Siegfried 1. Aufzug 1. Szene 3

Mime nachdem er mit dem Kopfe genickt und mit den Händen gewinkt, ist von Siegfried losgelassen worden
Ans Leben gehst du mir schier!
Nun laß! Was zu wissen dich geizt,
erfahr’ es, ganz wie ich’s weiß.
O undankbares, arges Kind!45Mime
Jetzt hör’, wofür du mich hassest!45
Nicht bin ich Vater noch Vetter dir,45
und dennoch verdankst du mir dich!
Ganz fremd bist du mir, dem einzigen Freund;
aus Erbarmen allein barg ich dich hier:
nun hab’ ich lieblichen Lohn!
Was verhofft’ ich Tor mir auch Dank?
Einst lag wimmernd ein Weib9469Wälsungenleid
Sieglinde
da draußen im wilden Wald:9469
zur Höhle half ich ihr her,9469
am warmen Herd sie zu hüten.
Ein Kind trug sie im Schoße;35Liebe
traurig gebar sie’s hier;35
sie wand sich hin und her,35
ich half, so gut ich konnt’.35
Groß war die Not! Sie starb,94Wälsungenleid
doch Siegfried, der genas.

67Siegfried
Siegfried sinnend
So starb meine Mutter an mir?

94Wälsungenleid
MimeMeinem Schutz übergab sie dich:94
ich schenkt’ ihn gern dem Kind.94
Was hat sich Mime gemüht,94
was gab sich der Gute für Not!
«Als zullendes Kind46Mimes Erziehungslied
zog ich dich auf....»

46
SiegfriedMich dünkt, des gedachtest du schon!67Siegfried
Jetzt sag’: woher heiß’ ich Siegfried?

67
MimeSo hieß mich die Mutter,67
möcht’ ich dich heißen:67
als «Siegfried» würdest du stark und schön.
«Ich wärmte mit Kleiden den kleinen Wurm....»

46Mimes Erziehungslied
SiegfriedNun melde, wie hieß meine Mutter?

94Wälsungenleid
MimeDas weiß ich wahrlich kaum!
«Speise und Trank trug ich dir zu....»

46Mimes Erziehungslied
SiegfriedDen Namen sollst du mir nennen!

94Wälsungenleid
MimeEntfiel er mir wohl? Doch halt!
Sieglinde mochte sie heißen,
die dich in Sorge mir gab.
«Ich hütete dich wie die eigne Haut....»

46Mimes Erziehungslied
Siegfried immer dringender
Dann frag’ ich, wie hieß mein Vater?

94Wälsungenleid
Mime barsch94
Den hab’ ich nie gesehn.

94
SiegfriedDoch die Mutter nannte den Namen?

94
MimeErschlagen sei er, das sagte sie nur;
dich Vaterlosen befahl sie mir da.
«Und wie du erwuchsest, wartet’ ich dein;46Mimes Erziehungslied
dein Lager schuf ich, daß leicht du schliefst....»

46
SiegfriedStill mit dem alten Starenlied!
Soll ich der Kunde glauben,
hast du mir nichts gelogen,
so laß mich Zeichen sehn!

MimeWas soll dir’s noch bezeugen?

SiegfriedDir glaub’ ich nicht mit dem Ohr’,
dir glaub’ ich nur mit dem Aug’:
welch Zeichen zeugt für dich?

Mime holt nach einigem Besinnen die zwei Stücke eines zerschlagenen Schwerts herbei236550Nibelungen
Schwert
Grübel
Das gab mir deine Mutter:50
für Mühe, Kost und Pflege50
ließ sie’s als schwachen Lohn.50
Sieh’ her, ein zerbrochnes Schwert!50
Dein Vater, sagte sie, führt’ es,50
als im letzten Kampf er erlag.

50
Siegfried begeistert65Schwert
Und diese Stücke sollst du mir schmieden:
dann schwing’ ich ein rechtes Schwert!
Auf! Eile dich, Mime!34Jugendkraft
Mühe dich rasch;34
kannst du was Rechts,34
nun zeig’ deine Kunst!34
Täusche mich nicht mit schlechtem Tand:34
den Trümmern allein trau’ ich was zu!3465Schwert
Find’ ich dich faul, fügst du sie schlecht,3465
flickst du mit Flausen den festen Stahl,3465
dir Feigem fahr’ ich zu Leib’,
das Fegen lernst du von mir!
Denn heute noch, schwör’ ich,
will ich das Schwert;
die Waffe gewinn’ ich noch heut’!

65Schwert
Mime erschrocken
Was willst du noch heut’ mit dem Schwert?

SiegfriedAus dem Wald fort in die Welt ziehn:97Wanderlied
nimmer kehr’ ich zurück!97
Wie ich froh bin, daß ich frei ward,97
nichts mich bindet und zwingt!
Mein Vater bist du nicht;34Jugendkraft
in der Ferne bin ich heim;34
dein Herd ist nicht mein Haus,34
meine Decke nicht dein Dach.34
Wie der Fisch froh in der Flut schwimmt,97Wanderlied
wie der Fink frei sich davon schwingt:97
flieg’ ich von hier, flute davon,9715Freiheit
wie der Wind übern Wald weh’ ich dahin,97
dich, Mime, nie wieder zu sehn!97
Er stürmt in den Wald fort

97
Mime in höchster Angst97
Halte! Halte! Wohin?
Er ruft mit der größten Anstrengung in den Wald
He! Siegfried! Siegfried! He!
Er sieht dem Fortstürmenden eine Weile staunend nach; dann kehrt er in die Schmiede zurück und setzt sich hinter den Amboß97Wanderlied
Da stürmt er hin! Nun sitz’ ich da:
zur alten Not hab’ ich die neue;
vernagelt bin ich nun ganz! –
Wie helf’ ich mir jetzt?5023Nibelungen
Grübel
Wurm
Wie halt’ ich ihn fest?50106
Wie führ’ ich den Huien zu Fafners Nest?50106
Wie füg’ ich die Stücken des tückischen Stahls?5099Wehe
Keines Ofens Glut glüht mir die echten;5099
keines Zwergen Hammer zwingt mir die harten.5099
grell
Des Niblungen Neid,
Not und Schweiß nietet mir Notung nicht,
schweißt mir das Schwert nicht zu ganz!96Wanderer
Mime knickt verzweifelnd auf dem Schemel hinter dem Amboß zusammen96