Tannhäuser 3. Aufzug 3. Szene 1

Dritte Szene♫Noten
Es ist Nacht geworden. – Tannhäuser tritt auf. Er trägt zerrissene Pilgerkleidung, sein Antlitz ist bleich und entstellt; er wankt matten Schrittes an seinem Stabe.
TannhäuserIch hörte Harfenschlag – wie klang er traurig!
Der kam wohl nicht von ihr. –

WolframWer bist du, Pilger, der du so einsam wanderst?

TannhäuserWer ich bin?
Kenn’ ich doch dich recht gut; – Wolfram bist du,
der wohlgeübte Sänger.

WolframHeinrich! Du?
Was bringt dich her in diese Nähe? Sprich! ♫Noten
Wagst du es, unentsündigt wohl den Fuß
nach dieser Gegend herzulenken?

TannhäuserSei außer Sorg’, mein guter Sänger! –
Nicht such’ ich dich noch deiner Sippschaft einen.
Doch such’ ich wen, der mir den Weg wohl zeige,
den Weg, den einst so wunderleicht ich fand –-

WolframUnd welchen Weg?

Tannhäuser mit unheimlicher Lüsternheit
Den Weg zum Venusberg!

WolframEntsetzlicher! Entweihe nicht mein Ohr!
Treibt es dich dahin?

TannhäuserKennst du wohl den Weg?

WolframWahnsinn’ger! Grauen faßt mich, hör’ ich dich!
Wo warst du? Sag, zogst du denn nicht nach Rom?

Tannhäuser wütend
Schweig mir von Rom!

WolframWarst nicht beim heil’gen Feste?

TannhäuserSchweig mir von ihm!

WolframSo warst du nicht? – Sag, ich beschwöre dich!

Tannhäuser nach einer Pause, wie sich besinnend, mit schmerzlichem Ingrimm♫Noten
Wohl war auch ich in Rom. –

WolframSo sprich! Erzähle mir, Unglücklicher!
Mich faßt ein tiefes Mitleid für dich an.

Tannhäuser nachdem er Wolfram lange mit gerührter Verwunderung betrachtet hat
Wie sagst du, Wolfram? Bist du nicht mein Feind?

WolframNie war ich es, so lang’ ich fromm dich wähnte! –
Doch sprich! Du pilgertest nach Rom?

TannhäuserWohl denn!
Hör an! Du, Wolfram, du sollst es erfahren.
Er läßt sich erschöpft am Fuße des vorderen Bergvorsprunges nieder. Wolfram will sich an seiner Seite niedersetzen.
Bleib fern von mir! Die Stätte, wo ich raste,
ist verflucht. – Hör an, Wolfram, hör an!
Wolfram bleibt in geringer Entfernung vor Tannhäuser stehen.
Inbrunst im Herzen, wie kein Büßer noch
sie je gefühlt, sucht’ ich den Weg nach Rom.
Ein Engel hatte, ach! der Sünde Stolz
dem Übermütigen entwunden: –
für ihn wollt’ ich in Demut büßen,
das Heil erflehn, das mir verneint,
um ihm die Träne zu versüßen, ♫Noten
die er mir Sünder einst geweint! –
Wie neben mir der schwerstbedrückte Pilger
die Straße wallt’, erschien mir allzuleicht: –
betrat sein Fuß den weichen Grund der Wiesen,
der nackten Sohle sucht’ ich Dorn und Stein;
ließ Labung er am Quell den Mund genießen,
sog ich der Sonne heißes Glühen ein; –
wenn fromm zum Himmel er Gebete schickte,
vergoß mein Blut ich zu des Höchsten Preis; –
als das Hospiz die Wanderer erquickte,
die Glieder bettet’ ich in Schnee und Eis: –
verschloßnen Aug’s, ihr Wunder nicht zu schauen,
durchzog ich blind Italiens holde Auen: –
ich tat’s, – denn in Zerknirschung wollt’ ich büßen,
um meines Engels Tränen zu versüßen! – – ♫Noten
Nach Rom gelangt’ ich so zur heil’gen Stelle,
lag betend auf des Heiligtumes Schwelle; –
der Tag brach an: – da läuteten die Glocken,
hernieder tönten himmlische Gesänge;
da jauchzt’ es auf in brünstigem Frohlocken,
denn Gnad’ und Heil verhießen sie der Menge.
Da sah ich ihn, durch den sich Gott verkündigt,
vor ihm all Volk im Staub sich niederließ;
und Tausenden er Gnade gab, entsündigt ♫Noten
er Tausende sich froh erheben hieß. –
Da naht’ auch ich; das Haupt gebeugt zur Erde,
klagt’ ich mich an mit jammernder Gebärde
der bösen Lust, die meine Sinn’ empfanden,
des Sehnens, das kein Büßen noch gekühlt;
und um Erlösung aus den heißen Banden
rief ich ihn an, von wildem Schmerz durchwühlt. –
Und er, den so ich bat, hub an: –
«Hast du so böse Lust geteilt,
dich an der Hölle Glut entflammt,
hast du im Venusberg geweilt:
so bist nun ewig du verdammt!
Wie dieser Stab in meiner Hand
nie mehr sich schmückt mit frischem Grün,
kann aus der Hölle heißem Brand
Erlösung nimmer dir erblühn!» – – ♫Noten
Da sank ich in Vernichtung dumpf darnieder,
die Sinne schwanden mir. – Als ich erwacht,
auf ödem Platze lagerte die Nacht, –
von fern her tönten frohe Gnadenlieder. –
Da ekelte mich der holde Sang, –
von der Verheißung lügnerischem Klang,
der eiseskalt mir durch die Seele schnitt,
trieb Grausen mich hinweg mit wildem Schritt. –
Dahin zog’s mich, wo ich der Wonn’ und Lust
so viel genoß an ihrer warmen Brust! –
Zu dir, Frau Venus, kehr’ ich wieder, ♫Noten
in deiner Zauber holde Nacht;
zu deinem Hof steig’ ich darnieder,
wo nun dein Reiz mir ewig lacht!