Rienzi 1. Aufzug 1

Rienzi
Der Letzte der Tribunen
Entstehung: 1837-1840
Première: Dresden 1842
Erster Aufzug
Nr. 1. Introduktion
Eine Straße Roms, welche im Hintergrunde durch die Lateran-Kirche begrenzt wird; im Vordergrunde rechts das Haus Rienzis. Es ist Nacht. – Orsini mit sechs bis acht seiner Anhänger vor dem Hause des Rienzi.
OrsiniHier ist’s, hier ist’s! Frisch auf, ihr Freunde.
Zum Fenster legt die Leiter ein!
Zwei Nobili legen eine Leiter an das Haus und steigen durch das geöffnete Fenster ein.
Das schönste Mädchen Roms sei mein;
ihr sollt mich loben, ich versteh’s.
Die beiden Nobili bringen Irene aus dem Hause.

IreneZu Hilfe! Zu Hilfe! O Gott!

Die OrsiniHa, welche lustige Entführung
aus des Plebejers Haus!

IreneBarbaren! Wagt ihr solche Schmach?

Die OrsiniNur nicht gesperrt, du hübsches Kind,
du siehst, der Freier sind sehr viel!

OrsiniSo komm doch, Närrchen, sei nicht bös,
dein Schad’ ist’s nicht, kennst du mich erst.

IreneWer rettet mich?

Die OrsiniHaha, sie ist schön! Nur fort ins Gemach!
Sie schleppen Irene fort. Colonna mit acht seiner Anhänger tritt ihnen entgegen und treibt sie zurück.

ColonnaOrsini ist’s! – Zieht für Colonna!

OrsiniHa, die Colonna! – Zieht für Orsini!

Die ColonnaColonna hoch!

Die OrsiniOrsini hoch!

ColonnaNehmt euch das Mädchen!

OrsiniHaltet sie fest!
Sie kämpfen. Adriano kommt mit Gewaffneten.

AdrianoWas für ein Streit? – Auf, für Colonna!
Neuer Kampf.
Was seh’ ich? Gott! Das ist Irene!
Laßt los! Ich schütze dieses Weib!
Er bricht sich Bahn zu Irene und befreit sie.

ColonnaHa brav, mein Sohn! Sie sei für dich!

AdrianoRührt sie nicht an! Mein Blut für sie!

OrsiniEr spielt fürwahr den Narren gut!
Doch diesmal ist sie noch für mich!
Er greift Adriano an.

Colonna zu den Seinigen
Nun, seht nicht zu! Schlagt los!

Die ColonnaColonna!
Neuer Kampf. Der Lärm hat allmählich eine starke Anzahl Volkes versammelt.

VolkHa, welcher Lärm! Laßt ab vom Kampf!

OrsiniDas fehlte noch!

ColonnaSchlagt alles nieder!
Das Volk greift zu Steinen und Stöcken.

VolkNieder mit Colonna! Nieder mit Orsini!
Allgemeiner Streit. Der Kardinal kommt mit Gefolge.

KardinalVerwegne! Lasset ab vom Streit!
Zur Ruhe ruf’ ich, der Legat.

ColonnaHerr Kardinal, geht in die Kirche,
und laßt die Straße nun für uns!

KardinalHa, welche Frechheit!

OrsiniLest die Messe!
Macht Euch von hinnen!

KardinalUnverschämte!
Ich, der Legat des Heil’gen Vaters!

ColonnaFort, heil’ger Rotrock!

VolkHört die Lästrer!

NobiliDrauflos! Macht Platz, Herr Kardinal!
Erneut heftiger Kampf. Der Kardinal kommt ins Gedränge, das Volk beschützt ihn. – Rienzi kommt mit Baroncelli und Cecco.

RienziZur Ruhe! –
zum Volke
Und ihr, habt ihr
vergessen, was ihr mir geschworen? –
Das Volk, das den Kardinal gerettet hat, läßt sogleich bei Rienzis Erscheinen vom Streite ab. Die Nobili sind durch Erstaunen über Rienzis gebieterisches Auftreten und dessen augenscheinliche Gewalt über das Volk sprachlos gefesselt.
zu den Nobili
Ist dies die Achtung vor der Kirche,
die eurem Schutze anvertraut?
Irene eilt auf Rienzi zu und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust. Rienzi erblickt die Leiter am offenen Fenster und scheint sogleich zu verstehen, was vorgefallen ist. Er wirft den Nobili einen tödlichen Blick zu.
Dies ist eu’r Handwerk, daran erkenn’ ich euch!
Als zarte Knaben würgt ihr unsre Brüder,
und unsre Schwestern möchtet ihr entehren!
Was bleibt zu den Verbrechen auch noch übrig?
Das alte Rom, die Königin der Welt,
macht ihr zur Räuberhöhle, schändet selbst
die Kirche; Petri Stuhl muß flüchten
zum fernen Avignon; kein Pilger wagt’s,
nach Rom zu ziehn zum frommen Völkerfeste,
denn ihr belagert, Räubern gleich, die Wege.
Verödet, arm, versiecht das stolze Rom,
und was dem Ärmsten blieb, das raubt ihr ihm,
brecht, Dieben gleich, in seine Läden ein,
erschlagt die Männer, entehrt die Weiber: –
blickt um euch denn, und seht, wo ihr dies treibt!
Seht, jene Tempel, jene Säulen sagen euch:
es ist das alte, freie, große Rom,
das einst die Welt beherrschte, dessen Bürger
Könige der Könige sich nannten!
Verbrecher, sagt mir, gibt es noch Römer?

VolkHa, Rienzi! Rienzi! Hoch Rienzi!

NobiliHa, welche Frechheit! Hört ihr ihn?

OrsiniUnd wir? Reißt ihm die Zunge aus!

ColonnaO laßt ihn schwatzen! Dummes Zeug!

OrsiniPlebejer!

ColonnaKomm morgen in mein Schloß,
Signor Notar, und hol dir Geld
für deine schön studierte Rede!

NobiliHaha! Den Narren, lacht ihn aus!

OrsiniLacht ihn aus!

ColonnaLacht ihn aus!

OrsiniEr stammt gewiß aus edlem Haus.

ColonnaGanz gewiß!

NobiliVerehret ja den großen Herrn,
er kann zwar nicht, doch möcht er gern!

VolkHört ihr den Spott der Frechen an?
Mit einem Streiche sei’s getan!

RienziZurück, ihr Freunde, haltet ein!
Nicht fern wird die Vergeltung sein!
Zurück! Gedenket eures Schwures!

OrsiniNun denn, so macht dem Spaß ein End’!
Der Streit ist halb, wir fechten aus.

ColonnaNicht in den Straßen vor Plebejern,
am Tagesanbruch vor den Toren.

OrsiniIch stelle mich mit voller Schar.

ColonnaDie Lanzen vor, Mann gegen Mann!
Zum Kampfe für Colonna!
OrsiniZum Kampfe für Orsini!

NobiliZum Kampfe für Colonna/Orsini!
Hinaus, gerüstet zum Kampfe,
mit Speer und Lanze zu Pferd!
In Frührots nebligem Dampfe
zieht für Orsini/Colonna das Schwert!

VolkZum Kampfe ziehn die Frechen
das übermüt’ge Schwert.
Wann wirst die Schmach du rächen
und schützen unsren Herd?

Die ColonnaFür Colonna!

Die OrsiniFür Orsini!
Die Nobili entfernen sich unter großem Getümmel.

Rienzi der bisher in nachsinnendes Schweigen versunken war
Für Rom!
Das Volk drängt sich näher an Rienzi.
Sie ziehen aus den Toren;
nun denn, ich will sie euch verschließen!

KardinalWann endlich machst du Ernst, Rienzi,
und brichst der Übermüt’gen Macht?

BaroncelliRienzi, wann erscheint der Tag,
den du verheißen und gelobt?

CeccoWann kommt der Friede, das Gesetz,
der Schutz vor jedem Übermut?

VolkRienzi, sieh, wir halten Treu!
O Römer, wann machst du uns frei?

Rienzi Den Kardinal beiseit’ nehmend
Herr Kardinal, bedenkt, was Ihr verlangt!
Kann stets ich auf die heil’ge Kirche baun?

KardinalHalt fest im Aug’ das Ziel, und jedes Mittel,
erreichst du jenes sicher, sei geheiligt!

RienziWohlan, so mag es sein! Die Nobili
verlassen bald die Stadt: die Zeit ist da!
Ihr Freunde, ruhig geht in eure Häuser,
und rüstet euch, zu beten für die Freiheit!
Doch höret ihr der Trompete Ruf
in langgehaltnem Klang ertönen,
dann wachet auf, eilet all herbei,
Freiheit verkünd’ ich Romas Söhnen!
Doch würdig, ohne Raserei,
zeig’ jeder, daß er Römer sei!
Willkommen nennet so den Tag,
er räche euch und eure Schmach!

KardinalDem hohen Werke steh’ ich bei,
daß segensvoll und heilsam es sei!
Willkommen sei der nahe Tag,
er räche unsre Schmach!

VolkWir schwören dir Gehorsam treu,
und bald sei Roma wieder frei!
Willkommen sei der hohe Tag,
er räche uns und unsre Schmach!