| Siegfried | streckt sich behaglich unter der Linde aus und blickt dem davongehenden Mime nach | 89 | Waldweben | ||||||||||||||
| Daß der mein Vater nicht ist, | 89 | ||||||||||||||||
| wie fühl’ ich mich drob so froh! | 89 | ||||||||||||||||
| Nun erst gefällt mir der frische Wald; | 89 | ||||||||||||||||
| nun erst lacht mir der lustige Tag, | 89 | ||||||||||||||||
| da der Garstige von mir schied | 89 | ||||||||||||||||
| und ich gar nicht ihn wiederseh’! | 89 | ||||||||||||||||
| Er verfällt in schweigendes Sinnen | 89 | ||||||||||||||||
| Wie sah mein Vater wohl aus? – | 89 | ||||||||||||||||
| Ha, gewiß wie ich selbst! | |||||||||||||||||
| Denn wär’ wo von Mime ein Sohn, | |||||||||||||||||
| müßt’ er nicht ganz Mime gleichen? | 50 | Nibelungen | |||||||||||||||
| Grade so garstig, griesig und grau, | 50 | ||||||||||||||||
| klein und krumm, höckrig und hinkend, | 50 | ||||||||||||||||
| mit hängenden Ohren, triefigen Augen – | 50 | ||||||||||||||||
| fort mit dem Alp! | 50 | ||||||||||||||||
| Ich mag ihn nicht mehr seh’n. | |||||||||||||||||
| Er lehnt sich tiefer zurück und blickt durch die Baumwipfel auf. Tiefe Stille. Waldweben | 89 | Waldweben | |||||||||||||||
| Aber – wie sah meine Mutter wohl aus? | 94 | 89 | Wälsungenleid | ||||||||||||||
| Das kann ich nun gar nicht mir denken! | 89 | ||||||||||||||||
| Der Rehhindin gleich glänzten gewiß | 89 | ||||||||||||||||
| ihr hell schimmernde Augen, | 89 | ||||||||||||||||
| nur noch viel schöner! | |||||||||||||||||
| Da bang sie mich geboren, | 94 | Wälsungenleid | |||||||||||||||
| warum aber starb sie da? | |||||||||||||||||
| Sterben die Menschenmütter | |||||||||||||||||
| an ihren Söhnen alle dahin? | |||||||||||||||||
| Traurig wäre das, traun! | |||||||||||||||||
| Ach, möcht’ ich Sohn meine Mutter sehen! | 39 | Liebessehnsucht | |||||||||||||||
| Meine Mutter – ein Menschenweib! | 39 | ||||||||||||||||
| Er seufzt leise und streckt sich tiefer zurück. Große Stille. Wachsendes Waldweben. Siegfrieds Aufmerksamkeit wird endlich durch den Gesang der Waldvögel gefesselt. Er lauscht mit wachsender Teilnahme einem Waldvogel in den Zweigen über ihm | 88 | 89 | 14 | 49 | Waldvogel Waldweben Freia Naturweben | ||||||||||||
| Du holdes Vöglein! | 89 | ||||||||||||||||
| Dich hört’ ich noch nie: | 89 | ||||||||||||||||
| bist du im Wald hier daheim? | 89 | ||||||||||||||||
| Verstünd’ ich sein süßes Stammeln! | 89 | ||||||||||||||||
| Gewiß sagt’ es mir was, | 89 | ||||||||||||||||
| vielleicht von der lieben Mutter? | 88 | 89 | Waldvogel | ||||||||||||||
| Ein zankender Zwerg hat mir erzählt, | |||||||||||||||||
| der Vöglein Stammeln gut zu verstehn, | |||||||||||||||||
| dazu könnte man kommen. | |||||||||||||||||
| Wie das wohl möglich wär’? | |||||||||||||||||
| Er sinnt nach. Sein Blick fällt auf ein Rohrgebüsch unweit der Linde | |||||||||||||||||
| Hei! Ich versuch’s; sing’ ihm nach: | |||||||||||||||||
| auf dem Rohr tön’ ich ihm ähnlich! | |||||||||||||||||
| Entrat’ ich der Worte, achte der Weise, | |||||||||||||||||
| sing’ ich so seine Sprache, | |||||||||||||||||
| versteh’ ich wohl auch, was es spricht. | |||||||||||||||||
| Er eilt an den nahen Quell, schneidet mit dem Schwerte ein Rohr ab und schnitzt sich hastig eine Pfeife daraus. Währenddem lauscht er wieder | 88 | 65 | Waldvogel Schwert | ||||||||||||||
| Es schweigt und lauscht: | |||||||||||||||||
| so schwatz’ ich denn los! | |||||||||||||||||
| Er bläst auf dem Rohr. Er setzt ab, schnitzt wieder und bessert. Er bläst wieder. Er schüttelt mit dem Kopfe und bessert wieder. Er wird ärgerlich, drückt das Rohr mit der Hand und versucht wieder. Er setzt lächelnd ganz ab | |||||||||||||||||
| Das tönt nicht recht; | |||||||||||||||||
| auf dem Rohre taugt | |||||||||||||||||
| die wonnige Weise mir nicht. | |||||||||||||||||
| Vöglein, mich dünkt, ich bleibe dumm: | |||||||||||||||||
| von dir lernt sich’s nicht leicht! | |||||||||||||||||
| Er hört den Vogel wieder und blickt zu ihm auf | 88 | 89 | Waldvogel Waldweben | ||||||||||||||
| Nun schäm’ ich mich gar | 88 | ||||||||||||||||
| vor dem schelmischen Lauscher: | 88 | ||||||||||||||||
| er lugt und kann nichts erlauschen. | |||||||||||||||||
| Heida! So höre nun auf mein Horn. | |||||||||||||||||
| Er schwingt das Rohr und wirft es weit fort | |||||||||||||||||
| Auf dem dummen Rohre gerät mir nichts. | |||||||||||||||||
| Einer Waldweise, wie ich sie kann, | |||||||||||||||||
| der lustigen sollst du nun lauschen. | |||||||||||||||||
| Nach liebem Gesellen lockt’ ich mit ihr: | |||||||||||||||||
| nichts Beßres kam noch als Wolf und Bär. | |||||||||||||||||
| Nun laß mich sehn, | |||||||||||||||||
| wen jetzt sie mir lockt: | |||||||||||||||||
| ob das mir ein lieber Gesell? | |||||||||||||||||
| Er nimmt das silberne Hifthorn und bläst darauf. | 67 | 29 | Siegfried Horn | ||||||||||||||
| Im Hintergrunde regt es sich. Fafner, in der Gestalt eines ungeheuren eidechsenartigen Schlangenwurmes, hat sich in der Höhle von seinem Lager erhoben; er bricht durch das Gesträuch und wälzt sich aus der Tiefe nach der höheren Stelle vor, so daß er mit dem Vorderleibe bereits auf ihr angelangt ist, als er jetzt einen starken, gähnenden Laut ausstößt. | 65 | 106 | 29 | Schwert Wurm | |||||||||||||
| sieht sich um und heftet den Blick verwundert auf Fafner | |||||||||||||||||
| Haha! Da hätte mein Lied | |||||||||||||||||
| mir was Liebes erblasen! | |||||||||||||||||
| Du wärst mir ein saub’rer Gesell! | |||||||||||||||||
| Fafner | hat beim Anblick Siegfrieds auf der Höhe angehalten und verweilt nun daselbst | ||||||||||||||||
| Was ist da? | 11 | Fafner | |||||||||||||||
| Siegfried | Ei, bist du ein Tier, | ||||||||||||||||
| das zum Sprechen taugt, | |||||||||||||||||
| wohl ließ’ sich von dir was lernen? | |||||||||||||||||
| Hier kennt einer das Fürchten nicht: | |||||||||||||||||
| kann er’s von dir erfahren? | |||||||||||||||||
| Fafner | Hast du Übermut? | 11 | Fafner | ||||||||||||||
| Siegfried | Mut oder Übermut, was weiß ich! | ||||||||||||||||
| Doch dir fahr’ ich zu Leibe, | |||||||||||||||||
| lehrst du das Fürchten mich nicht! | |||||||||||||||||
| Fafner | stößt einen lachenden Laut aus | ||||||||||||||||
| Trinken wollt’ ich: | 11 | Fafner | |||||||||||||||
| nun treff’ ich auch Fraß! | 11 | ||||||||||||||||
| Er öffnet seinen Rachen und zeigt die Zähne | |||||||||||||||||
| Siegfried | Eine zierliche Fresse zeigst du mir da, | ||||||||||||||||
| lachende Zähne im Leckermaul! | |||||||||||||||||
| Gut wär’ es, den Schlund dir zu schließen; | |||||||||||||||||
| dein Rachen reckt sich zu weit! | 11 | Fafner | |||||||||||||||
| Fafner | Zu tauben Reden taugt er schlecht: | 11 | |||||||||||||||
| dich zu verschlingen, frommt der Schlund. | 11 | ||||||||||||||||
| Er droht mit dem Schweife | 11 | ||||||||||||||||
| Siegfried | Hoho! Du grausam grimmiger Kerl! | ||||||||||||||||
| Von dir verdaut sein, dünkt mich übel: | |||||||||||||||||
| rätlich und fromm doch scheint’s, | |||||||||||||||||
| du verrecktest hier ohne Frist. | |||||||||||||||||
| Fafner | brüllend | ||||||||||||||||
| Pruh! Komm, prahlendes Kind! | 11 | Fafner | |||||||||||||||
| Siegfried | Hab’ acht, Brüller! Der Prahler naht! | ||||||||||||||||
| Er zieht sein Schwert, springt Fafner an und bleibt herausfordernd stehen. Fafner wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht aus den Nüstern auf Siegfried. Dieser weicht dem Geifer aus, springt näher zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweife zu erreichen. Siegfried, welchen Fafner fast erreicht hat, springt mit einem Satze über diesen hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweif heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar; Siegfried erspäht schnell die Stelle des Herzens und stößt sein Schwert bis an das Heft hinein. Fafner bäumt sich vor Schmerz noch höher und sinkt, als Siegfried das Schwert losgelassen und zur Seite gesprungen ist, auf die Wunde zusammen | 11 | 29 | 106 | 65 | Fafner Horn Wurm Schwert | ||||||||||||
| Da lieg’, neidischer Kerl! | 11 | ||||||||||||||||
| Notung trägst du im Herzen. | |||||||||||||||||
| Fafner | mit schwächerer Stimme | ||||||||||||||||
| Wer bist du, kühner Knabe, | 11 | 51 | Fafner Nibelungenhass | ||||||||||||||
| der das Herz mir traf? | 11 | ||||||||||||||||
| Wer reizte des Kindes Mut | 11 | ||||||||||||||||
| zu der mordlichen Tat? | 11 | ||||||||||||||||
| Dein Hirn brütete nicht, | 13 | Fluch | |||||||||||||||
| was du vollbracht. | |||||||||||||||||
| Siegfried | Viel weiß ich noch nicht, | 67 | Siegfried | ||||||||||||||
| noch nicht auch, wer ich bin. | 67 | ||||||||||||||||
| Mit dir mordlich zu ringen, | 67 | ||||||||||||||||
| reiztest du selbst meinen Mut. | 67 | ||||||||||||||||
| Fafner | Du helläugiger Knabe, unkund deiner selbst, | 11 | 51 | Nibelungenhass Fafner | |||||||||||||
| wen du gemordet meld’ ich dir. | 51 | ||||||||||||||||
| Der Riesen ragend Geschlecht, | 58 | Riesen | |||||||||||||||
| Fasolt und Fafner, | 58 | ||||||||||||||||
| die Brüder – fielen nun beide. | |||||||||||||||||
| Um verfluchtes Gold, von Göttern vergabt, | 59 | 11 | Ring | ||||||||||||||
| traf ich Fasolt zu Tod. | 59 | 11 | Fafner | ||||||||||||||
| Der nun als Wurm den Hort bewachte, | 106 | Wurm | |||||||||||||||
| Fafner, den letzten Riesen, | |||||||||||||||||
| fällte ein rosiger Held. | 65 | Schwert | |||||||||||||||
| Blicke nun hell, blühender Knabe: | 51 | 11 | Nibelungenhass Fafner | ||||||||||||||
| der dich Blinden reizte zur Tat, | 51 | ||||||||||||||||
| berät jetzt des Blühenden Tod! | 51 | ||||||||||||||||
| ersterbend | 13 | Fluch | |||||||||||||||
| Merk’, wie’s endet! Acht’ auf mich! | |||||||||||||||||
| Siegfried | Woher ich stamme, rate mir noch; | ||||||||||||||||
| weise ja scheinst du, Wilder, im Sterben: | |||||||||||||||||
| rat’ es nach meinem Namen: | 67 | Siegfried | |||||||||||||||
| Siegfried bin ich genannt. | 67 | ||||||||||||||||
| Fafner | Siegfried...! | ||||||||||||||||
| Er seufzt, hebt sich und stirbt | 11 | Fafner | |||||||||||||||
| Siegfried | Zur Kunde taugt kein Toter. | ||||||||||||||||
| So leite mich denn mein lebendes Schwert! | |||||||||||||||||
| Fafner hat sich im Sterben zur Seite gewälzt. Siegfried zieht ihm jetzt das Schwert aus der Brust: dabei wird seine Hand vom Blute benetzt: er fährt heftig mit der Hand auf | 65 | Schwert | |||||||||||||||
| Wie Feuer brennt das Blut! | 89 | 88 | Waldweben | ||||||||||||||
| Er führt unwillkürlich die Finger zum Munde, um das Blut von ihnen abzusaugen. Wie er sinnend vor sich hinblickt, wird seine Aufmerksamkeit immer mehr von dem Gesange der Waldvögel angezogen | 89 | 88 | Waldvogel | ||||||||||||||
| Ist mir doch fast, | 89 | 88 | |||||||||||||||
| als sprächen die Vöglein zu mir! | 89 | 88 | |||||||||||||||
| Nützte mir das des Blutes Genuß? | 89 | 88 | |||||||||||||||
| Das seltne Vöglein hier, | 89 | 88 | |||||||||||||||
| horch, was singt es nur? | 89 | 88 | |||||||||||||||
| Der Waldvogel | seine Stimme aus den Zweigen der Linde über Siegfried | 89 | 88 | ||||||||||||||
| Hei! Siegfried gehört nun der Niblungen Hort! | 89 | 88 | |||||||||||||||
| O, fänd’ in der Höhle den Hort er jetzt! | 89 | 88 | |||||||||||||||
| Wollt’ er den Tarnhelm gewinnen, | 89 | 88 | |||||||||||||||
| der taugt’ ihm zu wonniger Tat: | 89 | 88 | |||||||||||||||
| doch möcht’ er den Ring sich erraten, | 89 | 88 | |||||||||||||||
| der macht’ ihn zum Walter der Welt! | 89 | 88 | |||||||||||||||
| Siegfried | hat mit verhaltenem Atem und verzückter Miene gelauscht | 89 | |||||||||||||||
| Dank, liebes Vöglein, für deinen Rat! | 89 | ||||||||||||||||
| Gern folg’ ich dem Ruf! | 89 | ||||||||||||||||
| Er wendet sich nach hinten und steigt in die Höhle hinab, wo er alsbald gänzlich verschwindet | 89 |
