Siegfried 2. Aufzug 1. Szene

Zweiter Aufzug
Vorspiel51591310611Nibelungenhass
Ring
Fluch
Wurm
Fafner
Erste Szene11
Tiefer Wald. – Ganz im Hintergrunde die Öffnung einer Höhle. Der Boden hebt sich bis zur Mitte der Bühne, wo er eine kleine Hochebene bildet; von da senkt er sich nach hinten, der Höhle zu, wieder abwärts, so daß von dieser nur der obere Teil der Öffnung dem Zuschauer sichtbar ist. Links gewahrt man durch Waldbäume eine zerklüftete Felsenwand. Finstere Nacht, am dichtesten über dem Hintergrunde, wo anfänglich der Blick des Zuschauers gar nichts zu unterscheiden vermag.11
Alberich an der Felsenwand zur Seite gelagert, düster brütend
In Wald und Nacht vor Neidhöhl’ halt’ ich Wacht:51Nibelungenhass
es lauscht mein Ohr, mühvoll lugt mein Aug’.51
Banger Tag, bebst du schon auf?
Dämmerst du dort durch das Dunkel her?
Aus dem Walde von rechts her erhebt sich ein Sturmwind; ein bläulicher Glanz leuchtet von ebendaher6080Ritt
Welcher Glanz glitzert dort auf?6080Unruhe
Näher schimmert ein heller Schein;6080
es rennt wie ein leuchtendes Roß,6080
bricht durch den Wald brausend daher.6080
Naht schon des Wurmes Würger?
Ist’s schon, der Fafner fällt?
Der Sturmwind legt sich wieder; der Glanz verlischt13Fluch
Das Licht erlischt,
der Glanz barg sich dem Blick:11Fafner
Nacht ist’s wieder.13Fluch
Der Wanderer tritt aus dem Wald und hält Alberich gegenüber an
Wer naht dort schimmernd im Schatten?

51Nibelungenhass
Der WandererZur Neidhöhle fuhr ich bei Nacht:
wen gewahr’ ich im Dunkel dort?
Wie aus einem plötzlich zerreißenden Gewölk bricht Mondschein herein und beleuchtet des Wanderers Gestalt

90Walhall
Alberich erkennt den Wanderer, fährt erschrocken zurück, bricht aber sogleich in höchste Wut aus
Du selbst läßt dich hier sehn?
Was willst du hier?
Fort, aus dem Weg!
Von dannen, schamloser Dieb!

Der Wanderer ruhig
Schwarz-Alberich, schweifst du hier?
Hütest du Fafners Haus?

AlberichJagst du auf neue Neidtat umher?
Weile nicht hier, weiche von hinnen!
Genug des Truges tränkte die Stätte mit Not.
Drum, du Frecher, laß sie jetzt frei!

Der WandererZu schauen kam ich,96Wanderer
nicht zu schaffen:
wer wehrte mir Wand’rers Fahrt?

Alberich lacht tückisch auf
Du Rat wütender Ränke!
Wär’ ich dir zulieb
doch noch dumm wie damals,
als du mich Blöden bandest,
wie leicht geriet’ es,
den Ring mir nochmals zu rauben!
Hab’ acht! Deine Kunst kenne ich wohl;
doch wo du schwach bist,
blieb mir auch nicht verschwiegen.
Mit meinen Schätzen zahltest du Schulden;
mein Ring lohnte der Riesen Müh’,
die deine Burg dir gebaut.90Walhall
Was mit den Trotzigen einst du vertragen,83Vertrag
des Runen wahrt noch heut’84Vertragsschutz
deines Speeres herrischer Schaft.
Nicht du darfst, was als Zoll du gezahlt,85Vertragstreue
den Riesen wieder entreißen:85
du selbst zerspelltest deines Speeres Schaft;
in deiner Hand der herrische Stab,
der starke, zerstiebte wie Spreu!

42Loge
Der WandererDurch Vertrages Treuerunen96Wanderer
band er dich Bösen mir nicht:96
dich beugt’ er mir durch seine Kraft;83Vertrag
zum Krieg drum wahr’ ich ihn wohl!

AlberichWie stolz du dräust in trotziger Stärke,51Nibelungenhass
und wie dir’s im Busen doch bangt!
Verfallen dem Tod durch meinen Fluch13Fluch
ist des Hortes Hüter:13
wer wird ihn beerben?51Nibelungenhass
Wird der neidliche Hort51
dem Niblungen wieder gehören?51
Das sehrt dich mit ew’ger Sorge!51
Denn fass’ ich ihn wieder einst in der Faust,51
anders als dumme Riesen59Ring
üb’ ich des Ringes Kraft:59
dann zittre der Helden heiliger Hüter!
Walhalls Höhen stürm’ ich mit Hellas Heer:99Wehe
der Welt walte dann ich!

43Machtdünkel
Der Wanderer ruhig
Deinen Sinn kenn’ ich wohl;
doch sorgt er mich nicht.
Des Ringes waltet, wer ihn gewinnt.

AlberichWie dunkel sprichst du,
was ich deutlich doch weiß!
An Heldensöhne hält sich dein Trotz,65Schwert
höhnisch
die traut deinem Blute entblüht.
Pflegtest du wohl eines Knaben,
der klug die Frucht dir pflücke,
immer heftiger
die du nicht brechen darfst?

Der WandererMit mir nicht, hadre mit Mime:79Unmuth
dein Bruder bringt dir Gefahr;
einen Knaben führt er daher,
der Fafner ihm fällen soll.
Nichts weiß der von mir;
der Niblung nützt ihn für sich.
Drum sag’ ich dir, Gesell:
tue frei, wie dir’s frommt!
Alberich macht eine Gebärde heftiger Neugierde23Grübel
Höre mich wohl, sei auf der Hut!
Nicht kennt der Knabe den Ring;
doch Mime kundet’ ihn aus.

Alberich heftig
Deine Hand hieltest du vom Hort?

Der WandererWen ich liebe, lass’ ich für sich gewähren;
er steh’ oder fall’, sein Herr ist er:15Freiheit
Helden nur können mir frommen.

AlberichMit Mime räng’ ich allein um den Ring?

Der WandererAußer dir begehrt er einzig das Gold.

AlberichUnd dennoch gewänn’ ich ihn nicht?

Der Wanderer ruhig nähertretend
Ein Helde naht, den Hort zu befrei’n;
zwei Niblungen geizen das Gold;
Fafner fällt, der den Ring bewacht:106Wurm
wer ihn rafft, hat ihn gewonnen.
Willst du noch mehr?106Wurm
Dort liegt der Wurm:106
er wendet sich nach der Höhle
warnst du ihn vor dem Tod,11Fafner
willig wohl ließ’ er den Tand.11
Ich selber weck’ ihn dir auf.11
Er stellt sich auf die Anhöhe vor der Höhle und ruft hinein106Wurm
Fafner! Fafner!11Fafner
Erwache, Wurm!

11
Alberich in gespanntem Erstaunen, für sich11
Was beginnt der Wilde?11
Gönnt er mir’s wirklich?11
Aus der finstern Tiefe des Hintergrundes hört man Fafners Stimme durch ein starkes Sprachrohr

11
FafnerWer stört mir den Schlaf?

11
Der Wanderer der Höhle zugewandt
Gekommen ist einer,
Not dir zu künden:
er lohnt dir’s mit dem Leben,
lohnst du das Leben ihm
mit dem Horte, den du hütest?
Er beugt sein Ohr lauschend der Höhle zu

11Fafner
Fafner seine Stimme11
Was will er?

11
Alberich ist dem Wanderer zur Seite getreten und ruft in die Höhle
Wache, Fafner! Wache, du Wurm!
Ein starker Helde naht,
dich heil’gen will er bestehn.

FafnerMich hungert sein.

11Fafner
Der WandererKühn ist des Kindes Kraft,
scharf schneidet sein Schwert.

65Schwert
AlberichDen goldnen Reif geizt er allein:59Ring
laß mir den Ring zum Lohn,
so wend’ ich den Streit;
du wahrest den Hort,
und ruhig lebst du lang’!

FafnerIch lieg’ und besitz’,11Fafner
gähnend11
laßt mich schlafen!

11
Der Wanderer lacht auf und wendet sich dann wieder zu Alberich
Nun, Alberich, das schlug fehl.59Ring
Doch schilt mich nicht mehr Schelm!
Dies eine, rat’ ich, achte noch wohl:
vertraulich zum ihm tretend
Alles ist nach seiner Art,48Natur
an ihr wirst du nichts ändern.
Ich lass’ dir die Stätte, stelle dich fest!
Versuch’s mit Mime, dem Bruder,
der Art ja versiehst du dich besser.
zum Abgange gewendet
Was anders ist, das lerne nun auch!6515Schwert
Freiheit
Er verschwindet im Walde. Sturmwind erhebt sich, heller Glanz bricht aus; dann vergeht beides schnell

Alberich blickt dem davonjagenden Wanderer nach9660Wanderer
Da reitet er hin, auf lichtem Roß;9660Ritt
mich läßt er in Sorg’ und Spott.10560Wotans Scheidegruss
Doch lacht nur zu,9660Wanderer
ihr leichtsinniges, lustgieriges Göttergelichter!9660
Euch seh’ ich noch alle vergehn!13Fluch
Solang’ das Gold am Lichte glänzt,13
hält ein Wissender Wacht.13
Trügen wird euch sein Trotz!51Nibelungenhass
Er schlüpft zur Seite in das Geklüft. Die Bühne bleibt leer. Morgendämmerung11Fafner