Rheingold 1. Szene 1

Das Rheingold
Vorabend des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen
Entstehung: 1851-1854
Premiere: München 1869
VorspielNatur48102
Erste SzeneWellen48102
Auf dem Grunde des Rheines
Grünliche Dämmerung, nach oben zu lichter, nach unten zu dunkler. Die Höhe ist von wogendem Gewässer erfüllt, das rastlos von rechts nach links zu strömt. Nach der Tiefe zu lösen die Fluten sich in einen immer feineren feuchten Nebel auf, so daß der Raum in Manneshöhe vom Boden auf gänzlich frei vom Wasser zu sein scheint, welches wie in Wolkenzügen über den nächtlichen Grund dahinfließt. Überall ragen schroffe Felsenriffe aus der Tiefe auf und grenzen den Raum der Bühne ab; der ganze Boden ist in ein wildes Zackengewirr zerspalten, so daß er nirgends vollkommen eben ist und nach allen Seiten hin in dichtester Finsternis tiefere Schlüfte annehmen läßt. – Um ein Riff in der Mitte der Bühne, welches mit seiner schlanken Spitze bis in die dichtere, heller dämmernde Wasserflut hinaufragt, kreist in anmutig schwimmender Bewegung eine der Rheintöchter
WoglindeWeia! Waga! Woge, du Welle, Rheintöchter56
walle zur Wiege! Wagalaweia! 56
Wallala, weiala weia!

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Wellgunde Stimme von oben
Woglinde, wachst du allein?

WoglindeMit Wellgunde wär’ ich zu zwei.

Wellgunde taucht aus der Flut zum Riff herab
Laß sehn, wie du wachst!
sie sucht Woglinde zu erhaschen

Woglinde entweicht ihr schwimmend
Sicher vor dir! Natur48102
sie necken sich und suchen sich spielend zu fangen

Wellen48102
Flosshilde Stimme von oben48102
Heiaha weia! Wildes Geschwister!

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WellgundeFlosshilde, schwimm’! Woglinde flieht: 48102
hilf mir die Fließende fangen!

48102
Flosshilde taucht herab und fährt zwischen die Spielenden
Des Goldes Schlaf hütet ihr schlecht!
Besser bewacht des schlummernden Bett,
sonst büßt ihr beide das Spiel!
Mit muntrem Gekreisch fahren die beiden auseinander. Flosshilde sucht bald die eine, bald die andere zu erhaschen; sie entschlüpfen ihr und vereinigen sich endlich, um gemeinschaftlich auf Flosshilde Jagd zu machen. So schnellen sie gleich Fischen von Riff zu Riff, scherzend und lachend. – Aus einer finstern Schluft ist währenddem Alberich, an einem Riffe klimmend, dem Abgrunde entstiegen. Er hält, noch vom Dunkel umgeben, an und schaut dem Spiele der Rheintöchter mit steigendem Wohlgefallen zu.

Natur48102
AlberichHehe! Ihr Nicker!
Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk!
Aus Nibelheims Nacht naht’ ich mich gern,
neigtet ihr euch zu mir!
die Mädchen halten, sobald sie Alberichs Stimme hören, mit dem Spiele ein

WoglindeHei! Wer ist dort?

WellgundeEs dämmert und ruft!

FlosshildeLugt, wer uns lauscht!

Wellgunde sie tauchen tiefer herab und erkennen den Nibelung
Pfui! Der Garstige!

Flosshilde schnell auftauchend
Hütet das Gold!
Vater warnte vor solchem Feind.
Die beiden andern folgen ihr, und alle drei versammeln sich schnell um das mittlere Riff

AlberichIhr, da oben!

Die drei RheintöchterWas willst du dort unten?

AlberichStör’ ich eu’r Spiel,
wenn staunend ich still hier steh’?
Tauchtet ihr nieder, mit euch tollte
und neckte der Niblung sich gern!

WoglindeMit uns will er spielen?

WellgundeIst ihm das Spott?

AlberichWie scheint im Schimmer ihr hell und schön!
Wie gern umschlänge der Schlanken eine mein Arm,
schlüpfte hold sie herab!

FlosshildeNun lach’ ich der Furcht: der Feind ist verliebt!
Sie lachen

WellgundeDer lüsterne Kauz!

WoglindeLaßt ihn uns kennen!
Sie läßt sich auf die Spitze des Riffes hinab, an dessen Fuße Alberich angelangt ist

AlberichDie neigt sich herab.

WoglindeNun nahe dich mir!
Alberich klettert mit koboldartiger Behendigkeit, doch wiederholt aufgehalten, der Spitze des Riffes zu

AlberichGarstig glatter glitschiger Glimmer!
Wie gleit’ ich aus! Mit Händen und Füßen
nicht fasse noch halt’ ich das schlecke Geschlüpfer!
er prustet
Feuchtes Naß füllt mir die Nase:
verfluchtes Niesen!
er ist in Woglindes Nähe angelangt

Woglinde lachend
Prustend naht meines Freiers Pracht!

AlberichMein Friedel sei, du fräuliches Kind!
er sucht sie zu umfassen

Woglinde sich ihm entwindend
Willst du mich frei’n, so freie mich hier!
sie taucht auf einem andern Riff auf, die Schwestern lachen

Alberich kratzt sich den Kopf
O weh! Du entweichst? Komm’ doch wieder!
Schwer ward mir, was so leicht du erschwingst.

Woglinde schwingt sich auf ein drittes Riff in größerer Tiefe
Steig’ nur zu Grund, da greifst du mich sicher!

Alberich hastig hinab kletternd
Wohl besser da unten!

Woglinde schnellt sich rasch aufwärts nach einem hohen Seitenriffe
Nun aber nach oben!

FlosshildeHahahahaha!

AlberichWie fang’ ich im Sprung den spröden Fisch?
Warte, du Falsche!
er will ihr eilig nachklettern

Wellgunde hat sich auf ein tieferes Riff auf der anderen Seite gesenkt
Heia, du Holder! Hörst du mich nicht?

Alberich sich umwendend
Rufst du nach mir?

WellgundeIch rate dir wohl: zu mir wende dich,
Woglinde meide!

Alberich klettert hastig über den Bodengrund zu Wellgunde
Viel schöner bist du als jene Scheue,
die minder gleißend und gar zu glatt.
Nur tiefer tauche, willst du mir taugen.

Wellgunde noch etwas mehr sich zu ihm herabsenkend
Bin nun ich dir nah?

AlberichNoch nicht genug!
Die schlanken Arme schlinge um mich,
daß ich den Nacken dir neckend betaste,
mit schmeichelnder Brunst
an die schwellende Brust mich dir schmiege.

WellgundeBist du verliebt und lüstern nach Minne,
laß sehn, du Schöner, wie bist du zu schau’n?
Pfui! Du haariger, höckriger Geck!
Schwarzes, schwieliges Schwefelgezwerg!
Such’ dir ein Friedel, dem du gefällst!

Alberich sucht sie mit Gewalt zu halten
Gefall’ ich dir nicht, dich fass’ ich doch fest!

Wellgunde schnell zum mittleren Riffe auftauchendNatur48102
Nur fest, sonst fließ ich dir fort!

Wellen48102
FlosshildeHahahahaha!

Alberich Wellgunde erbost nachzankend
Falsches Kind! Kalter, grätiger Fisch!

AlberichSchein’ ich nicht schön dir,
niedlich und neckisch, glatt und glau –
hei, so buhle mit Aalen, ist dir eklig mein Balg!

FlosshildeWas zankst du, Alp? Schon so verzagt?
Du freitest um zwei: frügst du die dritte,
süßen Trost schüfe die Traute dir!

AlberichHolder Sang singt zu mir her!
Wie gut, daß ihr eine nicht seid!
Von vielen gefall’ ich wohl einer:
bei einer kieste mich keine!
Soll ich dir glauben, so gleite herab!

Flosshilde taucht zu Alberich hinab
Wie törig seid ihr, dumme Schwestern,
dünkt euch dieser nicht schön!

Alberich ihr nahend
Für dumm und häßlich darf ich sie halten,
seit ich dich Holdeste seh’.

Flosshilde schmeichelnd
O singe fort so süß und fein,
wie hehr verführt es mein Ohr!

Alberich zutraulich sie berührend
Mir zagt, zuckt und zehrt sich das Herz,
lacht mir so zierliches Lob.

Flosshilde ihn sanft abwehrend
Wie deine Anmut mein Aug’ erfreut,
deines Lächelns Milde den Mut mir labt!
Sie zieht ihn selig an sich
Seligster Mann!

AlberichSüßeste Maid!

FlosshildeWärst du mir hold!

AlberichHielt dich immer!

Flosshilde ihn ganz in ihren Armen haltend
Deinen stechenden Blick, deinen struppigen Bart,
o säh ich ihn, faßt’ ich ihn stets!
Deines stachligen Haares strammes Gelock,
umflöß es Flosshilde ewig!
Deine Krötengestalt, deiner Stimme Gekrächz,
o dürft’ ich staunend und stumm
sie nur hören und sehn!

WellgundeHahahahaha!

Alberich erschreckt aus Flosshildes Armen auffahrend
Lacht ihr Bösen mich aus?

Flosshilde sich plötzlich ihm entreissend
Wie billig am Ende vom Lied!
sie taucht mit den Schwestern schnell auf

WellgundeHahahahaha!

Alberich mit kreischender Stimme
Wehe! Ach wehe! O Schmerz! O Schmerz! Wehe99


Die dritte, so traut, betrog sie mich auch?
Ihr schmählich schlaues, lüderlich schlechtes Gelichter!
Nährt ihr nur Trug, ihr treuloses Nickergezücht?

Die drei RheintöchterWallala! Lalaleia! Leialalei! Rheintöchter56
Heia! Heia! Haha! 56
Schäme dich, Albe! Schilt nicht dort unten!
Höre, was wir dich heißen!
Warum, du Banger, bandest du nicht
das Mädchen, das du minnst?
Treu sind wir und ohne Trug
dem Freier, der uns fängt.
Greife nur zu, und grause dich nicht!
In der Flut entflieh’n wir nicht leicht! Rheintöchter56
Wallala! Lalaleia! Leialalei! 56
Heia! Heia! Haha! 56
Sie schwimmen auseinander, hierher und dorthin, bald tiefer, bald höher, um Alberich zur Jagd auf sie zu reizen

AlberichWie in den Gliedern brünstige Glut
mir brennt und glüht!
Wut und Minne, wild und mächtig,
wühlt mir den Mut auf!
Wie ihr auch lacht und lügt,
lüstern lechz’ ich nach euch,
und eine muß mir erliegen!
Er macht sich mit verzweifelter Anstrengung zur Jagd auf: mit grauenhafter Behendigkeit erklimmt er Riff für Riff, springt von einem zum andern, sucht bald dieses, bald jenes der Mädchen zu erhaschen, die mit lustigem Gekreisch stets ihm entweichen. Er strauchelt, stürzt in den Abgrund hinab, klettert dann hastig wieder in die Höhe zu neuer Jagd. Sie neigen sich etwas herab. Fast erreicht er sie, stürzt abermals zurück und versucht es nochmals. Er hält endlich, vor Wut schäumend, atemlos an und streckt die geballte Faust nach den Mädchen hinauf.Rheintöchter56
kaum seiner mächtig
Fing’ eine diese Faust!...