Rheingold 2. Szene 1

Zweite Szene
Gegend auf Bergeshöhen
Allmählich sind die Wogen in Gewölke übergegangen, welches, als eine immer heller dämmernde Beleuchtung dahinter tritt, zu feinerem Nebel sich abklärt.Ring59
Als der Nebel in zarten Wölkchen gänzlich sich in der Höhe verliert, wird im Tagesgrauen eine freie Gegend auf Bergeshöhen sichtbar. – Der hervorbrechende Tag beleuchtet mit wachsendem Glanze eine Burg mit blinkenden Zinnen, die auf einem Felsgipfel im Hintergrunde steht; zwischen diesem burggekrönten Felsgipfel und dem Vordergrunde der Szene ist ein tiefes Tal, durch welches der Rhein fließt, anzunehmen. – Zur Seite auf blumigem Grunde liegt Wotan, neben ihm Fricka, beide schlafend. Die Burg ist ganz sichtbar geworden.Walhall90
Fricka erwacht; ihr Blick fällt auf die Burg; sie staunt und erschrickt
Wotan, Gemahl, erwache!

Wotan im Traume leise
Der Wonne seligen SaalRing59
bewachen mir Tür und Tor:59
Mannes Ehre, ewige Macht,Walhall90
ragen zu endlosem Ruhm!

90
Fricka rüttelt ihn
Auf, aus der Träume wonnigem Trug!
Erwache, Mann, und erwäge!

Wotan erwacht und erhebt sich ein wenig, sein Auge wird sogleich vom Anblick der Burg gefesselt
Vollendet das ewige Werk!Walhall90
Auf Berges Gipfel die Götterburg;90
prächtig prahlt der prangende Bau!90
Wie im Traum ich ihn trug,90
wie mein Wille ihn wies, stark und schön90
steht er zur Schau; hehrer, herrlicher Bau!

90
FrickaNur Wonne schafft dir, was mich erschreckt?
Dich freut die Burg, mir bangt es um Freia!
Achtloser, laß mich erinnern
des ausbedungenen Lohns!
Die Burg ist fertig, verfallen das Pfand:Vertrag83
vergaßest du, was du vergabst?

WotanWohl dünkt mich’s, was sie bedangen,Riesen58
die dort die Burg mir gebaut;
durch Vertrag zähmt’ ich ihr trotzig Gezücht,Vertrag83
daß sie die hehre Halle mir schüfen;
die steht nun, dank den Starken:Vertrag83
um den Sold sorge dich nicht.

FrickaO lachend frevelnder Leichtsinn!
Liebelosester Frohmut!
Wußt’ ich um euren Vertrag,
dem Truge hätt’ ich gewehrt;
doch mutig entferntet ihr Männer die Frauen,
um taub und ruhig vor uns,
allein mit den Riesen zu tagen:
so ohne Scham verschenktet ihr Frechen
Freia, mein holdes Geschwister,
froh des Schächergewerbs!
Was ist euch Harten doch heilig und wert,
giert ihr Männer nach Macht!

Wotan ruhigRing59
Gleiche Gier war Fricka wohl fremd,
als selbst um den Bau sie mich bat?

Ring59
FrickaUm des Gatten Treue besorgt,
muß traurig ich wohl sinnen,
wie an mich er zu fesseln,
zieht’s in die Ferne ihn fort:
herrliche Wohnung, wonniger HausratWeib101
sollten dich binden zu säumender Rast.101
Doch du bei dem Wohnbau sannst auf Wehr und Wall allein;
Herrschaft und Macht soll er dir mehren;
nur rastlosern Sturm zu erregen,
erstand dir die ragende Burg.

Wotan lächelnd
Wolltest du Frau in der Feste mich fangen,Weib101
mir Gotte mußt du schon gönnen,101
daß, in der Burg gebunden, ich mir
von außen gewinne die Welt.Walhall90
Wandel und Wechsel liebt, wer lebt;90
das Spiel drum kann ich nicht sparen!

90
FrickaLiebeloser, leidigster Mann!
Um der Macht und Herrschaft müßigen Tand
verspielst du in lästerndem Spott
Liebe und Weibes Wert?

Entsagung6
Wotan ernst
Um dich zum Weib zu gewinnen,Vertrag83
mein eines Auge setzt’ ich werbend daran;
wie törig tadelst du jetzt!
Ehr’ ich die Frauen doch mehr als dich freut;
und Freia, die gute, geb’ ich nicht auf;
nie sann dies ernstlich mein Sinn.

Fricka mit ängstlicher Spannung in die Szene blickend
So schirme sie jetzt: in schutzloser Angst
läuft sie nach Hilfe dort her!

Freia tritt wie in hastiger Flucht aufFreia142
Hilf mir, Schwester! Schütze mich, Schwäher!Angst142
Vom Felsen drüben drohte mir Fasolt,
mich Holde käm’ er zu holen.

Riesen58
WotanLaß ihn droh’n! Sahst du nicht Loge?

FrickaDaß am liebsten du immer dem Listigen traust!
Viel Schlimmes schuf er uns schon,
doch stets bestrickt er dich wieder.

WotanWo freier Mut frommt,
allein frag’ ich nach keinem.
Doch des Feindes Neid zum Nutz sich fügen,
lehrt nur Schlauheit und List,
wie Loge verschlagen sie übt.
Der zum Vertrage mir riet,
versprach mir, Freia zu lösen:
auf ihn verlass’ ich mich nun.

FrickaUnd er läßt dich allein!
Dort schreiten rasch die Riesen heran:Riesen58
wo harrt dein schlauer Gehilf’?

58
FreiaWo harren meine Brüder, daß Hilfe sie brächten,Freia142
da mein Schwäher die Schwache verschenkt?Angst142
Zu Hilfe, Donner! Hieher, hieher!142
Rette Freia, mein Froh!

FrickaDie in bösem Bund dich verrieten,
sie alle bergen sich nun!
Fasolt und Fafner, beide in riesiger Gestalt, mit starken Pfählen bewaffnet, treten aufRiesen58