgesehen, gewahrt die Hütte und geht hinein.
Gurnemanz blickt ihr verwundert nach.
Wie anders schreitet sie als sonst!
Wirkte dies der heilige Tag?
Oh! Tag der Gnade ohnegleichen!
Gewiß zu ihrem Heile
durft’ ich der Armen heut’
den Todesschlaf verscheuchen.
Kundry kommt wieder aus der Hütte; sie trägt einen Wasserkrug und geht damit zur Quelle. – Sie gewahrt hier nach dem Walde blickend, in der Ferne einen Kommenden und wendet sich zu Gurnemanz, um ihn darauf hinzudeuten. – Gurnemanz in den Wald blickend.
Wer nahet dort dem heil’gen Quell?
Im düst’ren Waffenschmucke,
das ist der Brüder keiner.
Kundry entfernt sich mit dem gefüllten Kruge langsam in die Hütte, wo sie sich zu schaffen macht. – Parsifal tritt aus dem Walde auf. Er ist ganz in schwarzer Waffenrüstung: mit geschlossenem Helme und gesenktem Speer schreitet er, gebeugten Hauptes, träumerisch zögernd, langsam daher und setzt sich auf dem kleinen Rasenhügel am Quell nieder. – Gurnemanz, nachdem er Parsifal staunend – lange betrachtet, tritt nun näher zu ihm
Heil dir, mein Gast!
Bist du verirrt,
und soll ich dich weisen?
Parsifal schüttelt sanft das Haupt.
Entbietest du mir keinen Gruß?
Parsifal neigt das Haupt. – Gurnemanz unmutig
Hei! – Was? –
Wenn dein Gelübde
dich bindet, mir zu schweigen,
so mahnt das meine mich,
daß ich dir sage, was sich ziemt. –
Hier bist du an geweihtem Ort:
da zieht man nicht mit Waffen her,
geschloss’nen Helmes,
Schild und Speer.
Und heute gar! Weißt du denn nicht,
welch’ heil’ger Tag heut’ ist?
Parsifal schüttelt mit dem Kopfe.
Ja! Woher kommst du denn?
Bei welchen Heiden weiltest du,
zu wissen nicht, daß heute
der allerheiligste Karfreitag ist?
Parsifal senkt das Haupt noch tiefer.
Schnell ab die Waffen!
Kränke nicht den Herrn, der heute,
bar jeder Wehr, sein heilig Blut
der sündigen Welt zur Sühne bot!
Parsifal erhebt sich nach einem abermaligen Schweigen, stößt den Speer vor sich in den Boden, legt Schild und Schwert davor nieder, öffnet den Helm, nimmt ihn vom Haupte und legt ihn zu den anderen Waffen, worauf er dann zu stummem Gebete vor dem Speer niederkniet. – Gurnemanz betrachtet ihn mit Staunen und Rührung. Er winkt Kundry herbei, welche soeben wieder aus der Hütte getreten ist. Parsifal erhebt jetzt seinen Blick andachtsvoll zu der Lanzenspitze auf – leise zu Kundry
Erkennst du ihn? ...
Der ist’s,
der einst den Schwan erlegt.
Kundry bestätigt mit einem leisen Kopfnicken.
Gewiß, ’s ist er!
Der Tor, den ich zürnend von uns wies?
Kundry blickt starr, doch ruhig, auf Parsifal.
Ha! Welche Pfade fand er?
Der Speer, – ich kenne ihn.
in großer Ergriffenheit
Oh! – Heiligster Tag.
an dem ich heut’ erwachen sollt’!
Kundry hat ihr Gesicht abgewendet

Parsifal erhebt sich langsam vom Gebete, blickt ruhig um sich, erkennt Gurnemanz und reicht diesem sanft die Hand zum Gruße
Heil mir,
daß ich dich wiederfinde!

GurnemanzSo kennst auch du mich noch?
Erkennst mich wieder,
den Gram und Not so tief gebeugt?
Wie kamst du heut’? Woher?

ParsifalDer Irrnis und der Leiden Pfade kam ich;
soll ich mich denen jetzt entwunden wähnen,
da dieses Waldes Rauschen
wieder ich vernehme,

Parsifaldich guten Greisen neu begrüße?
Oder – irr’ ich wieder?
Verändert dünkt mich alles.

GurnemanzSo sag’,
zu wem den Weg du suchtest?

ParsifalZu ihm, des’ tiefe Klagen
ich törig staunend einst vernahm,
dem nun ich Heil zu bringen
mich auserlesen wähnen darf.
Doch – ach! –
Den Weg des Heiles nie zu finden,
in pfadlosen Irren
trieb ein wilder Fluch mich umher:
zahllose Nöte Kämpfe und Streite
zwangen mich ab vom Pfade,
wähnt’ ich ihn recht schon erkannt.
Da mußte mich Verzweiflung fassen,
das Heiltum heil mir zu bergen,
um das zu hüten, das zu wahren
ich Wunden jeder Wehr mir gewann.
Denn nicht ihn selber
durft’ ich führen im Streite;
unentweiht
führ’ ich ihn mir zur Seite,
den ich nun heim geleite,
der dort dir schimmert heil und hehr, –
des Grales heil’gen Speer.

Gurnemanz in höchstes Entzücken ausbrechend
O Gnade! Höchstes Heil!
O Wunder! Heilig hehrstes Wunder! –
nachdem er sich gefaßt, zu Parsifal
O Herr! War es ein Fluch,
der dich vom rechten Pfad vertrieb,
so glaub’, er ist gewichen.
Hier bist du; dies des Grals Gebiet,
dein’ harret seine Ritterschaft.
Ach, sie bedarf des Heiles,
des Heiles, das du bringst! –
Seit dem Tage, den du hier geweilt,
die Trauer, so da kund dir ward,
das Bangen – wuchs zur höchsten Not.
Amfortas, gegen seiner Wunden
seiner Seele Qual sich wehrend,
begehrt’ in wütendem Trotze nun
den Tod:
kein Fleh’n, kein Elend seiner Ritter
bewog ihn mehr,
des heil’gen Amts zu walten.
Im Schrein verschlossen
bleibt seit lang’ der Gral:
so hofft sein sündenreu’ger Hüter,
da er nicht sterben kann,
wann je er ihn erschaut,
sein Ende zu erzwingen
und mit dem Leben seine Qual zu enden.
Die heil’ge Speisung
bleibt uns nun versagt,
gemeine Atzung muß uns nähren;
darob versiegte unsrer Helden Kraft:
nie kommt uns Botschaft mehr,
noch Ruf zu heil’gen Kämpfen
aus der Ferne;
bleich und elend wankt umher
die mut- und führerlose Ritterschaft.
In dieser Waldeck’ barg ich selber mich,
des Todes still gewärtig,
dem schon mein alter Waffenherr verfiel;
denn Titurel, mein heil’ger Held,
den nun des Grales Anblick
nicht mehr labte,
er starb – ein Mensch wie alle!

Parsifal bäumt sich vor großem Schmerz auf
Und ich – ich bin’s,
der all’ dies Elend schuf!
Ha! Welcher Sünden
welches Frevels Schuld
muß dieses Toren Haupt
seit Ewigkeit belasten,
da keine Buße, keine Sühne
der Blindheit mich entwindet,
zur Rettung selbst ich auserkoren,
in Irrnis wild verloren
der Rettung letzter Pfad mir schwindet!