Tristan 1. Aufzug 3. Szene 2

BrangäneO Wunder! Wo hatt’ ich die Augen?
Der Gast, den einst
ich pflegen half?

IsoldeSein Lob hörtest du eben:
«Hei! Unser Held Tristan» –
der war jener traur’ge Mann.
Er schwur mit tausend Eiden
mir ew’gen Dank und Treue!
Nun hör, wie ein Held
Eide hält!
Den als Tantris
unerkannt ich entlassen,
als Tristan
kehrt’ er kühn zurück;
auf stolzem Schiff,
von hohem Bord,
Irlands Erbin
begehrt’ er zur Eh’
für Kornwalls müden König,
für Marke, seinen Ohm.
Da Morold lebte,
wer hätt’ es gewagt
uns je solche Schmach zu bieten?
Für der zinspflicht’gen
Kornen Fürsten
um Irlands Krone zu werben!
Ach, wehe mir!
Ich ja war’s,
die heimlich selbst
die Schmach sich schuf!
Das rächende Schwert,
statt es zu schwingen,
machtlos ließ ich’s fallen!
Nun dien’ ich dem Vasallen!

BrangäneDa Friede, Sühn’ und Freundschaft
von allen ward beschworen,
wir freuten uns all’ des Tags;
wie ahnte mir da,
daß dir es Kummer schüf’?

IsoldeO blinde Augen,
blöde Herzen!
Zahmer Mut,
verzagtes Schweigen!
Wie anders prahlte
Tristan aus,
was ich verschlossen hielt!
Die schweigend ihm
das Leben gab,
vor Feindes Rache
ihn schweigend barg;
was stumm ihr Schutz
zum Heil ihm schuf –
mit ihr gab er es preis!
Wie siegprangend
heil und hehr,
laut und hell
wies er auf mich:
«Das wär ein Schatz,
mein Herr und Ohm;
wie dünkt Euch die zur Eh’?
Die schmucke Irin
hol’ ich her;
mit Steg’ und Wegen
wohlbekannt,
ein Wink, ich flieg’
nach Irenland:
Isolde, die ist Euer!
Mir lacht das Abenteuer!»
Fluch dir, Verruchter!
Fluch deinem Haupt!
Rache! Tod!
Tod uns beiden!

Brangäne mit ungestümer Zärtlichkeit auf Isolde stürzend
O Süße! Traute!
Teure! Holde!
Goldne Herrin!
Lieb’ Isolde!
Sie zieht Isolde allmählich nach dem Ruhebett.
Hör mich! Komme!
Setz dich her!
Welcher Wahn,
welch eitles Zürnen!
Wie magst du dich betören,
nicht hell zu sehn noch hören?
Was je Herr Tristan
dir verdankte,
sag, konnt’ er’s höher lohnen
als mit der herrlichsten der Kronen?
So dient’ er treu
dem edlen Ohm;
dir gab er der Welt
begehrlichsten Lohn:
dem eignen Erbe,
echt und edel,
entsagt’ er zu deinen Füßen,
als Königin dich zu grüßen!
Isolde wendet sich ab.
Und warb er Marke
dir zum Gemahl,
wie wolltest du die Wahl doch schelten,
muß er nicht wert dir gelten?
Von edler Art
und mildem Mut,
wer gliche dem Mann
an Macht und Glanz?
Dem ein hehrster Held
so treulich dient,
wer möchte sein Glück nicht teilen,
als Gattin bei ihm weilen?

Isolde starr vor sich hinblickend
Ungeminnt
den hehrsten Mann
stets mir nah zu sehen!
Wie könnt’ ich die Qual bestehen?

BrangäneWas wähnst du, Arge?
Ungeminnt? –
Sie nähert sich schmeichelnd und kosend Isolde.
Wo lebte der Mann,
der dich nicht liebte?
Der Isolde säh’
und in Isolden
selig nicht ganz verging’?
Doch der dir erkoren,
wär’ er so kalt,
zög’ ihn von dir
ein Zauber ab:
den bösen wüßt’ ich
bald zu binden.
Ihn bannte der Minne Macht.
mit geheimnisvoller Zutraulichkeit ganz zu Isolde
Kennst du der Mutter
Künste nicht?
Wähnst du, die alles
klug erwägt,
ohne Rat in fremdes Land
hätt’ sie mit dir mich entsandt?

Isolde düster
Der Mutter Rat
gemahnt mich recht;
willkommen preis’ ich
ihre Kunst:
Rache für den Verrat,
Ruh’ in der Not dem Herzen!
Den Schrein dort bring mir her!

BrangäneEr birgt, was Heil dir frommt.
Sie holt eine kleine goldne Truhe herbei, öffnet sie und deutet auf ihren Inhalt.
So reihte sie die Mutter,
die mächt’gen Zaubertränke.
Für Weh und Wunden
Balsam hier;
für böse Gifte
Gegengift.
Sie zieht ein Fläschen hervor
Den hehrsten Trank,
ich halt’ ihn hier.

IsoldeDu irrst, ich kenn’ ihn besser;
ein starkes Zeichen
schnitt ich ihm ein.
Sie ergreift ein Fläschen und zeigt es.
Der Trank ist’s, der mir taugt!

Brangäne weicht entsetzt zurück
Der Todestrank!
Isolde hat sich vom Ruhebett erhoben und vernimmt mit wachsendem Schrecken den Ruf des Schiffvolks.

Schiffsvolk von außen
Ho! He! Ha! He!
Am Untermast
die Segel ein!
Ho! He! Ha! He!

IsoldeDas deutet schnelle Fahrt.
Weh mir! Nahe das Land!