Tristan 1. Aufzug 1. Szene

Tristan und Isolde
Entstehung: 856-1859
Première: München 1865
Erster Aufzug
Erste Szene
Zeltartiges Gemach auf dem Vorderdeck eines Seeschiffes, reich mit Teppichen behangen, beim Beginn nach dem Hintergrunde zu gänzlich geschlossen; zur Seite führt eine schmale Treppe in den Schiffsraum hinab. – Isolde auf einem Ruhebett, das Gesicht in die Kissen gedrückt. Brangäne, einen Teppich zurückgeschlagen haltend, blickt zur Seite über Bord.
Junger Seemann seine Stimme aus der Höhe, wie vom Mast her, vernehmbar
Westwärts
schweift der Blick:
ostwärts
streicht das Schiff.
Frisch weht der Wind
der Heimat zu:
mein irisch Kind,
wo weilest du?
Sind’s deiner Seufzer Wehen,
die mir die Segel blähen?
Wehe, wehe, du Wind!
Weh, ach wehe, mein Kind!
Irische Maid,
du wilde, minnige Maid!

Isolde jäh auffahrend
Wer wagt mich zu höhnen?
sie blickt verstört um sich
Brangäne, du?
Sag – wo sind wir?

Brangäne an der Öffnung
Blaue Streifen
stiegen im Westen auf;
sanft und schnell
segelt das Schiff:
auf ruhiger See vor Abend
erreichen wir sicher das Land.

IsoldeWelches Land?

BrangäneKornwalls grünen Strand.

IsoldeNimmermehr!
Nicht heut noch morgen!

Brangäne läßt den Vorhang zufallen und eilt bestürzt zu Isolde
Was hör’ ich? Herrin! Ha!

Isolde wild vor sich hin
Entartet Geschlecht!
Unwert der Ahnen!
Wohin, Mutter,
vergabst du die Macht,
über Meer und Sturm zu gebieten?
O zahme Kunst
der Zauberin,
die nur Balsamtränke noch braut!
Erwache mir wieder,
kühne Gewalt;
herauf aus dem Busen,
wo du dich bargst!
Hört meinen Willen,
zagende Winde!
Heran zu Kampf
und Wettergetös’!
Zu tobender Stürme
wütendem Wirbel!
Treibt aus dem Schlaf
dies träumende Meer,
weckt aus dem Grund
seine grollende Gier!
Zeigt ihm die Beute,
die ich ihm biete!
Zerschlag es dies trotzige Schiff,
des zerschellten Trümmer verschling’s!
Und was auf ihm lebt,
den wehenden Atem,
den laß ich euch Winden zum Lohn!

Brangäne im äußersten Schreck, um Isolde sich bemühend
O weh!
Ach! Ach
des Übels, das ich geahnt!
Isolde! Herrin!
Teures Herz!
Was bargst du mir so lang?
Nicht eine Träne
weintest du Vater und Mutter;
kaum einen Gruß
den Bleibenden botest du.
Von der Heimat scheidend
kalt und stumm,
bleich und schweigend
auf der Fahrt;
ohne Nahrung,
ohne Schlaf;
starr und elend,
wild verstört:
wie ertrug ich,
so dich sehend,
nichts dir mehr zu sein,
fremd vor dir zu stehn?
Oh, nun melde,
was dich müht?
Sage, künde,
was dich quält?
Herrin Isolde,
trauteste Holde,
soll sie wert sich dir wähnen,
vertraue nun Brangänen!

IsoldeLuft! Luft!
Mir erstickt das Herz!
Öffne! Öffne dort weit!
Brangäne zieht eilig die Vorhänge in der Mitte auseinander.