Rienzi 4. Aufzug 2

Nr. 12. Finale
Es naht ein feierlicher Zug, der sich dem Eingang des Lateran zuwendet; die Verschworenen halten die Treppe der Kirche besetzt. – Der Zug hat sich vor der Kirche gruppiert; Rienzi und Irene, in Friedensgewändern, langen auf der Szene an. – Als Rienzi der Treppe der Kirche naht, hält er beim Anblick der Verschworenen still, welche ihm weniger durch Gebärden als durch ihre eingenommene Stellung den Eintritt streitig zu machen scheinen.
Rienzi ernst zu den Verschworenen
Ihr nicht beim Feste? Achtet ihr
so gering den Sieg, nicht Dankes wert?

Adriano unter den Verschworenen in seinen Mantel gehüllt
O Gott! Irene an seiner Seite!
Ihn schützt ein Engel; wie vollend’ ich’s?

RienziWie, oder ist der Mut dahin,
da ihr die Brüder fallen saht?
Sind dafür jene nicht vernichtet,
die sonst, als ihr noch friedlich waret,
euch Väter, Söhne kalt erschlugen
und eure Weiber schändeten?
O, für wie weit geringre Not
weiht’ einst der Römer sich dem Tod!
Doch ihr schlugt euch für Ehr und Ruhm,
für eurer Freiheit Heiligtum!
Die Verschworenen sind wie geschlagen; keiner wagt die Augen zu erheben.
Ihr habt gesiegt, o laßt mich nimmer glauben,
daß ihr den Sieg, der Ruhm euch gab, verwünschet!
Baut fest auf mich, den Tribunen!
Haltet getreu an meiner Seite!
Gott, der bis hier mich führte,
Gott steht mir bei, verläßt mich nie.
Die Verschworenen teilen sich ehrfurchtsvoll unter dem Ruf:

Chor der VerschworenenLang lebe der Tribun!

Adriano für sich
Ha, feige Sklaven!
Soll ich allein? Soll vor Irenen selbst?
Rienzi und der Zug lassen sich an, die Treppe der Kirche zu besteigen; Adriano tut einen zweifelhaften Griff nach dem Dolche; da hört man aus dem Innern des Lateran den Gesang der Mönche; von Schauer ergriffen halten Rienzi und der Zug plötzlich an.

Die PriesterVae, vae tibi maledicto!
Jam te justus ense stricto
vindex manet angelus.

RienziWie schauerlich! Welch ein Te Deum?

Die PriesterVae, spem nullam maledictus
foveat, Gehennae rictus
jamjam hiscit flammeus!

VolkUns faßt ein Grauen, welche Töne!
Rienzi ermannt sich und gibt ein Zeichen, worauf sich der Zug schnell wieder ordnet und nach der Treppe zu in Bewegung setzt. Als Rienzi auf der Hälfte der Treppe angelangt ist, erscheint am großen Portale der Kardinal, umgeben von Priestern.

KardinalZurück, dem Reinen nur
erschließt die Kirche sich!
Du aber bist verflucht,
im Bann ist, wer dir treu!

VolkFliehet ihn! Er ist verflucht!
Alles flieht entsetzt von der Bühne. – Der Kardinal und die Priester haben sich sogleich in die Kirche zurückgezogen. Die Kirchenpforten sind schnell geschlossen worden; an ihnen angeheftet erblickt man die Bannbulle; unmittelbar unter derselben steht Adriano. – Rienzi ist entsetzt bis in die Mitte der Szene zurückgewankt, wo er bis zum Schluß des Auftrittes bewegungslos, wie in dumpfer Betäubung stehen bleibt. Irene ist bewußtlos an seiner Seite zusammengesunken. Lange Pause auf der Bühne. Wie aus dem tiefen Inneren der Kirche wird der Gesang der Mönche gehört:

Mönche IN der KircheVae, vae tibi maledicto!
Jam te justus ense stricto
vindex manet angelus.
Vae, spem nullam maledictus
foveat, Gehennae rictus
jamjam hiscit flammeus!
Adriano, der die Bühne nicht verlassen hat, die in einem Augenblicke leer geworden ist, verläßt seine Stelle und naht unsicher wankenden Schrittes Irene.

Adriano zu der am Boden hingestreckten Irene sich herabbeugend
Irene! Komm, flieh diesen Ort –
Zu mir! Ich bin dein Adriano!

Irene sich langsam aufrichtend
Du hier? Was willst du? Was geschah?

AdrianoDer Boden brennt zu deinen Füßen!
Auf, eile, flieh! Dein Freund bin ich,
sieh her, ich bin’s, dein Geliebter!

IreneMein Bruder? Sag, wo ist mein Bruder?

AdrianoDer ist verflucht und ausgestoßen
vom Heile des Himmels und der Erden;
verflucht ist mit ihm, wer ihm zur Seite;
drum rette dich, flieh seine Nähe!

IreneMein Bruder! – Ha, hinweg, Unsel’ger!
Sich an Rienzis Brust werfend.
Rienzi! Rienzi! O mein Bruder!

Adriano wütend
Wahnsinnige! Verdirb mit ihm!
Er stürzt ab.

Rienzi aus seiner Betäubung erwachend, fühlt Irene an seiner Brust, richtet sie auf und blickt ihr gerührt in die Augen
Irene, du? Noch gibt’s ein Rom!
Sie verweilen in einer langen Umarmung.

Mönche im LateranVae, vae tibi maledicto!
Jam te justus ense stricto
vindex manet angelus.
Während des Gesanges der Mönche in der Kirche sinkt der Vorhang langsam herab.