Siegfried 1. Aufzug 1. Szene 1

Siegfried
2. Tag des Bühnenfestspiels
«Der Ring des Nibelungen»
Entstehung: 1851-1871
Première: Bayreuth 1876
Erster Aufzug
Vorspiel und Erste Szene233050596599Grübel
Hort
Nibelungen
Ring
Schwert
Wehe
Wald. Den Vordergrund bildet ein Teil einer Felsenhöhle, die sich links tiefer nach innen zieht, nach rechts aber gegen drei Vierteile der Bühne einnimmt. Zwei natürlich gebildete Eingänge stehen dem Walde zu offen: der eine nach rechts, unmittelbar im Hintergrunde, der andere, breitere, ebenda seitwärts. An der Hinterwand, nach links zu, steht ein großer Schmiedeherd, aus Felsstücken natürlich geformt; künstlich ist nur der große Blasebalg: die rohe Esse geht – ebenfalls natürlich – durch das Felsendach hinauf. Ein sehr großer Amboß und andre Schmiedegerätschaften.99
Mime sitzt, als der Vorhang nach einem kurzen Orchestervorspiel aufgeht, am Ambosse und hämmert mit wachsender Unruhe an einem Schwerte: endlich hält er unmutig ein 99
Zwangvolle Plage! Müh’ ohne Zweck! 50Nibelungen
Das beste Schwert, das je ich geschweißt, 50
in der Riesen Fäusten hielte es fest; 50
doch dem ich’s geschmiedet, 50
der schmähliche Knabe, 50
er knickt und schmeißt es entzwei, 50
als schüf’ ich Kindergeschmeid! 50
Mime wirft das Schwert unmutig auf den Amboß, stemmt die Arme ein und blickt sinnend zu Boden 5023Grübel
Es gibt ein Schwert, 65Schwert
das er nicht zerschwänge:
Notungs Trümmer zertrotzt’ er mir nicht,
könnt’ ich die starken Stücke schweißen, 5099Nibelungen
die meine Kunst nicht zu kitten weiß! 5099Wehe
Könnt’ ich’s dem Kühnen schmieden, 5065Schwert
meiner Schmach erlangt’ ich da Lohn!
Er sinkt tiefer zurück und neigt sinnend das Haupt 23Grübel
Fafner, der wilde Wurm, 106Wurm
lagert im finstren Wald; 106
mit des furchtbaren Leibes Wucht 106
der Niblungen Hort hütet er dort. 106
Siegfrieds kindischer Kraft 10665Schwert
erläge wohl Fafners Leib:
des Niblungen Ring erränge er mir. 59Ring
Nur ein Schwert taugt zu der Tat;
nur Notung nützt meinem Neid, 65Schwert
wenn Siegfried sehrend ihn schwingt: 6543Machtdünkel
und ich kann’s nicht schweißen,
Notung, das Schwert!
Er hat das Schwert wieder zurechtgelegt und hämmert in höchstem Unmut daran weiter 50Nibelungen
Zwangvolle Plage! Müh’ ohne Zweck! 50
Das beste Schwert, das je ich geschweißt, 50
nie taugt es je zu der einzigen Tat! 50
Ich tappre und hämmre nur, 50
weil der Knabe es heischt: 50
er knickt und schmeißt es entzwei,
und schmäht doch, schmied’ ich ihm nicht!
Er läßt den Hammer fallen
Siegfried, in wilder Waldkleidung, mit einem silbernen Horn an einer Kette, kommt mit jähem Ungestüm aus dem Walde herein; er hat einen großen Bären mit einen Bastseile gezäumt und treibt diesen mit lustigem Übermute gegen Mime an

29Horn
SiegfriedHoiho! Hoiho! Hau’ ein! Hau’ ein! 29
Friß ihn! Friß ihn! Den Fratzenschmied! 29
Er lacht unbändig. 29
Mimen entsinkt vor Schreck das Schwert; er flüchtet hinter den Herd; Siegfried treibt ihm den Bären überall nach

29
MimeFort mit dem Tier! 29
Was taugt mir der Bär?

29
SiegfriedZu zwei komm ich, 29
dich besser zu zwicken: 29
Brauner, frag’ nach dem Schwert!

29
MimeHe! Laß das Wild! 29
Dort liegt die Waffe: 29
fertig fegt’ ich sie heut’.

29
SiegfriedSo fährst du heute noch heil!
Er löst dem Bären den Zaum und gibt ihm damit einen Schlag auf den Rücken
Lauf’, Brauner!
Dich brauch’ ich nicht mehr!
Der Bär läuft in den Wald zurück

29Horn
Mime kommt zitternd hinter dem Herde hervor 29
Wohl leid’ ich’s gern, erlegst du Bären: 29
was bringst du lebend die braunen heim?

29
Siegfried setzt sich, um sich vom Lachen zu erholen
Nach beßrem Gesellen sucht’ ich,
als daheim mir einer sitzt;
im tiefen Walde mein Horn
ließ ich hallend da ertönen:
ob sich froh mir gesellte ein guter Freund,
das frug ich mit dem Getön’! 29Horn
Aus dem Busche kam ein Bär,
der hörte mir brummend zu;
er gefiel mir besser als du,
doch beßre fänd’ ich wohl noch!
Mit dem zähen Baste zäumt’ ich ihn da,
dich, Schelm, nach dem Schwerte zu fragen.
Er springt auf und geht auf den Amboß zu

Mime nimmt das Schwert auf, um es Siegfried zu reichen
Ich schuf die Waffe scharf, 3Arbeit
ihrer Schneide wirst du dich freun. 3
Er hält das Schwert ängstlich in der Hand fest, das Siegfried ihm heftig entwindet

3
SiegfriedWas frommt seine helle Schneide, 3
ist der Stahl nicht hart und fest! 3
das Schwert mit der Hand prüfend
Hei! Was ist das für müß’ger Tand! 67Siegfried
Den schwachen Stift nennst du ein Schwert?
Er zerschlägt es auf dem Amboß, daß die Stücken ringsum fliegen; Mime weicht erschrocken aus
Da hast du die Stücken, schändlicher Stümper: 34Jugendkraft
hätt’ ich am Schädel dir sie zerschlagen! 34
Soll mich der Prahler länger noch prellen? 34
Schwatzt mir von Riesen und rüstigen Kämpfen, 3458Riesen
von kühnen Taten und tüchtiger Wehr; 3458
will Waffen mir schmieden, Schwerte schaffen; 3458
rühmt seine Kunst, 3458
als könnt’ er was Rechts: 34
nehm’ ich zur Hand nun, 34
was er gehämmert, 34
mit einem Griff zergreif’ ich den Quark! 34
Wär’ mir nicht schier zu schäbig der Wicht, 34
ich zerschmiedet’ ihn selbst mit seinem Geschmeid, 34
den alten albernen Alp! 34
Des Ärgers dann hätt’ ich ein End’! 34
Siegfried wirft sich wütend auf eine Steinbank zur Seite rechts. Mime ist ihm immer vorsichtig ausgewichen. 34