Tannhäuser 2. Aufzug 4. Szene 2

Allgemeiner Aufbruch und Entsetzen
AlleHa, der Verruchte! Fliehet ihn!
Hört es! Er war im Venusberg!

EdelfrauenHinweg! Hinweg aus seiner Näh’!
Sie entfernen sich in größter Bestürzung unter Gebärden des Abscheus. Nur Elisabeth, welche dem Verlaufe des Streites in furchtbar wachsender Angst zuhörte, bleibt von den Frauen allein zurück, bleich, mit dem größten Aufwand ihrer Kraft an einer der hölzernen Säulen des Baldachins sich aufrecht erhaltend.
Der Landgraf, alle Ritter und Sänger haben ihre Sitze verlassen und treten zusammen. Tannhäuser zur äußersten Linken verbleibt noch eine Zeitlang wie in Verzückung.


LandgrafIhr habt’s gehört! Sein frevler Mund
tat das Bekenntnis schrecklich kund.
Er hat der Hölle Lust geteilt,
im Venusberg hat er geweilt! –
Entsetzlich! Scheußlich! Fluchenswert!
In seinem Blute netzt das Schwert!
Zum Höllenpfuhl zurückgesandt,
sei er gefemt, sei er gebannt!
Alle stürzen mit entblößten Schwertern auf Tannhäuser ein, welcher eine trotzige Stellung einnimmt. Elisabeth wirft sich mit einem herzzerreißenden Schrei dazwischen und deckt Tannhäuser mit ihrem Leibe.

ElisabethHaltet ein! –
Bei ihrem Anblick halten alle in größter Betroffenheit an.

LandgrafWas seh’ ich? Wie, Elisabeth!
Die keusche Jungfrau für den Sünder?

ElisabethZurück! Des Todes achte ich sonst nicht!
Was ist die Wunde eures Eisens gegen
den Todesstoß, den ich von ihm empfing?

LandgrafElisabeth! Was muß ich hören?
Wie ließ dein Herz dich so betören,
von dem die Strafe zu beschwören,
der auch so furchtbar dich verriet?

ElisabethWas liegt an mir? Doch er, – sein Heil!
Wollt ihr sein ewig Heil ihm rauben?

LandgrafVerworfen hat er jedes Hoffen,
niemals wird ihm des Heils Gewinn!
Des Himmels Fluch hat ihn getroffen;
in seinen Sünden fahr’ er hin!
Sie dringen von neuem auf Tannhäuser ein.

ElisabethZurück von ihm! Nicht ihr seid seine Richter!
Grausame! Werft von euch das wilde Schwert
und gebt Gehör der reinen Jungfrau Wort
Vernehmt durch mich, was Gottes Wille ist! –
Der Unglücksel’ge, den gefangen
ein furchtbar mächt’ger Zauber hält,
wie? sollt’ er nie zum Heil gelangen
durch Reu’ und Buß’ in dieser Welt?
Die ihr so stark im reinen Glauben,
verkennt ihr so des Höchsten Rat?
Wollt ihr des Sünders Hoffnung rauben,
so sagt, was euch er Leides tat?
Seht mich, die Jungfrau, deren Blüte
mit einem jähen Schlag er brach, –
die ihn geliebt tief im Gemüte,
der jubelnd er das Herz zerstach: –
Ich fleh’ für ihn, ich flehe für sein Leben,
zur Buße lenk’ er reuevoll den Schritt!
Der Mut des Glaubens sei ihm neu gegeben,
daß auch für ihn einst der Erlöser litt!

Tannhäuser nach und nach von der Höhe seiner Aufregung und seines Trotzes herabgesunken, durch Elisabeths Fürsprache auf das heftigste ergriffen, sinkt in Zerknirschung zusammen
Weh! Weh mir Unglücksel’gem!

Landgraf allmählich beruhigt und gerührt
Ein Engel stieg aus lichtem Äther,
zu künden Gottes heil’gen Rat. –
Blick hin, du schändlicher Verräter,
werd inne deiner Missetat!
Du gabst ihr Tod, sie bittet für dein Leben;
wer bliebe rauh, hört er des Engels Flehn?
Darf ich auch nicht dem Schuldigen vergeben
dem Himmels-Wort kann ich nicht widerstehn.

TannhäuserZum Heil den Sündigen zu führen,
die Gott-Gesandte nahte mir:
doch, ach! sie frevelnd zu berühren
hob ich den Lästerblick zu ihr!
O du, hoch über diesen Erdengründen,
die mir den Engel meines Heils gesandt,
erbarm dich mein, der ach! so tief in Sünden
schmachvoll des Himmels Mittlerin verkannt!

Landgraf nach einer Pause
Ein furchtbares Verbrechen ward begangen: –
es schlich mit heuchlerischer Larve sich
zu uns der Sünde fluchbeladner Sohn. –
Wir stoßen dich von uns, – bei uns darfst du
nicht weilen; schmachbefleckt ist unser Herd
durch dich, und dräuend blickt der Himmel selbst
auf dieses Dach, das dich zu lang’ schon birgt.
Zur Rettung doch vor ewigem Verderben
steht offen dir ein Weg: von mir dich stoßend,
zeig’ ich ihn dir: – nütz ihn zu deinem Heil! –
Versammelt sind aus meinen Landen
bußfert’ge Pilger, stark an Zahl:
die ält’ren schon voran sich wandten,
die jüng’ren rasten noch im Tal.
Nur um geringer Sünde willen
ihr Herz nicht Ruhe ihnen läßt,
der Buße frommen Drang zu stillen
ziehn sie nach Rom zum Gnadenfest.
Mit ihnen sollst du wallen
zur Stadt der Gnadenhuld,
im Staub dort niederfallen
und büßen deine Schuld!
Vor ihm stürz dich darnieder,
der Gottes Urteil spricht;
doch kehre nimmer wieder,
ward dir sein Segen nicht!
Mußt’ unsre Rache weichen,
weil sie ein Engel brach:
dies Schwert wird dich erreichen,
harrst du in Sünd und Schmach!

ElisabethLaß hin zu dir ihn wallen,
du Gott der Gnad’ und Huld!
Ihm, der so tief gefallen,
vergib der Sünden Schuld!
Für ihn nur will ich flehen,
mein Leben sei Gebet;
laß ihn dein Leuchten sehen
eh’ er in Nacht vergeht!
Mit freudigem Erbeben
laß dir ein Opfer weihn!
Nimm hin, o nimm mein Leben:
nicht nenn’ ich es mehr mein!

TannhäuserWie soll ich Gnade finden,
wie büßen meine Schuld?
Mein Heil sah ich entschwinden,
mich flieht des Himmels Huld.
Doch will ich büßend wallen,
zerschlagen meine Brust,
im Staube niederfallen, –
Zerknirschung sei mir Lust:
o, daß nur er versöhnet,
der Engel meiner Not,
der sich, so frech verhöhnet,
zum Opfer doch mir bot!

Gesang der Jüngeren Pilger aus dem Tale heraufschallend
Am hohen Fest der Gnadenhuld
in Demut sühnet eure Schuld!
Gesegnet wer im Glauben treu:
er wird erlöst durch Buß’ und Reu’.
Alle haben innegehalten und mit Rührung dem Gesange zugehört. Tannhäuser dessen Züge von einem Strahle schnell erwachter Hoffnung erleuchtet werden, eilt ab mit dem Rufe:
Nach Rom!

Alle ihm nachrufend
Nach Rom!
Der Vorhang fällt schnell.