Siegfried 2. Aufzug 3. Szene 2

Siegfried ist mit Tarnhelm und Ring während des letzteren langsam und sinnend aus der Höhle vorgeschritten: er betrachtet gedankenvoll seine Beute und hält, nahe dem Baume, auf der Höhe des Mittelgrundes wieder an57Rheintöchtersang
SiegfriedWas ihr mir nützt, weiß ich nicht;57
doch nahm ich euch5457Rheingold
aus des Horts gehäuftem Gold,5457
weil guter Rat mir es riet.57
So taug’ eure Zier als des Tages Zeuge,57
es mahne der Tand,57
daß ich kämpfend Fafner erlegt,65Schwert
doch das Fürchten noch nicht gelernt!89Waldweben
Er steckt den Tarnhelm sich in den Gürtel und den Reif an den Finger. Stillschweigen. Wachsendes Waldweben. Siegfried achtet unwillkürlich wieder des Vogels und lauscht ihm mit verhaltenem Atem

89
Der WaldvogelHei! Siegfried gehört8988Waldvogel
nun der Helm und der Ring!89
O, traute er Mime, dem treulosen, nicht!89
Hörte Siegfried nur scharf89
auf des Schelmen Heuchlergered’!89
Wie sein Herz es meint,89
kann er Mime verstehn:89
so nützt’ ihm des Blutes Genuß.89
Siegfrieds Miene und Gebärde drücken aus, daß er den Sinn des Vogelgesanges wohl vernommen. Er sieht Mime sich nähern und bleibt, ohne sich zu rühren, auf sein Schwert gestützt, beobachtend und in sich geschlossen, in seiner Stellung auf der Anhöhe bis zum Schlusse des folgenden Auftrittes

89
Mime schleicht heran und beobachtet vom Vordergrunde aus Siegfried89
Er sinnt und erwägt der Beute Wert.8994Wälsungenleid
Weilte wohl hier ein weiser Wand’rer,8994
schweifte umher, beschwatzte das Kind89
mit list’ger Runen Rat?89
Zwiefach schlau sei nun der Zwerg;89
die listigste Schlinge leg’ ich jetzt aus,89
daß ich mit traulichem Truggerede89
betöre das trotzige Kind.89
er tritt näher an Siegfried heran und bewillkommt diesen mit schmeichelnden Gebärden
Willkommen, Siegfried!88Waldvogel
Sag’, du Kühner, hast du das Fürchten gelernt?

SiegfriedDen Lehrer fand ich noch nicht!

MimeDoch den Schlangenwurm,
du hast ihn erschlagen?88Waldvogel
Das war doch ein schlimmer Gesell?

SiegfriedSo grimm und tückisch er war,
sein Tod grämt mich doch schier,
da viel üblere Schächer
unerschlagen noch leben!
Der mich ihn morden hieß,
den hass’ ich mehr als den Wurm!

Mime sehr freundlich
Nur sachte! Nicht lange
siehst du mich mehr:
zum ew’gen Schlaf
schließ’ ich dir die Augen bald!
Wozu ich dich brauchte,
zärtlich
hast du vollbracht;
jetzt will ich nur noch
die Beute dir abgewinnen.
Mich dünkt, das soll mir gelingen;
zu betören bist du ja leicht!

SiegfriedSo sinnst du auf meinen Schaden?

8894Waldvogel
Wälsungenleid
Mime verwundert
Wie sagt’ ich denn das? –
Siegfried! Hör doch, mein Söhnchen!
Dich und deine Art
haßt’ ich immer von Herzen;
zärtlich
aus Liebe erzog ich dich Lästigen nicht:
dem Horte in Fafners Hut,
dem Golde galt meine Müh’.
als verspräche er ihm hübsche Sachen
Gibst du mir das gutwillig nun nicht,
als wäre er bereit, sein Leben für ihn zu lassen
Siegfried, mein Sohn,
das siehst du wohl selbst,
mit freundlichem Scherze
dein Leben mußt du mir lassen!

SiegfriedDaß du mich hassest, hör’ ich gern:88Waldvogel
doch auch mein Leben muß ich dir lassen?

Mime ärgerlich
Das sagt’ ich doch nicht?
Du verstehst mich ja falsch!
Er sucht sein Fläschchen hervor. Er gibt sich die ersichtlichste Mühe zur Verstellung
Sieh’, du bist müde von harter Müh’;46Mimes Erziehungslied
brünstig wohl brennt dir der Leib:46
dich zu erquicken mit queckem Trank46
säumt’ ich Sorgender nicht.46
Als dein Schwert du dir branntest,46
braut’ ich den Sud;46
trinkst du nun den,46
gewinn’ ich dein trautes Schwert,
und mit ihm Helm und Hort.
er kichert dazu

SiegfriedSo willst du mein Schwert88Waldvogel
und was ich erschwungen,
Ring und Beute, mir rauben?

Mime heftig
Was du doch falsch mich verstehst!
Stamml’ ich, fasl’ ich wohl gar?
Die größte Mühe geb’ ich mir doch,23Grübel
mein heimliches Sinnen heuchelnd zu bergen,23
und du dummer Bube deutest alles doch falsch!
Öffne die Ohren, und vernimm genau:
Höre, was Mime meint!
wieder sehr freundlich, mit ersichtlicher Mühe
Hier nimm und trinke die Labung!
Mein Trank labte dich oft:
tat’st du wohl unwirsch, stelltest dich arg:
was ich dir bot, erbost auch, nahmst du’s doch immer.

Siegfried ohne eine Miene zu verziehen
Einen guten Trank hätt’ ich gern:
wie hast du diesen gebraut?

Mime lustig scherzend, als schildere er ihm einen angenehm berauschten Zustand, den ihm der Saft bereiten soll
Hei! So trink nur, trau’ meiner Kunst!
In Nacht und Nebel sinken die Sinne dir bald:
ohne Wach’ und Wissen
stracks streckst du die Glieder.
Liegst du nun da,
leicht könnt’ ich
die Beute nehmen und bergen:
doch erwachtest du je,
nirgends wär’ ich sicher vor dir,
hätt’ ich selbst auch den Ring.
Drum mit dem Schwert,
das so scharf du schufst,
mit einer Gebärde ausgelassener Lustigkeit
hau’ ich dem Kind den Kopf erst ab:
dann hab’ ich mir Ruh’ und auch den Ring!
Er kichert wieder

SiegfriedIm Schlafe willst du mich morden?

Mime wütend ärgerlich
Was möcht’ ich? Sagt’ ich denn das?
Er bemüht sich, den zärtlichsten Ton anzunehmen
Ich will dem Kind
mit sorglichster Deutlichkeit
nur den Kopf abhau’n!
mit dem Ausdruck herzlicher Besorgtheit für Siegfrieds Gesundheit
Denn haßte ich dich auch nicht so sehr,
und hätt’ ich des Schimpfs
und der schändlichen Mühe
auch nicht so viel zu rächen:
sanft
aus dem Wege dich zu räumen,
darf ich doch nicht rasten:
wie käm’ ich sonst anders zur Beute,
da Alberich auch nach ihr lugt?
Er gießt den Saft in das Trinkhorn und führt dieses Siegfried mit aufdringlicher Gebärde zu
Nun, mein Wälsung! Wolfssohn du!88Waldvogel
Sauf’, und würg’ dich zu Tod:50Nibelungen
Nie tust du mehr ’nen Schluck! Hihihihi!
Siegfried holt mit dem Schwert aus. Er führt, wie in einer Anwandlung heftigen Ekels einen jähen Streich nach Mime; dieser stürzt sogleich tot zu Boden. Man hört Alberichs höhnisches Gelächter aus dem Geklüfte

65Schwert
SiegfriedSchmeck’ du mein Schwert, ekliger Schwätzer!
Er henkt, auf den am Boden Liegenden blickend, ruhig sein Schwert wieder ein2350Grübel
Nibelungen
Neides Zoll zahlt Notung:
dazu durft’ ich ihn schmieden.13Fluch
Er rafft Mimes Leichnam auf, trägt ihn auf die Anhöhe vor den Eingang der Höhle und wirft ihn dort hinein2950Horn
Nibelungen
In der Höhle hier lieg’ auf dem Hort!2950
Mit zäher List erzieltest du ihn:295013Fluch
jetzt magst du des wonnigen walten!295013
Einen guten Wächter geb’ ich dir auch,295013
daß er vor Dieben dich deckt.2950
Er wälzt mit großer Anstrengung den Leichnam des Wurmes vor den Eingang der Höhle, so daß er diesen ganz damit verstopft11Fafner
Da lieg’ auch du, dunkler Wurm!106Wurm
Den gleißenden Hort hüte zugleich59Ring
mit dem beuterührigen Feind:59
so fandet beide ihr nun Ruh’!595011Nibelungen
Fafner