Siegfried 1. Aufzug 1. Szene 2

MimeNun tobst du wieder wie toll: 34Jugendkraft
dein Undank, traun, ist arg! 34
Mach’ ich dem bösen Buben 34
nicht alles gleich zu best, 34
was ich ihm Gutes schuf, 45Mime
vergißt er gar zu schnell! 45
Willst du denn nie gedenken,
was ich dich lehrt’ vom Danke?
Dem sollst du willig gehorchen,
der je sich wohl dir erwies.
Siegfried wendet sich unmutig um, mit dem Gesicht nach der Wand, so daß er Mime den Rücken kehrt 34Jugendkraft
Das willst du wieder nicht hören!
Er steht verlegen; dann geht er in die Küche am Herd
Doch speisen magst du wohl? 45Mime
Vom Spieße bring’ ich den Braten: 45
versuchtest du gern den Sud? 45
Für dich sott ich ihn gar. 45
Er bietet Siegfried Speise hin; dieser, ohne sich umzuwenden, schmeißt ihm Topf und Braten aus der Hand

34Jugendkraft
SiegfriedBraten briet ich mir selbst: 34
deinen Sudel sauf’ allein!

Mime stellt sich empfindlich. Mit kläglich kreischender Stimme
Das ist nun der Liebe schlimmer Lohn! 45Mime
Das der Sorgen schmählicher Sold! 45
Als zullendes Kind zog ich dich auf, 4645Mimes Erziehungslied
wärmte mit Kleiden den kleinen Wurm: 4645
Speise und Trank trug ich dir zu, 4645
hütete dich wie die eigne Haut. 4645
Und wie du erwuchsest, wartet’ ich dein; 4645
dein Lager schuf ich, daß leicht du schliefst. 4645
Dir schmiedet’ ich Tand und ein tönend Horn; 464529Horn
dich zu erfreun, müht’ ich mich froh: 4645
mit klugem Rate riet ich dir klug, 4645
mit lichtem Wissen lehrt’ ich dich Witz. 4645
Sitz’ ich daheim in Fleiß und Schweiß, 4645
nach Herzenslust schweifst du umher: 4645
für dich nur in Plage, in Pein nur für dich 4645
verzehr’ ich mich alter, armer Zwerg! 4645
schluchzend 4645
Und aller Lasten ist das nun mein Lohn, 4645
daß der hastige Knabe mich quält und haßt! 4645
schluchzend
Siegfried hat sich wieder umgewendet und ruhig in Mimes Blick geforscht. Mime begegnet Siegfrieds Blick und sucht den seinigen scheu zu bergen

SiegfriedVieles lehrtest du, Mime,
und manches lernt’ ich von dir;
doch was du am liebsten mich lehrtest,
zu lernen gelang mir nie:
wie ich dich leiden könnt’. 34Jugendkraft
Trägst du mir Trank und Speise herbei, 45Mime
der Ekel speist mich allein; 34Jugendkraft
schaffst du ein leichtes Lager zum Schlaf, 45Mime
der Schlummer wird mir da schwer; 34Jugendkraft
willst du mich weisen, witzig zu sein, 45Mime
gern bleib’ ich taub und dumm. 34Jugendkraft
Seh’ ich dir erst mit den Augen zu, 34
zu übel erkenn’ ich, was alles du tust: 34
seh’ ich dich stehn, gangeln und gehn, 45Mime
knicken und nicken, mit den Augen zwicken: 45
beim Genick möcht’ ich den Nicker packen, 45
den Garaus geben dem garst’gen Zwicker! 45
So lernt’ ich, Mime, dich leiden. 45
Bist du nun weise, so hilf mir wissen,
worüber umsonst ich sann:
in den Wald lauf’ ich, dich zu verlassen,
wie kommt das, kehr ich zurück?
Alle Tiere sind mir teurer als du:
Baum und Vogel, die Fische im Bach,
lieber mag ich sie leiden als dich:
wie kommt das nun, kehr’ ich zurück?
Bist du klug, so tu mir’s kund.

Mime setzt sich in einiger Entfernung ihm traulich gegenüber 39Liebessehnsucht
Mein Kind, das lehrt dich kennen,
wie lieb ich am Herzen dir lieg’.

Siegfried lachend
Ich kann dich ja nicht leiden,
vergiß das nicht so leicht!

Mime fährt zurück und setzt sich wieder abseits, Siegfried gegenüber
Des ist deine Wildheit schuld, 45Mime
die du, Böser, bänd’gen sollst. 45
Jammernd verlangen Junge 39Liebessehnsucht
nach ihrer Alten Nest;
Liebe ist das Verlangen;
so lechzest du auch nach mir, 39Liebessehnsucht
so liebst du auch deinen Mime,
so mußt du ihn lieben!
Was dem Vögelein ist der Vogel,
wenn er im Nest es nährt
eh’ das flügge mag fliegen:
das ist dir kind’schem Sproß
der kundig sorgende Mime,
das muß er dir sein!

SiegfriedEi, Mime, bist du so witzig,
so laß mich eines noch wissen!
Es sangen die Vöglein so selig im Lenz, 39Liebessehnsucht
das eine lockte das andre: 39
du sagtest selbst, 39
da ich’s wissen wollt’, 39
das wären Männchen und Weibchen. 39
Sie kosten so lieblich, 39
und ließen sich nicht; 39
sie bauten ein Nest 39
und brüteten drin: 39
da flatterte junges Geflügel auf, 39
und beide pflegten der Brut. 39
So ruhten im Busch auch Rehe gepaart, 39
selbst wilde Füchse und Wölfe: 39
Nahrung brachte zum Neste das Männchen, 39
das Weibchen säugte die Welpen. 39
Da lernt’ ich wohl, was Liebe sei: 39
der Mutter entwandt’ ich die Welpen nie. 39
Wo hast du nun, Mime,
dein minniges Weibchen,
daß ich es Mutter nenne?

Mime ärgerlich
Was ist dir, Tor? Ach, bist du dumm!
Bist doch weder Vogel noch Fuchs?

SiegfriedDas zullende Kind zogest du auf, 46Mimes Erziehungslied
wärmtest mit Kleiden den kleinen Wurm: 46
wie kam dir aber der kindische Wurm?
Du machtest wohl gar ohne Mutter mich?

Mime in großer Verlegenheit
Glauben sollst du, was ich dir sage:
ich bin dir Vater und Mutter zugleich.

SiegfriedDas lügst du, garstiger Gauch! 34Jugendkraft
Wie die Jungen den Alten gleichen,
das hab’ ich mir glücklich ersehn.
Nun kam ich zum klaren Bach:
da erspäht’ ich die Bäum’ und Tier’ im Spiegel;
Sonn’ und Wolken, wie sie nur sind,
im Glitzer erschienen sie gleich.
Da sah ich denn auch mein eigen Bild; 6793Siegfried
Wälsungen
ganz anders als du dünkt’ ich mir da:
so glich wohl der Kröte ein glänzender Fisch; 102Wellen
doch kroch nie ein Fisch aus der Kröte!

Mime höchst ärgerlich
Gräulichen Unsinn kramst du da aus!

Siegfried immer lebendiger
Siehst du, nun fällt auch selbst mir ein, 39Liebessehnsucht
was zuvor umsonst ich besann: 39
wenn zum Wald ich laufe, dich zu verlassen, 39
wie das kommt, kehr’ ich doch heim? 39
er springt auf 39
Von dir erst muß ich erfahren, 39
wer Vater und Mutter mir sei!

Mime weicht ihm aus
Was Vater! Was Mutter!
Müßige Frage!

Siegfried packt ihn bei der Kehle
So muß ich dich fassen, 34Jugendkraft
um was zu wissen: 34
gutwillig erfahr’ ich doch nichts! 34
So mußt’ ich alles ab dir trotzen: 34
kaum das Reden hätt’ ich erraten,
entwandt ich’s mit Gewalt nicht dem Schuft!
Heraus damit, räudiger Kerl!
Wer ist mir Vater und Mutter?