Rheingold 4. Szene 1

Vierte Szene
Gegend auf Bergeshöhen
Die Szene verwandelt sich, nur in umgekehrter Weise, wie zuvor; die Verwandlung führt wieder an den Schmieden vorüber. Fortdauernde Verwandlung nach oben. Schließlich erscheint wieder die freie Gegend auf Bergeshöhen wie in der zweiten Szene; nur ist sie jetzt noch in fahle Nebel verhüllt, wie vor der zweiten Verwandlung nach Freias Abführung. – Wotan und Loge, den gebundenen Alberich mit sich führend, steigen aus der Kluft herauf.Loge
Ring
Entsagung
Wehe
Nibelungen
Angst
Riesen
Walhall
42
Wotan und Loge, den gebundenen Alberich mit sich führend, steigen aus der Kluft herauf.Jugend42
LogeDa, Vetter, sitze du fest!
Luge Liebster, dort liegt die Welt,
die du Lungrer gewinnen dir willst:
welch Stellchen, sag’,
bestimmst du drin mir zu Stall? Loge42
er schlägt ihm tanzend Schnippchen

AlberichSchändlicher Schächer! Du Schalk! Du Schelm!
Löse den Bast, binde mich los,
den Frevel sonst büßest du Frecher!

WotanGefangen bist du, fest mir gefesselt,
wie du die Welt, was lebt und webt,
in deiner Gewalt schon wähntest,
in Banden liegst du vor mir,
du Banger kannst es nicht leugnen!
Zu ledigen dich, bedarf ’s nun der Lösung.

AlberichO ich Tropf, ich träumender Tor!
Wie dumm traut’ ich dem diebischen Trug!
Furchtbare Rache räche den Fehl!

LogeSoll Rache dir frommen,
vor allem rate dich frei:
dem gebundnen Manne
büßt kein Freier den Frevel.
Drum, sinnst du auf Rache,
rasch ohne Säumen
sorg’ um die Lösung zunächst!
er zeigt ihm, mit den Fingern schnalzend, die Art der Lösung an

Loge42
Alberich barsch
So heischt, was ihr begehrt!

WotanDen Hort und dein helles Gold.

AlberichGieriges Gaunergezücht!
für sich
Doch behalt’ ich mir nur den Ring,
des Hortes entrat’ ich dann leicht;
denn von neuem gewonnen
und wonnig genährt
ist er bald durch des Ringes Gebot:
eine Witzigung wär ’s,
die weise mich macht;
zu teuer nicht zahl’ ich,
lass’ für die Lehre ich den Tand.

WotanErlegst du den Hort?

AlberichLöst mir die Hand, so ruf’ ich ihn her.
Loge löst ihm die Schlinge an der rechten Hand. Alberich berührt den Ring mit den Lippen und murmelt heimlich einen Befehl.Ring
Wehe

Goldherrschaft
59
Wohlan, die Nibelungen rief ich mir nah’. Nibelungen50
Ihrem Herrn gehorchend, hör’ ich den Hort Hort50
aus der Tiefe sie führen zu Tag: 50
nun löst mich vom lästigen Band!

WotanNicht eh’r, bis alles gezahlt.
Die Nibelungen steigen aus der Kluft herauf, mit den Geschmeiden des Hortes beladen. Während des Folgenden schichten sie den Hort auf.

Nibelungen
Wehe

Hort
50
AlberichO schändliche Schmach! 50
Daß die scheuen Knechte 50
geknebelt selbst mich ersch’aun! 50
zu den Nibelungen50
Dorthin geführt, wie ich’s befehlt’! 50
All zu Hauf schichtet den Hort! 50
Helf’ ich euch Lahmen? 50
Hieher nicht gelugt! 50
Rasch da, rasch! 50
Dann rührt euch von hinnen, 50
daß ihr mir schafft! 50
Fort in die Schachten! 50
Weh’ euch, find’ ich euch faul! 50
Auf den Fersen folg’ ich euch nach! 50
er küßt seinen Ring und streckt ihn gebieterisch aus. Wie von einem Schlage getroffen, drängen sich die Nibelungen scheu und ängstlich der Kluft zu, in die sie schnell hinabschlüpfen.Goldherrschaft50
Gezahlt hab’ ich;
nun laßt mich zieh’n:
und das Helmgeschmeid’, Tarnhelm74
das Loge dort hält, 74
das gebt mir nun gütlich zurück!

74
Loge den Tarnhelm zum Horte werfend74
Zur Buße gehört auch die Beute.

AlberichVerfluchter Dieb! Ring59
leise59
Doch nur Geduld! 59
Der den alten mir schuf, schafft einen andern: 59
noch halt’ ich die Macht, der Mime gehorcht. 59
Schlimm zwar ist’s, dem schlauen Feind
zu lassen die listige Wehr! Tarnhelm74
Nun denn! Alberich ließ euch alles:
jetzt löst, ihr Bösen, das Band.

Loge zu Wotan
Bist du befriedigt? Lass’ ich ihn frei?

WotanEin goldner Ring ragt dir am Finger;
hörst du, Alp?
Der, acht’ ich, gehört mit zum Hort.

Alberich entsetzt
Der Ring?

WotanZu deiner Lösung mußt du ihn lassen.

Alberich bebend
Das Leben, doch nicht den Ring!

Wotan heftiger
Den Reif’ verlang’ ich,
mit dem Leben mach’, was du willst!

AlberichLös’ ich mir Leib und Leben,
den Ring auch muß ich mir lösen;
Hand und Haupt, Aug’ und Ohr
sind nicht mehr mein Eigen,
als hier dieser rote Ring!

WotanDein Eigen nennst du den Ring?
Rasest du, schamloser Albe?
Nüchtern sag’,
wem entnahmst du das Gold,
daraus du den schimmernden schufst?
War’s dein Eigen, was du Arger
der Wassertiefe entwandt?
Bei des Rheines Töchtern hole dir Rat, Rheintöchtersang57
ob ihr Gold sie zu eigen dir gaben,
das du zum Ring dir geraubt!

AlberichSchmähliche Tücke! Schändlicher Trug!
Wirfst du Schächer die Schuld mir vor,
die dir so wonnig erwünscht?
Wie gern raubtest Ring59
du selbst dem Rheine das Gold,
war nur so leicht
die Kunst, es zu schmieden, erlangt?
Wie glückt es nun dir Gleißner zum Heil,
daß der Niblung, ich, aus schmählicher Not,
in des Zornes Zwange,
den schrecklichen Zauber gewann,
dess’ Werk nun lustig dir lacht?
Des Unseligen, Angstversehrten
fluchfertige, furchtbare Tat,
zu fürstlichem Tand soll sie fröhlich dir taugen,
zur Freude dir frommen mein Fluch?
Hüte dich, herrischer Gott! Ring59
Frevelte ich, so frevelt’ ich frei an mir: 59
doch an allem, was war,
ist und wird,
frevelst, Ewiger, du,
entreißest du frech mir den Ring!

WotanHer der Ring! Vertrag83
Kein Recht an ihm 83
schwörst du schwatzend dir zu. 83
er ergreift Alberich und entzieht seinem Finger mit heftiger Gewalt den Ring.

Alberich gräßlich aufschreiendRheingold54
Ha! Zertrümmert! Zerknickt!
Der Traurigen traurigster Knecht!

Entsagung6
Wotan den Ring betrachtend
Nun halt’ ich, was mich erhebt,
der Mächtigen mächtigsten Herrn! Ring59
er steckt den Ring an

LogeIst er gelöst?

WotanBind’ ihn los!

Loge löst Alberich vollends die Bande
Schlüpfe denn heim!
Keine Schlinge hält dich:
frei fahre dahin!

Alberich sich vom Boden erhebendNibelungenhass51
Bin ich nun frei? 51
mit wütendem Lachen51
Wirklich frei? 51
So grüß’ euch denn 51
meiner Freiheit erster Gruß! – 51
Wie durch Fluch er mir geriet, Fluch13
verflucht sei dieser Ring! 13
Gab sein Gold mir Macht ohne Maß, 13
nun zeug’ sein Zauber Tod dem, der ihn trägt! 13
Kein Froher soll seiner sich freun, Ring59
keinem Glücklichen lache sein lichter Glanz! 59
Wer ihn besitzt, den sehre die Sorge, Nibelungenhass51
und wer ihn nicht hat, den nage der Neid! 51
Jeder giere nach seinem Gut, 51
doch keiner genieße mit Nutzen sein! 51
Ohne Wucher hüt’ ihn sein Herr; Ring51
doch den Würger zieh’ er ihm zu! 51
Dem Tode verfallen, feßle den Feigen die Furcht:
solang er lebt, sterb’ er lechzend dahin,
des Ringes Herr als des Ringes Knecht: Wehe99
bis in meiner Hand den geraubten wieder ich halte! –
So segnet in höchster Not
der Nibelung seinen Ring!
Behalt’ ihn nun,
lachend
hüte ihn wohl:
grimmig
meinem Fluch fliehest du nicht!
er verschwindet schnell in der Kluft. Der dichte Nebelduft des Vordergrundes klärt sich allmählich auf

Wehe99
LogeLauschtest du seinem Liebesgruß?

Wotan in den Anblick des Ringes an seiner Hand versunken
Gönn’ ihm die geifernde Lust!
es wird immer hellerRiesen58