Siegfried 3. Aufzug 3. Szene 2

Siegfried sinkt, wie ersterbend, auf die Schlafende und heftet mit geschlossenen Augen seine Lippen auf ihren Mund. Brünnhilde schlägt die Augen auf. Siegfried fährt auf und bleibt vor ihr stehen. Brünnhilde richtet sich langsam zum Sitze auf. Sie begrüßt mit feierlichen Gebärden der erhobenen Arme ihre Rückkehr zur Wahrnehmung der Erde und des Himmels 10611427Erwachen
Schicksal
Freia
Hingebung
BrünnhildeHeil dir, Sonne!
Heil dir, Licht!
Heil dir, leuchtender Tag!
Lang war mein Schlaf; 61Schicksal
ich bin erwacht. 61
Wer ist der Held, der mich erweckt’?

Siegfried von ihrem Blicke und ihrer Stimme feierlich ergriffen, steht wie festgebannt
Durch das Feuer drang ich, 67Siegfried
das den Fels umbrann; 67
ich erbrach dir den festen Helm: 67
Siegfried bin ich, der dich erweckt’.

67
Brünnhilde hoch aufgerichtet sitzend
Heil euch, Götter!
Heil dir, Welt!
Heil dir, prangende Erde!
Zu End’ ist nun mein Schlaf;
erwacht, seh’ ich:
Siegfried ist es, der mich erweckt!

Siegfried in erhabenste Verzückung ausbrechend
O Heil der Mutter, die mich gebar; 7Entzückung
Heil der Erde, die mich genährt! 7
Daß ich das Aug’ erschaut,
das jetzt mir Seligem lacht!

6732Siegfried
Jubel
Brünnhilde mit größter Bewegtheit
O Heil der Mutter, die dich gebar! 7Entzückung
Heil der Erde, die dich genährt! 7
Nur dein Blick durfte mich schau’n, 7
erwachen durft’ ich nur dir! 3267Jubel
Siegfried
Beide bleiben voll strahlenden Entzückens in ihren gegenseitigen Anblick verloren
O Siegfried! Siegfried! Seliger Held! 7Entzückung
Du Wecker des Lebens, siegendes Licht! 32Jubel
O wüßtest du, Lust der Welt,
wie ich dich je geliebt! 7Entzückung
Du warst mein Sinnen, 7
mein Sorgen du! 7
Dich Zarten nährt’ ich, 7
noch eh’ du gezeugt; 7
noch eh’ du geboren, 7
barg dich mein Schild: 7
so lang’ lieb’ ich dich, Siegfried!

68Siegfriedliebe
Siegfried leise und schüchtern
So starb nicht meine Mutter? 94Wälsungenleid
Schlief die minnige nur?

Brünnhilde lächelnd, freundlich die Hand nach ihm ausstreckend 32Jubel
Du wonniges Kind! 32
Deine Mutter kehrt dir nicht wieder. 32
Du selbst bin ich, 32
wenn du mich Selige liebst. 32
Was du nicht weißt, 61Schicksal
weiß ich für dich;
doch wissend bin ich 68Siegfriedliebe
nur – weil ich dich liebe! 68
O Siegfried! Siegfried! Siegendes Licht! 327Jubel
Entzückung
Dich liebt’ ich immer; 32
denn mir allein erdünkte Wotans Gedanke.
Der Gedanke, den ich nie nennen durfte;
den ich nicht dachte, sondern nur fühlte;
für den ich focht, kämpfte und stritt;
für den ich trotzte dem, der ihn dachte;
für den ich büßte, Strafe mich band,
weil ich nicht ihn dachte und nur empfand! 95Wälsungenliebe
Denn der Gedanke – dürftest du’s lösen! – 68Siegfriedliebe
mir war er nur Liebe zu dir!

68
SiegfriedWie Wunder tönt, was wonnig du singst; 7Entzückung
doch dunkel dünkt mich der Sinn. 7
Deines Auges Leuchten seh’ ich licht; 7
deines Atems Wehen fühl’ ich warm; 7
deiner Stimme Singen hör’ ich süß: 7
doch was du singend mir sagst,
staunend versteh’ ich’s nicht. 40Liebesverwirrung
Nicht kann ich das Ferne sinnig erfassen,
wenn alle Sinne dich nur sehen und fühlen!
Mit banger Furcht fesselst du mich: 40Liebesverwirrung
du Einz’ge hast ihre Angst mich gelehrt. 40
Den du gebunden in mächtigen Banden,
birg meinen Mut mir nicht mehr! 27Hingebung
Er verweilt in großer Aufregung, sehnsuchtsvollen Blick auf sie heftend