Siegfried 3. Aufzug 2. Szene

Zweite Szene
Der Wanderer ist dicht an die Höhle getreten und lehnt sich dann mit dem Rücken an das Gestein derselben, das Gesicht der Szene zugewandt88Waldvogel
Der WandererDort seh’ ich Siegfried nahn.88
Er verbleibt in seiner Stellung an der Höhle. Siegfrieds Waldvogel flattert dem Vordergrunde zu. Plötzlich hält der Vogel in seiner Richtung ein, flattert ängstlich hin und her und verschwindet hastig dem Hintergrunde zu

Siegfried tritt rechts im Vordergrunde auf und hält an
Mein Vöglein schwebte mir fort!
Mit flatterndem Flug und süßem Sang
wies es mich wonnig des Wegs:
nun schwand es fern mir davon!
Am besten find’ ich mir selbst nun den Berg:65Schwert
wohin mein Führer mich wies,
dahin wandr’ ich jetzt fort.88Waldvogel
Er schreitet weiter nach hinten

Der Wanderer in seiner Stellung an der Höhle verbleibend
Wohin, Knabe, heißt dich dein Weg?

Siegfried hält an und wendet sich um
Da redet’s ja:
wohl rät das mir den Weg.88Waldvogel
Er tritt dem Wanderer näher
Einen Felsen such’ ich,1Abenteuer
von Feuer ist der umwabert:1
dort schläft ein Weib,88Waldvogel
das ich wecken will.

88
Der WandererWer sagt’ es dir, den Fels zu suchen?
Wer, nach der Frau dich zu sehnen?

SiegfriedMich wies ein singend Waldvöglein:88Waldvogel
das gab mir gute Kunde.

Der WandererEin Vöglein schwatzt wohl manches;
kein Mensch doch kann’s verstehn.
Wie mochtest du Sinn dem Sang entnehmen?

SiegfriedDas wirkte das Blut eines wilden Wurms,11Fafner
der mir vor Neidhöhl’ erblaßte:
kaum netzt’ es zündend die Zunge mir,
da verstand ich der Vöglein Gestimm’.

Der WandererErschlugst den Riesen du,
wer reizte dich,
den starken Wurm zu bestehn?

SiegfriedMich führte Mime, ein falscher Zwerg;
das Fürchten wollt’ er mich lehren:
zum Schwertstreich aber,65Schwert
der ihn erschlug,65
reizte der Wurm mich selbst;11Fafner
seinen Rachen riß er mir auf.

Der WandererWer schuf das Schwert so scharf und hart,
daß der stärkste Feind ihm fiel?

SiegfriedDas schweißt’ ich mir selbst,3Arbeit
da’s der Schmied nicht konnte:3
schwertlos noch wär’ ich wohl sonst.

50Nibelungen
Der WandererDoch, wer schuf die starken Stücken,
daraus das Schwert du dir geschweißt?

SiegfriedWas weiß ich davon?
Ich weiß allein,
daß die Stücke mir nichts nützten,
schuf ich das Schwert mir nicht neu.

Der Wanderer bricht in ein freudig gemütliches Lachen aus
Das mein’ ich wohl auch!94Wälsungenleid
Er betrachtet Siegfried wohlgefällig

Siegfried verwundert
Was lachst du mich aus?
Alter Frager! Hör’ einmal auf;
laß mich nicht länger hier schwatzen!
Kannst du den Weg mir weisen, so rede:94Wälsungenleid
vermagst du’s nicht, so halte dein Maul!

94
Der WandererGeduld, du Knabe! Dünk’ ich dich alt,
so sollst du Achtung mir bieten.

SiegfriedDas wär’ nicht übel!
Solang’ ich lebe,
stand mir ein Alter stets im Wege;
den hab’ ich nun fortgefegt.
Stemmst du dort länger steif dich mir entgegen,34Jugendkraft
sieh dich vor, sag’ ich,34
mit entsprechender Gebärde34
daß du wie Mime nicht fährst!34
Er tritt noch näher an den Wanderer heran88Waldvogel
Wie siehst du denn aus?
Was hast du gar für ’nen großen Hut?
Warum hängt er dir so ins Gesicht?

94Wälsungenleid
Der Wanderer immer ohne seine Stellung zu verlassen
Das ist so Wand’rers Weise,
wenn dem Wind entgegen er geht.

Siegfried immer näher ihn betrachtend
Doch darunter fehlt dir ein Auge!90Walhall
Das schlug dir einer gewiß schon aus,
dem du zu trotzig den Weg vertratst?
Mach dich jetzt fort,
sonst könntest du leicht
das andere auch noch verlieren.

Der WandererIch seh’, mein Sohn, wo du nichts weißt,90Walhall
da weißt du dir leicht zu helfen.
Mit dem Auge, das als andres mir fehlt,90Walhall
erblickst du selber das eine,90
das mir zum Sehen verblieb.

90
Siegfried der sinnend zugehört hat, bricht jetzt unwillkürlich in helles Lachen aus
Zum Lachen bist du mir lustig!
Doch hör’, nun schwatz’ ich nicht länger:
geschwind, zeig’ mir den Weg,
deines Weges ziehe dann du;
zu nichts andrem acht’ ich dich nütz’:
drum sprich, sonst spreng’ ich dich fort!

Der Wanderer weich
Kenntest du mich, kühner Sproß,79Unmuth
den Schimpf spartest du mir!79
Dir so vertraut,79
trifft mich schmerzlich dein Dräuen.79
Liebt’ ich von je deine lichte Art,94Wälsungenleid
Grauen auch zeugt’ ihr mein zürnender Grimm.79Unmuth
Dem ich so hold bin, Allzuhehrer,
heut’ nicht wecke mir Neid:
er vernichtete dich und mich!

SiegfriedBleibst du mir stumm, störrischer Wicht?79Unmuth
Weich’ von der Stelle,79
denn dorthin, ich weiß,79
führt es zur schlafenden Frau.79
So wies es mein Vöglein,
das hier erst flüchtig entfloh.88Waldvogel
Es wird schnell wieder ganz finster

Der Wanderer in Zorn ausbrechend und in gebieterischer Stellung
Es floh dir zu seinem Heil!
Den Herrn der Raben erriet es hier:
weh’ ihm, holen sie’s ein!83Vertrag
Den Weg, den es zeigte,
sollst du nicht ziehn!

Siegfried tritt mit Verwunderung in trotziger Stellung zurück
Hoho! Du Verbieter!79Unmuth
Wer bist du denn,79
daß du mir wehren willst?

79
Der WandererFürchte des Felsens Hüter!79
Verschlossen hält meine Macht die schlafende Maid:79
wer sie erweckte, wer sie gewänne,
machtlos macht’ er mich ewig!
Ein Feuermeer umflutet die Frau,4279Loge
Unmuth
glühende Lohe umleckt den Fels:4279
wer die Braut begehrt,42
dem brennt entgegen die Brunst.42
Er winkt mit dem Speere nach der Felsenhöhe
Blick’ nach der Höh’!1291Walküre
Erlugst du das Licht?12Feuerzauber
Es wächst der Schein,12
es schwillt die Glut;12
sengende Wolken, wabernde Lohe12
wälzen sich brennend und prasselnd herab:12
ein Lichtmeer umleuchtet dein Haupt:12
Mit wachsender Helle zeigt sich von der Höhe des Felsens her ein wabernder Feuerschein12
bald frißt und zehrt dich zündendes Feuer.12
Zurück denn, rasendes Kind!

12
SiegfriedZurück, du Prahler, mit dir!67Siegfried
Er schreitet weiter, der Wanderer stellt sich ihm entgegen
Dort, wo die Brünste brennen,1Abenteuer
zu Brünnhilde muß ich dahin!

67Siegfried
Der WandererFürchtest das Feuer du nicht,1Abenteuer
den Speer vorhaltend
so sperre mein Speer dir den Weg!8367Vertrag
Siegfried
Unmuth
Noch hält meine Hand der Herrschaft Haft:79
das Schwert, das du schwingst,79
zerschlug einst dieser Schaft:79
noch einmal denn zerspring’ es am ew’gen Speer!7983Vertrag
Er streckt den Speer vor

Siegfried das Schwert ziehend
Meines Vaters Feind! Find’ ich dich hier?94Wälsungenleid
Herrlich zur Rache geriet mir das!94
Schwing’ deinen Speer:94
in Stücken spalt’ ihn mein Schwert!65Schwert
Er haut dem Wanderer mit einem Schlage den Speer in zwei Stücken; ein Blitzstrahl fährt daraus nach der Felsenhöhe zu, wo von nun an der bisher mattere Schein in immer helleren Feuerflammen zu lodern beginnt. Starker Donner, der schnell sich abschwächt, begleitet den Schlag. Die Speerstücken rollen zu des Wanderers Füßen. Er rafft sie ruhig auf

83Vertrag
Der Wanderer zurückweichend
Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!228Götterdämmerung
Erda
Entsagung
Er verschwindet plötzlich in völliger Finsternis

6
SiegfriedMit zerfocht’ner Waffe wich mir der Feige?94Wälsungenleid
Die wachsende Helle der immer tiefer sich senkenden Feuerwolken trifft Siegfrieds Blick67Siegfried
Ha! Wonnige Glut! Leuchtender Glanz!671Abenteuer
Strahlend nun offen steht mir die Straße.1
Im Feuer mich baden!88Waldvogel
Im Feuer zu finden die Braut –88
Hoho! Hahei!88
Jetzt lock’ ich ein liebes Gesell!
Siegfried setzt sein Horn an und stürzt, seine Lockweise blasend, sich in das wogende Feuer, welches sich, von der Höhe herabdringend, nun auch über den Vordergrund ausbreitet. Siegfried, den man bald nicht mehr erblickt, scheint sich nach der Höhe zu entfernen. Hellstes Leuchten der Flammen. Danach beginnt die Glut zu erbleichen und löst sich allmählich in ein immer feineres, wie durch die Morgenröte beleuchtetes Gewölk auf62421672912Schlaf
Loge
Abenteuer
Siegfried
Horn
Feuerzauber