Siegfried 2. Aufzug 2. Szene 2

Siegfried streckt sich behaglich unter der Linde aus und blickt dem davongehenden Mime nach89Waldweben
Daß der mein Vater nicht ist,89
wie fühl’ ich mich drob so froh!89
Nun erst gefällt mir der frische Wald;89
nun erst lacht mir der lustige Tag,89
da der Garstige von mir schied89
und ich gar nicht ihn wiederseh’!89
Er verfällt in schweigendes Sinnen89
Wie sah mein Vater wohl aus? –89
Ha, gewiß wie ich selbst!
Denn wär’ wo von Mime ein Sohn,
müßt’ er nicht ganz Mime gleichen?50Nibelungen
Grade so garstig, griesig und grau,50
klein und krumm, höckrig und hinkend,50
mit hängenden Ohren, triefigen Augen –50
fort mit dem Alp!50
Ich mag ihn nicht mehr seh’n.
Er lehnt sich tiefer zurück und blickt durch die Baumwipfel auf. Tiefe Stille. Waldweben89Waldweben
Aber – wie sah meine Mutter wohl aus?9489Wälsungenleid
Das kann ich nun gar nicht mir denken!89
Der Rehhindin gleich glänzten gewiß89
ihr hell schimmernde Augen,89
nur noch viel schöner!
Da bang sie mich geboren,94Wälsungenleid
warum aber starb sie da?
Sterben die Menschenmütter
an ihren Söhnen alle dahin?
Traurig wäre das, traun!
Ach, möcht’ ich Sohn meine Mutter sehen!39Liebessehnsucht
Meine Mutter – ein Menschenweib!39
Er seufzt leise und streckt sich tiefer zurück. Große Stille. Wachsendes Waldweben. Siegfrieds Aufmerksamkeit wird endlich durch den Gesang der Waldvögel gefesselt. Er lauscht mit wachsender Teilnahme einem Waldvogel in den Zweigen über ihm88891449Waldvogel
Waldweben
Freia
Naturweben
Du holdes Vöglein!89
Dich hört’ ich noch nie:89
bist du im Wald hier daheim?89
Verstünd’ ich sein süßes Stammeln!89
Gewiß sagt’ es mir was,89
vielleicht von der lieben Mutter?8889Waldvogel
Ein zankender Zwerg hat mir erzählt,
der Vöglein Stammeln gut zu verstehn,
dazu könnte man kommen.
Wie das wohl möglich wär’?
Er sinnt nach. Sein Blick fällt auf ein Rohrgebüsch unweit der Linde
Hei! Ich versuch’s; sing’ ihm nach:
auf dem Rohr tön’ ich ihm ähnlich!
Entrat’ ich der Worte, achte der Weise,
sing’ ich so seine Sprache,
versteh’ ich wohl auch, was es spricht.
Er eilt an den nahen Quell, schneidet mit dem Schwerte ein Rohr ab und schnitzt sich hastig eine Pfeife daraus. Währenddem lauscht er wieder8865Waldvogel
Schwert
Es schweigt und lauscht:
so schwatz’ ich denn los!
Er bläst auf dem Rohr. Er setzt ab, schnitzt wieder und bessert. Er bläst wieder. Er schüttelt mit dem Kopfe und bessert wieder. Er wird ärgerlich, drückt das Rohr mit der Hand und versucht wieder. Er setzt lächelnd ganz ab
Das tönt nicht recht;
auf dem Rohre taugt
die wonnige Weise mir nicht.
Vöglein, mich dünkt, ich bleibe dumm:
von dir lernt sich’s nicht leicht!
Er hört den Vogel wieder und blickt zu ihm auf8889Waldvogel
Waldweben
Nun schäm’ ich mich gar88
vor dem schelmischen Lauscher:88
er lugt und kann nichts erlauschen.
Heida! So höre nun auf mein Horn.
Er schwingt das Rohr und wirft es weit fort
Auf dem dummen Rohre gerät mir nichts.
Einer Waldweise, wie ich sie kann,
der lustigen sollst du nun lauschen.
Nach liebem Gesellen lockt’ ich mit ihr:
nichts Beßres kam noch als Wolf und Bär.
Nun laß mich sehn,
wen jetzt sie mir lockt:
ob das mir ein lieber Gesell?
Er nimmt das silberne Hifthorn und bläst darauf.6729Siegfried
Horn
Im Hintergrunde regt es sich. Fafner, in der Gestalt eines ungeheuren eidechsenartigen Schlangenwurmes, hat sich in der Höhle von seinem Lager erhoben; er bricht durch das Gesträuch und wälzt sich aus der Tiefe nach der höheren Stelle vor, so daß er mit dem Vorderleibe bereits auf ihr angelangt ist, als er jetzt einen starken, gähnenden Laut ausstößt.6510629Schwert
Wurm
sieht sich um und heftet den Blick verwundert auf Fafner
Haha! Da hätte mein Lied
mir was Liebes erblasen!
Du wärst mir ein saub’rer Gesell!

Fafner hat beim Anblick Siegfrieds auf der Höhe angehalten und verweilt nun daselbst
Was ist da?

11Fafner
SiegfriedEi, bist du ein Tier,
das zum Sprechen taugt,
wohl ließ’ sich von dir was lernen?
Hier kennt einer das Fürchten nicht:
kann er’s von dir erfahren?

FafnerHast du Übermut?

11Fafner
SiegfriedMut oder Übermut, was weiß ich!
Doch dir fahr’ ich zu Leibe,
lehrst du das Fürchten mich nicht!

Fafner stößt einen lachenden Laut aus
Trinken wollt’ ich:11Fafner
nun treff’ ich auch Fraß!11
Er öffnet seinen Rachen und zeigt die Zähne

SiegfriedEine zierliche Fresse zeigst du mir da,
lachende Zähne im Leckermaul!
Gut wär’ es, den Schlund dir zu schließen;
dein Rachen reckt sich zu weit!

11Fafner
FafnerZu tauben Reden taugt er schlecht:11
dich zu verschlingen, frommt der Schlund.11
Er droht mit dem Schweife

11
SiegfriedHoho! Du grausam grimmiger Kerl!
Von dir verdaut sein, dünkt mich übel:
rätlich und fromm doch scheint’s,
du verrecktest hier ohne Frist.

Fafner brüllend
Pruh! Komm, prahlendes Kind!

11Fafner
SiegfriedHab’ acht, Brüller! Der Prahler naht!
Er zieht sein Schwert, springt Fafner an und bleibt herausfordernd stehen. Fafner wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht aus den Nüstern auf Siegfried. Dieser weicht dem Geifer aus, springt näher zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweife zu erreichen. Siegfried, welchen Fafner fast erreicht hat, springt mit einem Satze über diesen hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweif heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar; Siegfried erspäht schnell die Stelle des Herzens und stößt sein Schwert bis an das Heft hinein. Fafner bäumt sich vor Schmerz noch höher und sinkt, als Siegfried das Schwert losgelassen und zur Seite gesprungen ist, auf die Wunde zusammen112910665Fafner
Horn
Wurm
Schwert
Da lieg’, neidischer Kerl!11
Notung trägst du im Herzen.

Fafner mit schwächerer Stimme
Wer bist du, kühner Knabe,1151Fafner
Nibelungenhass
der das Herz mir traf?11
Wer reizte des Kindes Mut11
zu der mordlichen Tat?11
Dein Hirn brütete nicht,13Fluch
was du vollbracht.

SiegfriedViel weiß ich noch nicht,67Siegfried
noch nicht auch, wer ich bin.67
Mit dir mordlich zu ringen,67
reiztest du selbst meinen Mut.

67
FafnerDu helläugiger Knabe, unkund deiner selbst,1151Nibelungenhass
Fafner
wen du gemordet meld’ ich dir.51
Der Riesen ragend Geschlecht,58Riesen
Fasolt und Fafner,58
die Brüder – fielen nun beide.
Um verfluchtes Gold, von Göttern vergabt,5911Ring
traf ich Fasolt zu Tod.5911Fafner
Der nun als Wurm den Hort bewachte,106Wurm
Fafner, den letzten Riesen,
fällte ein rosiger Held.65Schwert
Blicke nun hell, blühender Knabe:5111Nibelungenhass
Fafner
der dich Blinden reizte zur Tat,51
berät jetzt des Blühenden Tod!51
ersterbend13Fluch
Merk’, wie’s endet! Acht’ auf mich!

SiegfriedWoher ich stamme, rate mir noch;
weise ja scheinst du, Wilder, im Sterben:
rat’ es nach meinem Namen:67Siegfried
Siegfried bin ich genannt.

67
FafnerSiegfried...!
Er seufzt, hebt sich und stirbt

11Fafner
SiegfriedZur Kunde taugt kein Toter.
So leite mich denn mein lebendes Schwert!
Fafner hat sich im Sterben zur Seite gewälzt. Siegfried zieht ihm jetzt das Schwert aus der Brust: dabei wird seine Hand vom Blute benetzt: er fährt heftig mit der Hand auf65Schwert
Wie Feuer brennt das Blut!8988Waldweben
Er führt unwillkürlich die Finger zum Munde, um das Blut von ihnen abzusaugen. Wie er sinnend vor sich hinblickt, wird seine Aufmerksamkeit immer mehr von dem Gesange der Waldvögel angezogen8988Waldvogel
Ist mir doch fast,8988
als sprächen die Vöglein zu mir!8988
Nützte mir das des Blutes Genuß?8988
Das seltne Vöglein hier,8988
horch, was singt es nur?

8988
Der Waldvogel seine Stimme aus den Zweigen der Linde über Siegfried8988
Hei! Siegfried gehört nun der Niblungen Hort!8988
O, fänd’ in der Höhle den Hort er jetzt!8988
Wollt’ er den Tarnhelm gewinnen,8988
der taugt’ ihm zu wonniger Tat:8988
doch möcht’ er den Ring sich erraten,8988
der macht’ ihn zum Walter der Welt!

8988
Siegfried hat mit verhaltenem Atem und verzückter Miene gelauscht89
Dank, liebes Vöglein, für deinen Rat!89
Gern folg’ ich dem Ruf!89
Er wendet sich nach hinten und steigt in die Höhle hinab, wo er alsbald gänzlich verschwindet89