Siegfried 2. Aufzug 3. Szene 3

Siegfried blickt eine Weile sinnend in die Höhle hinab und wendet sich dann langsam, wie ermüdet, in den Vordergrund. Es ist Mittag. Er führt sich die Hand über die Stirn
Heiß ward mir von der harten Last!
Brausend jagt mein brünst’ges Blut;
die Hand brennt mir am Haupt.
Hoch steht schon die Sonne:
aus lichtem Blau blickt ihr Aug’
auf den Scheitel steil mir herab.
Linde Kühlung erkies’ ich unter der Linde! 88Waldvogel
Er streckt sich unter der Linde aus und blickt wieder die Zweige hinauf
Noch einmal, liebes Vöglein, 39Liebessehnsucht
da wir so lang lästig gestört, – 39
lauscht’ ich gerne deinem Sange: 39
auf dem Zweige seh’ ich 39
wohlig dich wiegen; 39
zwitschernd umschwirren 39
dich Brüder und Schwestern, 39
umschweben dich lustig und lieb! 39
Doch ich – bin so allein,
hab’ nicht Brüder noch Schwestern:
meine Mutter schwand, mein Vater fiel:
nie sah sie der Sohn!
Mein einz’ger Gesell war ein garstiger Zwerg; 50Nibelungen
Güte zwang 50
warm 50
uns nie zu Liebe; 50
listige Schlingen warf mir der Schlaue; 50
nun mußt’ ich ihn gar erschlagen!
Er blickt schmerzlich bewegt wieder nach den Zweigen auf 38Liebesgluth
Freundliches Vöglein, dich frage ich nun: 38
gönntest du mir wohl ein gut Gesell? 39Liebessehnsucht
Willst du mir das Rechte raten? 39
Ich lockte so oft, und erlost’ es mir nie: 39
Du, mein Trauter, träfst es wohl besser, 39
so recht ja rietest du schon. 39
Nun sing’! Ich lausche dem Gesang.

89Waldweben
Der WaldvogelHei! Siegfried erschlug nun den schlimmen Zwerg! 8988Waldvogel
Jetzt wüßt’ ich ihm noch das herrlichste Weib: 8988
auf hohem Felsen sie schläft, 8988
Feuer umbrennt ihren Saal: 8988
durchschritt’ er die Brunst, 8988
weckt’ er die Braut, 8988
Brünnhilde wäre dann sein!

8988
Siegfried fährt mit jäher Heftigkeit vom Sitze auf 38Liebesgluth
O holder Sang! Süßester Hauch! 38
Wie brennt sein Sinn mir sehrend die Brust! 38
Wie zückt er heftig zündend mein Herz! 38
Was jagt mir so jach durch Herz und Sinne? 38
Sag’ es mir, süßer Freund! 38
er lauscht

Der WaldvogelLustig im Leid sing’ ich von Liebe; 8889Waldweben
wonnig aus Weh web’ ich mein Lied: 8889Waldvogel
nur Sehnende kennen den Sinn!

8889
SiegfriedFort jagt’s mich jauchzend von hinnen, 38Liebesgluth
fort aus dem Wald auf den Fels! 3842Loge
Noch einmal sage mir, holder Sänger: 38
werd’ ich das Feuer durchbrechen? 38
Kann ich erwecken die Braut? 3867Siegfried
Siegfried lauscht noch mal

8789Waberlohe
Waldweben
Der WaldvogelDie Braut gewinnt, 8889Waldvogel
Brünnhilde erweckt ein Feiger nie: 8889
nur wer das Fürchten nicht kennt!

8889
Siegfried lacht auf vor Entzücken
Der dumme Knab’,
der das Fürchten nicht kennt,
mein Vöglein, der bin ja ich!
Noch heute gab ich vergebens mir Müh,
das Fürchten von Fafner zu lernen:
nun brenn’ ich vor Lust, 38Liebesgluth
es von Brünnhilde zu wissen!
Wie find’ ich zum Felsen den Weg?
Der Vogel flattert auf, kreist über Siegfried und fliegt ihm zögernd voran
jauchzend
So wird mir der Weg gewiesen:
wohin du flatterst folg’ ich dem Flug!
Er läuft dem Vogel, welcher ihn neckend einige Zeitlang unstet nach verschiedenen Richtungen hinleitet, nach und folgt ihm endlich, als dieser mit einer bestimmten Wendung nach dem Hintergrunde davonfliegt. Der Vorhang fällt 3888Liebesgluth
Waldvogel