Parsifal 3. Aufzug 3

Verwandlung
Die Gegend verwandelt sich sehr allmählich, ähnlicherweise wie im ersten Aufzuge, nur von rechts nach links. Parsifal ergreift feierlich den Speer und folgt mit Kundry dem langsam geleitenden Gurnemanz. – Nachdem die drei eine Zeitlang sichtbar geblieben, verschwinden sie gänzlich, als der Waldsich immer mehr verliert, und dagegen Felsengewölbe näherrücken. – In gewölbten Gängen stets anwachsend vernehmbares Geläute. – Dunkle gewölbte Gänge – anwachsendes Glockengeläute. – Hier öffnen sich die Felswände, und die ganze Grals-Halle, wie im ersten Aufzuge, nur ohne die Speisetafeln, stellt sich wieder dar. – Düstere Beleuchtung: Von der einen Seite ziehen die Titurels Leiche im Sarge tragenden Ritter herein; von der anderen Seite die Amfortas im Siechbette geleitenden; vor diesem der verhüllte Schrein mit dem Grale.
Erster Zug der Ritter mit Amfortas
Geleiten wir im bergenden Schrein
den Gral zum heiligen Amte,
wen berget ihr im düst’ren Schrein
und führt ihr trauernd daher?

Zweiter Zug der Ritter mit Titurels Leiche, während beide Züge aneinander vorbeischreiten
Es birgt den Helden der Trauerschrein,
er birgt die heilige Kraft;
der Gott einst selbst zur Pflege sich gab:
Titurel führen wir her.

Erster Zug der RitterWer hat ihn gefällt,
der, in Gottes Hut
Gott selbst einst beschirmte?

Zweiter Zug der RitterIhn fällte des Alters siegende Last,
da den Gral er nicht mehr erschaute.

Erster Zug der RitterWer wehrt ihm
des Grales Huld zu erschauen?

Zweiter Zug der RitterDen dort ihr geleitet,
der sündige Hüter.

Erster Zug der RitterWir geleiten ihn heut’,
weil heut’ noch einmal
zum letzten Male –
will des Amtes er walten.
Ach, zum letztenmal!
Amfortas ist auf das Ruhebett hinter dem Gralstische niedergelassen, der Sarg davor niedergestellt worden: die Ritter wenden sich mit dem Folgenden an Amfortas.

Die RitterWehe! Wehe! Du Hüter des Grals!
Ach, zum letztenmal,
sei deines Amts gemahnt!
Zum letztenmal! Zum letztenmal!

Amfortas sich matt ein wenig aufrichtend
Ja, Wehe! Wehe! Weh’ über mich! –
So ruf ich willig mit euch:
williger nähm’ ich von euch den Tod,
der Sünde mildeste Sühne!
Der Sarg wird geöffnet. Beim Anblick der Leiche Titurels bricht alles in einen jähen Wehruf aus. – Amfortas von seinem Lager sich hoch aufrichtend, zu der Leiche gewendet
Mein Vater!
Hochgesegneter der Helden!
Du Reinster,
dem einst die Engel sich neigten!
Der einzig ich sterben wollt’,
dir – gab ich den Tod!
Oh! Der du jetzt in göttlichem Glanz
den Erlöser selbst erschaust,
erflehe von ihm, daß sein heiliges Blut,
wenn noch einmal heut sein Segen
die Brüder soll erquicken,
wie ihnen neues Leben
mir endlich spende – den Tod!
Tod! – Sterben!
Einz’ge Gnade!
Die schreckliche Wunde,
das Gift, ersterbe,
das es zernagt, erstarre das Herz!
Mein Vater! Dich – ruf’ ich,
rufe du ihm es zu:
Erlöser, gib meinem Sohne Ruh’!

Die Ritter drängen sich näher an Amfortas heran
Enthüllet den Gral! –
Walte des Amtes!
Dich mahnet dein Vater: –
Du mußt, du mußt!

Amfortas springt in wütender Verzweiflung auf und stürzt sich unter die zurück weichenden Ritter
Nein! – Nicht mehr! – Ha! –
Schon fühl’ ich den Tod mich umnachten,
und noch einmal soll ich ins Leben zurück?
Wahnsinnige!
Wer will mich zwingen zu leben?
Könnt ihr doch Tod mir nur geben!
Er reißt sich das Gewand auf
Hier bin ich – die off’ne Wunde hier!
Das mich vergiftet, hier fließt mein Blut.
Heraus die Waffe!
Taucht eure Schwerter
tief – tief, bis ans Heft!
Auf! Ihr Helden!
Tötet den Sünder mit seiner Qual:
von selbst dann leuchtet euch wohl
der Gral!
Alle sind scheu vor Amfortas gewichen, welcher in furchtbarer Ekstase einsam steht. – Parsifal ist, von Gurnemanz und Kundry begleitet, unvermerkt unter den Rittern erschienen, tritt jetzt hervor und streckt den Speer aus, mit dessen Spitze er Amfortas’ Seite berührt.

ParsifalNur eine Waffe taugt: –
die Wunde schließt der Speer nur,
der sie schlug.
Amfortas’ Miene leuchtet in heiliger Entzückung auf; er scheint vor großer Ergriffenheit zu schwanken; Gurnemanz stützt ihn.
Sei heil, entsündigt und entsühnt,
denn ich verwalte nun dein Amt.
Gesegnet sei dein Leiden,
das Mitleids höchste Kraft
und reinsten Wissens Macht
dem zagen Toren gab.
Er schreitet nach der Mitte, den Speer vor sich erhebend.
Den heil’gen Speer –
ich bring’ ihn euch zurück!
Alles blickt in höchster Entzückung auf den emporgehaltenen Speer, zu dessen Spitze aufschauend Parsifal in Begeisterung fortfährt.
Oh! Welchen Wunders
höchstes Glück! –
Der deine Wunde durfte schließen,
ihm seh ich heil’ges Blut entfließen
in Sehnsucht
nach dem verwandten Quelle,
der dort fließt in des Grales Welle!
Nicht soll der mehr
verschlossen sein:
enthüllet den Gral,
öffnet den Schrein!
Parsifal besteigt die Stufen des Weihtisches, entnimmt dem von den Knaben geöffneten Schreine den «Gral» und versenkt sich, unter stummem Gebete, kniend in seinen Anblick. – Allmähliche sanfte Erleuchtung des «Grales». – Zunehmende Dämmerung in der Tiefe bei wachsendem Lichtscheine aus der Höhe.
mit Stimmen aus der mittleren sowie der obersten Höhe kaum hörbar leise
Höchsten Heiles Wunder:
Erlösung dem Erlöser!
Lichtstrahl: hellstes Erglühen des «Grales». Aus der Kuppel schwebt eine weiße Taube herab und verweilt über Parsifals Haupt. – Kundry sinkt, mit dem Blicke zu ihm auf langsam vor Parsifal entseelt zu Boden. – Amfortas und Gurnemanz huldigen kniend vor Parsifal, welcher den Gral segnend über die anbetende Ritterschaft schwingt. – Der Bühnenvorhang wird langsam geschlossen.
Ende Parsifal